„Wir haben auf Sie gewartet“, verkündet Marlowe. Heute bleibt er stehen, bis ich zur Seite trete und eine einladende Bewegung mache. Er lässt sich in meinem Lieblingssessel nieder, und ich setze die Kaffeemaschine in Gang.
„Tut mir leid, Inspektor, wir waren verhindert. Aber wir wollten gleich nach dem Mittagessen vorbeikommen. Milch und Zucker zum Kaffee?“ Er will nur Milch, erklärt mir, das Protokoll sei doch nicht so wichtig, ich könne es ja an einem der nächsten Tage unterschreiben. Überhaupt wirkt er gar nicht wie ein Polizist, eher wie ein Nachbar, der auf einen Plausch hereinschaut.
„Sie sind nicht zufällig mit Sherlock Holmes verwandt?“ fragt er unvermittelt.
„Inspektor! Sherlock Holmes und Dr. John Watson waren doch keine Brüder oder Cousins. Watson war der ständige Begleiter und gewissermaßen der Resonanzboden des großen Meisters, der dessen Ideen zum Klingen brachte. Er hat im Übrigen viel mehr kluge Gedanken beigesteuert als er dann in seiner Bescheidenheit aufgeschrieben hat. Und er war mein Urgroßvater, ich trage seinen Namen.“
Marlowe grinst breit. „Wie klein die Welt doch ist. Mein Großvater war der Privatdetektiv, der beispielsweise den berühmten Fall der Kleinen Schwester bearbeitet hat. Wir haben also beide die Aufklärung von Straftaten in unseren Genen. Da stört es Sie sicher nicht, wenn ich Sie als Resonanzboden benutze?“ Er zieht einen Packen Fotos aus der Tasche. „Ich muss Ihnen ein Kompliment machen, Watson. Dies sind die besten Tatortfotos, die ich je gesehen habe. Sollte der Fall je vor Gericht kommen, wird sich auch die Jury darüber freuen. Sie sind wirklich ein Profi. Gelegentlich würde ich gern mal andere Arbeiten von Ihnen sehen.“
Ich murmele ein Dankeschön für die Anerkennung, und er kann ja mal vorbeikommen, wenn wir mehr Zeit haben, dann zeige ich ihm ein paar Aufnahmen, und was man eben in so einer Situation sagt.
Aber damit gibt er sich noch nicht zufrieden. „Wenn Sie mir noch ein bisschen von Ihrer Zeit opfern können, möchte ich Ihr Know-how einmal mehr in Anspruch nehmen.“ Er zieht einen weiteren Stapel Fotos aus der Tasche. „Diese Bilder wurden bei der Leiche gefunden. Das heißt, nicht die Abzüge, sondern eine von diesen winzigen SD-Speicherkarten. Es muss sich um etwas Wichtiges handeln, denn sie hatte sie in ihrem BH versteckt, was sicher wegen der scharfen Ecken etwas unbequem war. Sagen Sie mir, was Sie davon halten.“
Das erste Foto zeigt einen Berg. Es kann kein sehr hoher Berg sein, denn er ist bis zum Gipfel bewaldet. Nur zwischendurch ist an der einen oder anderen Baumlücke kahler, steiler Fels zu sehen. Es ist eine Aufnahme, wie kein Profi mit Selbstachtung sie je schießen würde. Schuld daran ist das Wetter. Es muss in Strömen geregnet haben. Alle Konturen sind unscharf; die Farben der Bäume, der Felsen, des Himmels verlaufen in einem alles überziehenden Grau.
„Da hat sie nur aus Versehen auf den Auslöser gedrückt“, gebe ich meine Meinung kund. Aber das will er nicht akzeptieren und legt mir die nächsten Bilder vor, an die zwanzig Aufnahmen, die immer wieder denselben Berghang zeigen, in verschiedenen Kameraeinstellungen, manche von einem leicht veränderten Standpunkt aus, auch Zoom-Aufnahmen mit einem Zweihundert-Millimeter-Objektiv von verschiedenen Punkten des Hanges. Natürlich hat er Recht. Nicht nur wurden die Bilder keineswegs aus Versehen gemacht, es wurde sogar große Sorgfalt darauf verwendet. Schlecht sind sie trotzdem, denn ohne Licht kann man kein Lichtbild machen. Also: welche Absicht steckt dahinter?
„Sie war also Fotografin? Was wissen Sie sonst noch über sie?“
„Noch nichts, und auch dass sie ein Foto-Profi war, ist nur eine Vermutung.“ Er zuckt resigniert mit den Schultern. „Wir haben ihre Fingerabdrücke nach Toronto geschickt, aber es dauert immer eine Weile, bis unsere Anfragen beantwortet werden. Daran sind einerseits die drei Stunden Zeitdifferenz schuld, und andererseits werden wir von der Westküste einfach nicht so furchtbar ernst genommen.“
„Warum meinen Sie, dass die Fotos wichtig sind?“ will ich wissen.
„Erstens ist da der Aufbewahrungsort der Speicherkarte. Zweitens die mehrfache Wiederholung desselben Motivs. Drittens die anderen Fotos auf der Karte. Haben Sie einen Computer, auf dem wir das alles ansehen können?“
In meinem Studio schaut er sich verwundert um. „Für einen arbeitslosen Fotografen im Ruhestand ist das ziemlich aufwendig“, bemerkt er.
„Ich habe ja nicht gesagt, dass ich den ganzen Tag nur fernsehe. Ich nehme nur keine neuen Aufträge mehr an. Das hätte sich heute Vormittag beinahe schon wieder geändert. Haben Sie die Speicherkarte?“
Während der Computer bootet, versucht er, mehr über meinen neuen Auftrag herauszufinden. Ich wimmle ihn ab und vertröste ihn auf – vielleicht – später. Erst einmal die Fotoanalyse.
Ich klicke uns schnell durch die schon bekannten Fotos. Das erste neue zeigt einen anderen Berghang. Dieser ist kahl, unbewaldet, blanker Fels. Die Beleuchtung ist günstiger, es herrscht helles Sonnenlicht, wahrscheinlich ist es früher Nachmittag. Konturen und Farben sind brillant herausgearbeitet. Das Bild hat trotz des reizlosen Motivs eine künstlerische Qualität.
„Sie hatte ein Faible für Berge“, gebe ich meine Schlussfolgerung kund.
„Für einen Berg“, korrigiert er mich. „Sehen Sie sich die Gipfellinie an, und vergleichen Sie sie mit dem Ausdruck des ersten Fotos. Sie sind identisch.“
Er hat wieder Recht. Es ist derselbe Berg, vor und nach einem kolossalen Erdrutsch, der den ganzen Bergwald abgerissen hat.
„Wir haben noch nicht herausbekommen können, wo diese Aufnahmen gemacht wurden. Das Geografische Institut der Universität sucht nach der Antwort. Was ich von Ihnen wissen will: Warum fotografiert sie den Berg an zwei verschiedenen Tagen? Sollte das eine Dokumentation werden?“
So sieht es zumindest aus. Fragt sich nur, was sie dokumentieren wollte. Ich sehe mir die Tele-Aufnahmen des trüben Bergwaldes noch einmal an. Zwei Stellen hat sie ausgewählt. Ich zoome eine heran, bis die einzelnen Pixel auf dem Monitor zu sehen sind. Aus der graugrünen Suppe stechen, verschleiert, aber deutlich erkennbar, gelbe und orangefarbene Punkte hervor. Die gelben summieren sich zu etwas, das zwei Schutzhelme sein könnten, und dann müsste das Orange wohl zu Schutzjacken gehören, wie sie Arbeiter beim Straßenbau tragen. Straßenbauarbeiter im Bergwald. Waldarbeiter. Was sie dort machen, ist nicht erkennbar. Ohne die Leuchtfarben hätte ich sie nie bemerkt.
„Sie hat diese Männer fotografiert“, schließe ich messerscharf. „Nur zu welchem Zweck? Vielleicht fällen sie illegal irgendwelche geschützten Bäume. Mehr lässt sich aber hier nicht mehr herauslesen.“
„Männer im Bergwald! Sie haben in einer Stunde schon viel mehr entdeckt als meine Leute seit gestern Nachmittag. Wenn wir nur mal ein paar ordentliche Computer bekämen! Jedenfalls vielen Dank für Ihre Mühe. Ich lade Sie dafür zum Lunch ein. Ihr Lieblingsrestaurant, Spaghetti, Pizza oder Hamburger?“
Wir einigen uns auf den Schnellimbiss an der Zehnten Avenue. Das Personal dort ist tolerant und ignoriert Harry, solange er sich nicht allzu deutlich bemerkbar macht. Harry weiß das genau und hat noch nie einen Mucks hören lassen. Marlowe bestellt für sich ein Stück Pizza und ein Mineralwasser. Ich nehme zwei Hamburger, einen mit und einen ohne Senf. Der ohne ist für Harry. Er liebt Hamburger. Wir erobern einen der hohen Stehtische mit zwei Barhockern, rätseln weiter an den Fotos herum und bedauern diese junge, elegante Frau. Marlowe betrachtet diese Einladung offensichtlich nicht als Entlohnung für geleistete Dienste. Sie ist, wenn ich mich nicht sehr täusche, ein Freundschaftsangebot. In seinem ganzen Verhalten scheint er mir heute viel freundlicher gesinnt als gestern. Wirklich sehr viel freundlicher. Ich finde ihn eigentlich auch sympathisch. Der knurrige Ton von gestern ist offenkundig nur ein berufliches Werkzeug.
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