In dieser knappen Stunde des Wartens hatte ich gelernt, dass es keine einfache Antwort auf all meine Fragen geben würde, auch wenn es mir die Familie versprochen hatte. Selbst wenn diese Menschen ihre Lösung gefunden hatten, allgemeingültig konnte sie nicht sein.
Die Frau kam zurück ins Zimmer und fragte den Mann mit sanfter Stimme, ob sein Wille noch immer derselbe sei. Als er bejahte fragte sie, ob er noch beten möchte oder einen weiteren Wunsch noch nicht geäußert habe.
»Nein«, sagte der Mann. Gebetet habe er sein Leben lang nicht, nur gehofft, dass er in Frieden leben und sein Dasein genau so beenden könne. Dass er nun seiner Familie einen solchen Tag nicht ersparen könne, mache ihn traurig.
Sohn und Schwiegersohn halfen dem Vater vom Rollstuhl auf die Liege, ehe der Mann darum bat, ein paar Worte mit Dr. Arnold zu sprechen. Zu guter Letzt suchte er die Hand seiner Frau.
Dr. Arnold hatte mir auch gesagt, dass er vor Eintritt des Todes gehen werde, um als Arzt nicht in den Verdacht aktiver Sterbehilfe zu geraten. Ich machte mich darauf gefasst, mit ihm gemeinsam das Haus zu verlassen. In den Stunden des Abschieds wollte ich nicht der fremde Dorn in der offenen Wunde dieser Menschen sein. Doch Dr. Arnold kam zurück auf die Veranda, oder was der Raum auch darstellen sollte, und blieb bei mir stehen.
»Wir bleiben hier«, sagte er kurz und das klang, als habe er es schon vorher gewusst. »Man möchte uns als unabhängige Zeugen.«
In diesem Moment fühlte ich mich übergangen, ausgenutzt, hinters Licht geführt. Doch ich hatte ja selbst davon gelesen, dass jeder Freitod in der Schweiz als außergewöhnlicher Todesfall gilt, über den die Polizei informiert werden muss. Die zuständige Kantons-Polizei untersucht dann zusammen mit einem Staatsanwalt die Todesumstände und die Begleiterscheinungen – aber soweit war es noch nicht.
Im Nebenraum war bald stille Bewegung. Jeder der Anwesenden trat dicht an das Bett des Vaters heran, sprach ein paar Worte mit ihm und küsste seine Stirn, die Wange oder den Mund. Erst als die Frau vom Verein erneut den Raum betrat, gingen sie ein Stück zurück. Allein die Ehefrau blieb am Bett und hielt die Hand des Mannes, der noch keine siebzig Jahre alt war, der fest im Leben gestanden, der aktiv gelebt und intensiv geliebt hatte. So hat es Dr. Arnold versichert. Als die Frau das Glas auf das kleine Tischchen stellte, weinten alle. Nur der Mann sagte: »Macht 's kurz Kinder.« Allein konnte er das Glas nicht sicher halten. Die Frau vom Verein nickte dem Sohn zu und ging aus dem Zimmer.
Dr. Arnold drehte unmerklich seinen Kopf nach rechts und ich sah, wie die Flüssigkeit im Glas immer weniger wurde. Meine Beine versagten mir den Dienst. Ich kannte den Mann vorher nicht und keinen seiner Familie. Ich sah mich plötzlich am Sterbebett von Gary stehen und zusehen, wie er mich trotz ewigen Treueschwurs vorzeitig allein lässt. Sogar im Wissen um seinen innigen Wunsch hätte ich bis zum Schluss gehofft, dass er den letzten Schritt nicht wirklich gehen würde.
Die Formalitäten mit der Polizei waren nicht angenehm, aber das war ich letztlich der Familie schuldig.
Ein Jahr später. Das Buch der Isa-Kathrin Benson vibriert in Noras Hand. Ihr Kopf kann dem Gefühl nicht folgen. Warum ist sie zu dieser Lesung gegangen? Warum wählt eine Autorin ein solches Thema, noch dazu mit so sperrigem Titel? »Deadline – Die Würde des Menschen überlebt den Tod.«
Welcher normale Mensch kann wissen, wie viel kriminelle Energie, welch ausgekochte Machenschaften auf das Sterben nach Ansage projiziert werden?
Und nun das …
Vielleicht ist sie hypersensibel, weil die Autorin wieder einmal den Finger in eine Wunde gelegt hat, die nicht so tief, nicht so brennend und weniger schmerzvoll wahrgenommen wird als sie ist. Sterbehilfe klingt für die meisten Menschen äußerst human. Wer selbstbestimmt lebt, will auch selbstbestimmt sterben dürfen. Und wenn die eigene Kraft dafür nicht reicht holt man sich professionelle Hilfe.
Das Für und Wider an der Sache hat die Autorin mit einem Satz zusammengefasst, und diesem Satz kann Nora beipflichten: »Eine Meinung zu haben ist nicht schwer. Eine Entscheidung zu treffen, sehr.«
Warum steht nicht dieser Satz als Widmung im Buch? Warum schreibt sie: » Das Leben ist das größte Wagnis, auf das man sich einlässt.«
Unter diesem Spruch jene Zeilen, die ihr erst zu Hause so schwer aufgegangen waren. Sie liest sie noch einmal Buchstaben für Buchstaben mit immer dem gleichen Ergebnis. Das Wort vor Gruß kann sie nicht entziffern, aber in ihren Augen heißt es: Letzter Gruß – Ihre Isa-Kathrin Benson . Es könnte allerdings auch lieber Gruß heißen. Selbst den letzten Gruß könnte sie als Lapsus verstehen. Unter dem starken Eindruck des Gelesenen und in Anbetracht der Wartenden, die am Ende der Lesung ihr Buch signieren lassen wollten, kann so etwas durchaus auch einer Professionellen passieren. Nicht aber das deutliche Kreuz wo das Datum hingehört. Es könnte allerdings auch eine schlecht geschriebene Sieben sein, eine dahin geklierte Vier. Vielleicht bewusst ungenau, weil es eine vorgeschriebene Widmung ist, um Zeit zu sparen. Die Frau wird ausreichend Erfahrung gemacht haben.
Ihre Worte am Abend klangen sehr zuversichtlich. Freilich konnte damit die Erwartung einhergehen, dass es bald bessere Gesetze geben werde. Die Ruhe der Frau, mit der sie das Wesen ihres Werkes vertrat, passt jedenfalls nicht zu dieser Widmung, die den Klang des eigenen Abgesanges trägt.
Nora hält die Luft an. Sie erinnert sich an den Blick der Frau und an die feste Stimme: »Sie sind die Tochter vom Polizeichef Klinner?«
»Sie kennen mich?«
»Nein. Aber Vermutungen sind der halbe Weg zur Wahrheit.«
Das war, bevor die Frau zu schreiben anfing, und Nora kommt es jetzt vor, als schrieb die Benson länger in ihr Buch, als bei jedem der Wartenden zuvor. Also keine vorgeschriebene Widmung …?
Die Aufgeregtheit von Nora entbehrt nicht einer gewissen Peinlichkeit, doch ihr Gefühl sagt, da steckt etwas dahinter. Ob Geheimnis oder nicht, ist nicht zu erklären.
Als Kind träumte Nora oft von einer seltsamen Botschaft, der sie nachgehen und damit Schlimmes verhindern könnte. Und sie träumte davon, wie ihr Vater sie dafür lobte. Damals war er noch nicht der Chef vom Revier.
Jetzt hat sie ihre Botschaft, aber sie ist kein Kind mehr – sie hat selbst ein Kind, für das sie Verantwortung zu tragen hat – nicht für eine erwachsene Buchautorin, die womöglich nur die Grenzen der Empathie ihrer Leser auszutesten versucht, um daraus ein neues Thema zu schöpfen.
Nora blinzelt zur Uhr und dann zum Telefon. Greta will sie nicht anrufen. Immerhin war sie ohne Greta zu dieser Lesung gegangen und das würde Greta übel nehmen.
Linus wüsste jetzt Rat. Linus wusste immer Rat. Aber Linus ist der Letzte, dem sie davon erzählen würde. Außerdem hat er heute seinen Papa-Tag, und wenn das Telefon zu dieser späten Stunde bei ihm schellt, könnte Madi wach werden. Nora widersteht jeder Versuchung. Zuerst muss sie sich selbst darüber klar werden, worin ihre Zweifel bestehen.
Sie kam vom Dienst und fuhr mit dem Lift nach oben. Normalerweise hängt sich an Tagen, an denen Linus seine Tochter haben darf, Greta in ihr Leben. Greta ist eine gute Kollegin, aber sie wird zuverlässig panisch wenn sie hört, dass Madi bei ihrem Vater ist. Pausenlos redet sie davon, dass die Sache nicht ungefährlich ist, dass viele dieser Väter ihre Kinder in ihr Heimatland entführt haben und dass in diesen Kulturen alles eine Frage der Ehre ist.
Linus ist nicht so. Er ist hier geboren und deshalb einer von hier. Sogar in Glaubensdingen spricht er nicht anders als sie. Es steht auch kein Koran in seinem Bücherschrank, keine Thora und was es noch an Glaubensbüchern gibt. Dass die Sache mit Linus dennoch nicht gut ausging … c´est la vie. Irgendwie lag ihre Liebe zu Linus ihrem Vater im Magen, das kann er bestreiten wie er will. Ein Polizeichef hat keine Vorurteile, hat er gesagt. Einverstanden: Vater ist kein Rassist. Wenn es aber um die eigene Haut geht, haben alle Menschen Vorbehalte, auch die Gesetzeshüter. Vielleicht ist es löblich, die eigene Tochter von all den Problemen fernzuhalten, die eine multikulturelle Ehe mit sich bringt. Vielleicht? Aber darum geht es jetzt nicht und schon lang nicht mehr.
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