„Ganz und gar nicht“, bestätigt Sean. „Das sind ausgesprochen teure Label. Vielleicht war sie Modefotografin und ist billiger an die Sachen gekommen.“
„Telefonier die Modedesigner in Montreal durch“, ordnet Marlowe an. Nein, er ordnet nicht an, er befiehlt nicht, er schlägt vor, empfiehlt. „Irgendwer in der Szene muss sie kennen. Wir brauchen Adresse, Angehörige und all den Kram.“
In den Küchenschränken finden wir Kaffeetassen aus braunem und Teller aus durchsichtigem Glas, im Kühlschrank eine Familienpackung Müsli und einen Zwei-Liter-Eimer fettarmen Joghurt. Im Wohnzimmer steht ein Tisch vor dem Fenster, der wahrscheinlich als Schreibtisch gedient hat, denn darauf liegen verschiedene Papiere. Sean steckt sie vorsichtshalber in die mitgebrachte Einkaufstüte.
„John, du könntest dich nach typisch fotografischen Dingen umsehen, aber fass möglichst wenig an, wegen der Fingerabdrücke. Nein, warte ...“ Aus der Tiefe einer Jackentasche holt Marlowe ein Reservepaar Latexhandschuhe hervor. Ich habe mich immer gewundert, woher die Detektive im Krimi ihre Handschuhe bekommen und die Plastikbeutelchen für die Beweisstücke. Jetzt ist mir klar, dass die zur Standardausrüstung gehören wie Farbfilter oder Stativ beim Fotografen. Farbfilter finde ich in einer kleinen Kommode, auch ein kleines Tischstativ und ein ziemlich teures elektronisches Blitzgerät. Mehrere Wechselobjektive. Ein paar kleine Spotlights, wie man sie bei der Außenarbeit verwendet, wenn man nur eine Autobatterie zur Verfügung hat.
„Interessant, was alles fehlt“, erkläre ich den beiden Kriminalbeamten. „Keine Kamera! Jeder Profi hat mehrere, ein halbes Dutzend oder so, trägt aber nie alle gleichzeitig mit sich rum. Ein Profi hat immer einen Vorrat an Filmen. Sie hat digital fotografiert, also müssten Speicherchips herumliegen. Aber vor allem fehlt der Computer, auf dem sie ihre Bilder ansehen, bearbeiten, auswerten kann.“
Auch Phil und Sean haben wenig gefunden, was sich mitzunehmen lohnt, kein Wunder im Zeitalter von Laptops und E-Mail. Der Kleiderschrank im Schlafzimmer enthält nur Auserlesenes. Dem Anschein nach ist die Kollegin in Designerkleidung auf den Bergen herumgekraxelt. Im Badezimmer nur ein Minimum an Kosmetika, mit Sicherheit nichts, was in irgendeiner Weise mit einem Mord zusammenhängen könnte.
Auf Befragen gibt die Managerin zu Protokoll, Lafontaine habe einen Kombiwagen gefahren, vielleicht war es auch kein Kombi, grau oder blau oder grün oder braun, nicht besonders groß, ein Ford oder Chrysler, vielleicht auch ein Japaner. Das Nummernschild könnte von Quebec gewesen sein, vielleicht auch von hier, wenn der Wagen gemietet war. Die Frau sieht wohl wenig von dem, was sich außerhalb ihres Großbildfernsehers abspielt.
„Wenn wir den Wagen finden, erfahren wir vielleicht etwas mehr“, knurrt Marlowe. „Gib eine Fahndung raus. Nach einem Auto, vielleicht ein Kombi oder ein normaler Pkw. Es hat höchstwahrscheinlich eine Farbe und möglicherweise ein Nummernschild. Sollte nicht schwer zu finden sein.“ Er hat sogar so etwas wie Humor. Das passt zwar nicht ins Bild – ich kann mich an keinen Fernsehcop erinnern, der je eine originelle Bemerkung hätte fallen lassen –, aber ich gebe ihm dafür noch ein paar Sympathiepunkte.
Sean fährt, Marlowe, den ich jetzt Phil nenne, sitzt auf dem Beifahrerplatz. Es ist wie gestern bei unserer ersten Begegnung, nur ist die Atmosphäre viel entspannter. Sie scheinen meinen fachlichen Beitrag ernst zu nehmen und behandeln mich fast wie ihresgleichen. Trotzdem beschließe ich, sie noch nicht in meinen Plan einzuweihen. Im Krimi bringt es die Polizei immer auf die Palme, wenn sich ein Zivilist einmischt. Im Leben ist es wahrscheinlich nicht anders.
Es hat ganz und gar zu regnen aufgehört, aber Harry kommt trotzdem gleich mit ins Haus. Die Detektive wollen keinen Kaffee mehr, sie müssen ihre Beute auswerten. Ich verspreche, baldmöglichst wegen des Protokolls vorbeizukommen, und sie hasten davon, um wieder zu ermitteln. Ich bringe meine Tasse hinüber zum Telefon und wähle die Nummer von Dan Helmer. Es scheint ihn nicht übermäßig zu wundern, dass ich mir die Sache anders überlegt habe. Menschen wie er glauben immer, mit Geld alles zu erreichen. Wahrscheinlich hat er Recht.
„Ich fange morgen früh an, wenn du mir heute – ich meine heute, nicht später – per Boten noch einige Sachen schickst. Erstens mein ganzes Honorar für diesen Job im Voraus. Zweitens den Betrag, den du mir noch für den Lachs-Film schuldest, inklusive Zinsen. Wenn einer der Schecks nicht gedeckt ist, fahre ich von der Bank direkt wieder nach Hause, und wir vergessen den Auftrag. Außerdem brauche ich natürlich Drehbuch und sonstiges Material. Und schließlich alles, wirklich alles, absolut alles, was von Jeanne Lafontaine noch bei dir im Büro zu finden ist, Fotos, Notizen, persönliche Gegenstände, bis zum gebrauchten Kleenex.“
Ich erzähle ihm nicht, dass sie ermordet wurde. Phil und Sean werden es ihm sicherlich auf die richtige Art beibringen.
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