Ende August 2315
Ich bin stolz auf mich … wirklich. Beide Schwerter sind zwar sehr unterschiedlich geworden, aber das war meine Absicht. Ich überreiche irgendwann dem Sadisten das schlechteste Katana, das es wohl je gegeben haben dürfte. Das andere … erfüllt mich mit Stolz. Nach dem eigentlichen Schmieden lag ich eine Woche wie tot in meiner eigenen Krankenstation. Ich konnte einfach meine Arme nicht mehr heben. Hämmern, Wenden, Hämmern, Erhitzen, wieder Hämmern … es war eine Tortur. Aber ich will ihr eine echte Chance damit geben. Sie wird für mich die Flucht antreten.
September 2315
Sie haben mir tatsächlich ein prachtvolles Stück samboll´schen Edelholzes überreicht. Meine ständige Quengelei gegenüber Saddis-til-saddis hat endlich Früchte getragen. Mein Hinweis, dass eine edle Klinge nicht mit einem lumpigen Holz gefasst sein darf, hat gewirkt. Er dachte wohl, dass ich nach Wochen des Schleifens – unterbrochen von mehreren Schwächeanfällen – mit der Klinge allein fertig sei. Dass der Griff felsenfest sitzen muss, in der Hand des Kriegers geschmeidig gleiten sollte, verstand er allerdings sofort. Beinahe wäre mir das zum Verhängnis geworden. Also passte ich ihm das schlechte Teil an seine Pranke an, das andere für ihre Hände, die deutlich kraftvoller sind, als meine es je waren. Ich habe von ihren Händen Wachsabdrücke gemacht, während sie schlief, sie mit meinen verglichen und eine erfreuliche Übereinstimmung bezüglich Form und Größe festgestellt. Es wird ihr gut in den Händen liegen und hoffentlich …
Bérénice ließ das Tagebuch auf ihre gekreuzten Beine sinken und starrte in die Dämmerung. Sie hatte den ganzen Tag gelesen und nur automatisch das gegessen, was Naya ihr hingestellt hatte. Er hat es also nie heimlich hergestellt, sondern mit Wissen und Hilfe des Lagerkommandanten. Aber ein Punkt erschien ihr immer noch ein Rätsel zu sein. Woher hatten die Sambolli das Erz? Zudem offensichtlich ein recht hochwertiges. Und wo ist das zweite Schwert?
Sie erhob sich mühsam und stöhnte ein wenig wegen ihrer verspannten Muskulatur. Also legte sie das Tagebuch des Doktors behutsam auf den Boden und machte ein paar Lockerungsübungen. Ohne Worte schlossen sich ihr Naya und Laurent Girard an. Jeder Trooper kannte die Übungen, die aus einer Mischung aus Tai-Chi und Capoeira bestanden.
Als sie damit fertig waren, hatte Bérénice ein Funkeln in den Augen.
»Wurde deine Hoffnung erfüllt?«, fragte Naya und Girard blickte ein wenig verständnislos beide Frauen an.
»Ja, eine Menge Rätsel sind gelöst. Aber noch nicht alle …«
»Aber du scheinst zu hoffen, sie auch noch beantwortet zu bekommen. Dein Gesichtsausdruck lässt sich nicht anders deuten.«
»Du kennst mich mittlerweile recht gut, meine Liebe.« Dann lächelte Bérénice, doch es lag nicht nur Freude darin. »Warten wir es ab. Morgen früh gehen wir an den Strand …«
Das kleine Mazzar-Raumschiff schwebte im Tarnmodus in einer Höhe von einigen Kilometern über einer der größten Küstenlinien des Planeten Samboll. Mit mäßigem Tempo folgte es seit einer halben Stunde deren Verlauf. Zwar besaß der Dschungelplanet eine nahezu unendliche Zahl an Seen unterschiedlichster Größe, aber nur eine einzige Wasserfläche, welche die Bezeichnung Meer rechtfertigte. Bérénice war sich ziemlich sicher, dass Doktor Muramasa von dem Schlächter nur an diese Küste gebracht worden sein konnte.
Naya indes teilte nicht unbedingt die Rückschlüsse, die ihre Freundin aus den wenigen Hinweisen im Tagebuch des Doktors gezogen hatte.
»Du sagst selbst, dass er kurz vor seinem Tod unter Aussetzern und Wahrnehmungsstörungen gelitten hat«, wiederholte sie gerade ihre Bedenken. »Selbst wenn er einen lichten Moment gehabt hätte, hätten die Sambolli ihm sicher nicht gezeigt, wohin sie ihn bringen. Und: Wie wir schon während des Eintauchens in die Atmosphäre festgestellt haben, gibt es etliche Stellen, die seiner Schilderung entsprechen. Was bringt dich also dazu, anzunehmen, genau hier sei seine primitive Schmiede zu finden?«
Bérénice zuckte mit den Schultern und deutete auf den Frontbildschirm. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Sambolli ihn zu einer weiter entfernten und ähnlich geeigneten Stelle geflogen hätten. Diese hier liegt dem Lager am nächsten. Allen kleineren und größeren Seen dazwischen fehlt die außergewöhnliche Zahl von Termitenbauten, die er erwähnt hat. Und nur bei einer ausreichenden Menge solcher Bauten, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sich einige davon – ich gebe zu: eher zufällig – zu einem Kreis angeordnet haben.«
»Den wir noch nicht …«, warf Naya ein und unterbrach sich, als auf dem Monitor genau so eine Anordnung auftauchte, nach der sie Ausschau hielten. »Dort«, stieß sie hervor und richtete ihren ausgestreckten Zeigefinger auf eine Kreisformation, die zu auffällig war, als dass sie ausschließlich natürlichen Ursprungs hätte sein können.
»Siehst du?«, antwortete Bérénice triumphierend und registrierte, wie Bozadd ihren Kurs ein wenig korrigierte.
»Soll ich landen?«, fragte er und gab damit wieder einmal zu verstehen, dass er die schwarzhäutige Agentin außer Dienst als Kommandantin des Mazzarschiffes anerkannte.
»Nein, noch nicht, Bozadd«, antwortete Bérénice. »Kreisen Sie um die Stelle und fliegen dann einmal direkt darüber hinweg. Ich möchte sehen, was dort ist, bevor wir landen.«
Er nickte stumm und nahm die entsprechenden Schaltungen vor.
Laurent Girard hatte Naya schon beim Start gefragt, warum nicht der mittlerweile einzige Mazzar unter ihnen der Besitzer des Schiffes sei, sondern Bérénice Savoy. Die Rigelianerin hatte nur den Kopf geschüttelt und gemurmelt, die Erklärung dafür würde zu lange dauern und ihn aufgefordert, bei Gelegenheit die jetzige Eigentümerin danach zu fragen. Sein erneut bewundernder Blick für die dunkle Amazone hatte sie für einen Moment in Versuchung gebracht, ihm doch einen Teil der Vorgeschichte zu erzählen. Mit dem Schwerpunkt, dass Nice ihre Geliebte sei. Aber dann hatte sie darauf verzichtet. Nicht zuletzt, weil sie sich dessen gar nicht mehr so sicher war. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt miteinander geschlafen hatten. Zu viel war in der Zwischenzeit geschehen und aktuell deutete sich keine Ruhephase an, in der eine der beiden Frauen die Gesellschaft der anderen hätte suchen, geschweige denn genießen können.
Nun standen Naya und Girard zu beiden Seiten Savoys und verfolgten die Bilder, welche der Monitor lieferte.
»Was hoffst du eigentlich hier zu finden, Nice? Du hast sein Schwert und sein Tagebuch. Wir haben die Gefangenen befreit … was willst du noch hier?« Naya blickte auf den Kreis aus Termitenbauten und sah, dass die Lücken dazwischen mit großen Stämmen aufgefüllt worden waren. Jetzt allerdings war von diesen Palisaden nur noch ein kümmerlicher Rest übrig. Deutliche Spuren von Zerfall und sicher auch Tieren hatten aus dem Wall eine Sammlung vermodernden Holzes gemacht, das beim nächsten kräftigen Sturm auseinanderbrechen würde, wie ein loser Haufen Mikado-Stäbchen.
Bérénice drehte sich ihr zu und wirkte überrascht. »Ich weiß es nicht, meine Liebe«, erwiderte sie plötzlich ernüchtert. »Es ist eher ein Gefühl der Verbundenheit. Wenn wir den Planeten verlassen, dann lasse ich den Doktor endgültig zurück. Als würde er erst durch meinen Abflug wirklich sterben … verstehst du das?«
Zu ihrer aller Verblüffung antwortete Bozadd mit leiser, aber deutlicher Stimme. »Dieser Mann wird niemals wirklich sterben, Menschenfrau.« Der ständig aktivierte Translator passte sich automatisch seiner Lautstärke an und gab Worte von sich, die niemand der drei Menschen an Bord erwartet hätte. »Ihre Erinnerung an ihn erhält ihn am Leben. Genau so betrachten wir Mazzar unsere Verstorbenen. Wir errichten seit Jahrtausenden Nekropolen, in denen wir unsere Toten konservieren und regelmäßig besuchen.« Er wandte sich um und musterte Bérénice mit einem seltsamen Blick. »Ihre Gedanken an ihn und vielleicht auch andere Verstorbene aus Ihrem Nest, machen Sie uns ähnlicher als Sie eventuell noch vor einigen Monaten gedacht haben, Menschenfrau. Dies ist einer der Gründe, warum ich daran glauben kann, dass wir Pazifisten den einzig richtigen Weg gewählt haben. Der Krieg zwischen Menschen und Mazzar war und ist völlig sinnlos. Ich bin glücklich, dazu beitragen zu dürfen, ihn für immer zu beenden.«
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