Als wäre der Tod des Werwolfes ein Signal an den imaginären Schalter in ihrem Kopf gewesen, fanden ihr Geist und ihr Körper wieder in den normalen Zeitablauf zurück. Die Agentin wartete das letzte Zucken ihres Gegners nicht ab, sondern zog ihre Waffe sofort wieder heraus. Dann ging sie mit schnellen Schritten zu einer Stelle, die ihr mehr Bewegungsfreiheit ließ.
Die beiden gedungenen Mörder hatten sich offenbar auf ihr animalisches Mordinstrument verlassen und bekamen nun die Rechnung für ihren Fehler präsentiert. Der Anblick der bluttriefenden Hantelstange in den Händen einer schwarzhäutigen Amazone, die gerade bewiesen hatte, wie man mit so einem Ding zweckentfremdet umgehen konnte, ließ sie für einen Moment regungslos auf die Frau starren. Ihr zweiter Fehler war, dass sie keine Anstalten machten, ihr Vorhaben in letzter Minute noch aufzugeben.
»So, Jungs …«, knirschte Bérénice eiskalt zwischen ihren Zähnen hervor, als sie sah, dass die Kerle ihren Schock überwunden hatten und langsam auf sie zuschritten, »… jetzt zu euch beiden.«
»Miss Savoy, Sie geben also zu, Agent White kaltblütig erschossen zu haben.« Der Satz hing so klar im Raum, dass niemand auf die Idee kam, ihn tatsächlich als Frage zu betrachten. Dazu kam, dass der Vertreter der Staatsanwaltschaft einen so unangenehm ätzenden Tonfall an sich hatte, der nicht nur Bérénice und ihrer Verteidigerin in den Ohren schmerzte, sondern auch etlichen der zahlreichen Beobachter. Selbst der Richter verzog leicht seinen Mund, äußerte sich aber nicht.
»Einspruch, Euer Ehren«, rief Amélie Colbert. »Miss Savoy hat die Tat nie abgestritten. Im Gegenteil: Sie hat unmittelbar nach dem Schuss selbst den Notruf ausgelöst.«
»Im klaren Bewusstsein dessen, dass ein Plasmastrom aus einem Nadler – abgeschossen aus weniger als zwei Metern Entfernung – jedes Herz zerplatzen lässt wie eine Seifenblase! Das nenne ich kaltblütig, Frau Verteidigerin!«
Colbert schüttelte genervt den Kopf und ihre bis zu den Kieferknochen reichende Pagenfrisur verlor für einen Augenblick ihre akkurate Form. »Von kaltblütig kann keine Rede sein. Miss Savoy – übrigens Agentin Savoy, aber darauf komme ich später noch einmal zurück – hat ohne Zweifel in Notwehr gehandelt. Es ist nichts anderes als blanke Ignoranz, Herr Staatsanwalt, diese Tatsache immer und immer wieder auszuklammern.« Die bildhübsche Agentin – hier als Verteidigerin Savoys und Vertreterin des Terranischen Geheimdienstes in Personalunion – setzte ein stahlhartes Lächeln auf. »Und wenn Sie es noch tausendmal zu unterdrücken versuchen: Ich werde Sie, das hohe Gericht und alle anderen hier im Saal gerne daran erinnern.« Sie wandte sich halb von Staatsanwalt Ferguson ab und Richter Hassan Yildirim zu. »Möchten Sie die Aufnahme der Kabinen-Aufzeichnung noch einmal sehen, Euer Ehren?«
Yildirim hob seine linke Hand eher die Pranke eines Schwerstarbeiters als die eines Richters und wedelte mit dem mächtigen Zeigefinger. »Nein, das ist wirklich nicht nötig. Wir haben den Clip mindestens ein Dutzend Mal gesehen … und auch seine Echtheit und Unversehrtheit ausreichend belegt bekommen.« Dann wandte er sich an Ferguson. »Wenn Sie sich also an die Fakten halten würden, Herr Staatsanwalt. Konzentrieren Sie sich eher auf das Motiv …«
Ferguson sah wie ein Hai aus, dem man einen blutigen Brocken hingeworfen hatte. »Aber mit Vergnügen, Euer Ehren. Miss Savoy …«
»Ich meinte nicht Agentin Savoy«, unterbrach ihn Yildirim. »Mich – uns – interessiert alle das Motiv des Agenten White! Warum wollte er seine Kollegin – und wie wir nun auch alle wissen: seine ehemalige Kommilitonin und Geliebte – töten? Sie hat den Auftrag, der ihr erteilt wurde …«
»Unwissentlich!«, warf Colbert ein.
»… zunächst unwissentlich erteilt wurde«, fuhr Yildirim fort, »erfolgreich ausgeführt … mehr oder weniger.«
Ferguson warf einen übertrieben bedeutungsschweren Blick ins Publikum. Vielleicht eine Geste, die er sich für Verhandlungen vor Zivil- und Strafgerichten angewöhnt hatte, die hier aber fruchtlos blieb, da alle Anwesenden entweder dem Militär, dem Geheimdienst oder der Regierung der Terranischen Föderation angehörten. Die Öffentlichkeit war selbstverständlich ausgeschlossen worden. Richter Yildirim sah den Blick natürlich ebenfalls und machte sich eine Notiz. Amélie Colbert hatte den Eindruck, dass Fergusons Minuskonto gerade um einen Punkt gewachsen war. Auch er schien nun zu bemerken, dass er auf dünnem Eis ging.
»Na schön, dann eben ohne weitere Hintergrundermittlung«, murmelte er. Dann hob er seinen Kopf und versuchte es mit Zustimmung. »Ja, Agent White hatte eine Waffe bei sich, als er die Kabine der Angeklagten betrat. Und das völlig legitim, wie ich betonen darf. Agent White musste sich vergewissern, ob Miss Savoy noch vertrauenswürdig war oder nicht. Der Auftrag wurde ausgeführt …«
» Erfolgreich ausgeführt«, warf Amélie Colbert ein und erntete dafür einen strafenden Blick Yildirims. Mit einem charmanten Lächeln nickte sie ihm entschuldigend zu.
Ferguson fuhr ungerührt fort: »… doch eben nicht in der Weise, wie es ihre Anweisungen verlangten.«
»Einspruch, Euer Ehren. Agentin Savoy war vollgepumpt mit Stimulanzien, Codewörtern und Implantaten. Die Liste dieser Eingriffe haben wir schon gründlich durchdiskutiert. Sie ist übrigens auch jetzt noch nicht wieder alleinige Herrin über ihren Körper und Geist.«
»Einspruch gew…«, begann Richter Yildirim, wurde aber von Ferguson unterbrochen.
»Sie wollen uns doch wohl jetzt nicht mit eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit kommen, Frau Verteidigerin?« Ferguson hatte eine lauernde Miene aufgesetzt.
»Nein, ganz sicher nicht. Im Moment des Schusses war meine Mandantin klar bei Sinnen und verfügte über die ihr in vielen Monaten von Militär und Geheimdienst antrainierten Reflexe. Allein diese retteten ihr das Leben. Agent White galt auch unter Kollegen als blitzschneller und treffsicherer Schütze.«
»Er hatte aber sein Urteil über Miss Savoy noch nicht gefällt, liebe Frau Verteidigerin«, sprudelte es aus Ferguson heraus. Im gleichen Moment, als er den Satz beendet hatte, erkannte er seinen Fehler und schob hastig nach: »Wir alle wissen, dass es manchen Mitgliedern des Terranischen Geheimdienstes gestattet ist, in außergewöhnlichen Fällen ein eigenes Urteil und die entsprechenden Maßnahmen …«
»Mord!«, donnerte Amélie Colbert dazwischen und hatte in dieser Sekunde nichts an sich, was sonst die Männer sich nach ihr umdrehen ließ.
Fergusons von einem Augenblick zum anderen erstarrtes Gesicht ließ es nicht zu, dass er seinen Satz beenden konnte. Dagegen kam Amélie Colbert jetzt erst richtig in Schwung.
»Und wieder ist Ihre Ignoranz nicht zu überbieten, Herr Staatsanwalt. Agent White hätte seine Bewertung Savoys – nicht sein Urteil einem ordentlich bestellten Gremium vortragen können. Agent White hätte dazu alle Zeit der Welt gehabt.« Die hübsche Französin beugte sich ein wenig nach vorn und drosch ihre flache Hand auf den Tisch, dass es krachte. »Aber nein, er zog es vor, selbst Richter und Henker in Doppelfunktion zu spielen. Die Aufnahmen zeigen glasklar, dass er nach seiner Waffe griff. Agentin Savoy hatte weder eine Wahl noch eine einzige Sekunde Zeit. Sie handelte in Notwehr. Agent White hingegen handelte ohne Zwang oder Not! «
Ferguson schnappte für eine Entgegnung nach Luft, aber die Verhandlung war nun an dem Punkt angekommen, auf den Amélie Colbert die ganze Zeit gewartet hatte.
»Ich darf hier noch einmal auf die Nacht des 21. Januar 2317 zurückkommen: Zwei gedungene Mörder aus dem Männertrakt des New-Alcatraz-Gefängnisses auf Terra – samt einem Werwolf – hatten versucht, meine Mandantin zu ermorden. Beide Versuche sind für mich glasklarer Beweis dafür, dass jemand, wahrscheinlicher aber eine Gruppe, meine Mandantin tot sehen will. Selbst diese Verschwörer sind somit der Ansicht, dass Bérénice Savoy in Notwehr gehandelt hat, also unschuldig ist und somit als freie Bürgerin Terras aus der Haft entlassen werden muss. Wäre sie schuldig, könnten die Verschwörer sich bequem zurücklehnen und die Hinrichtung Savoys abwarten.« Colbert richtete sich auf und blickte jedes einzelne Mitglied der Geschworenengruppe so intensiv an, dass dieses das Gefühl bekommen musste, nur es sei angesprochen. »Die Frage ist nur: Welche brisanten Informationen sind in den Tiefen des Gehirns meiner Mandantin verschüttet, dass man immer wieder versucht, sie zu töten?«
Читать дальше