Naya begriff, dass die Aufgabe, sich um die Befreiten zu kümmern, damit automatisch an sie gefallen war. »Na, dann: Ich hoffe, dass du darin das findest, was dich hierhergeführt hat.« Sie entfernte sich, als sie sah, dass Freitag nur wenige Meter von ihnen Position bezogen hatte.
Bérénice antwortete nicht, sondern ließ sich an der Stelle, an der sie stand, einfach auf den Boden in einen Schneidersitz sinken und begann zu lesen …
Mai 2315
Mein Name ist Doktor Yotaro Muramasa und ich befinde mich auf dem Planeten Samboll … in Gefangenschaft zusammen mit einigen hundert Mitgliedern des ehemaligen 45. Spacetrooper-Bataillons. Mit dem Datum bin ich mir nicht so sicher; ich meine, es müsste Mai sein.
Bérénice unterbrach ihre Lektüre für einen Moment und hob den Kopf zum Himmel. Das war acht Monate vor meiner Flucht. Selbst als ich in der Krankenstation lag, sah ich es niemals bei ihm. Er muss es versteckt haben. Als sie weiterlas, erkannte sie ihre Vermutung auf völlig unerwartete Weise als Irrtum.
Allein, dass ich diese Zeilen schreiben kann – ich hoffe, irgendwann einmal findet sie ein Mensch , liegt daran, dass ich endlich eine Schwäche unseres Lagerkommandanten Saddis-til-saddis entdeckt habe. Er ahnt gar nicht, wie sehr sein sambollischer Name seinem Charakter entspricht. Fortan werde ich ihn also als das bezeichnen und benennen, was er ist: einen Sadisten. Er glaubt, dass ich in diesem Buch das niederschreibe, was er sich erhofft; dazu aber später mehr. Wichtig ist nur, dass er in der Lage ist, etwas aus dem Zellstoff herstellen zu können, den seine primitiveren Artgenossen im Dschungel beim Nestbau erzeugen; etwas, das irdischem, sogar japanischem Papier ziemlich nahekommt. Zunächst dachte ich, es sei sicherer, die Eintragungen auf Japanisch niederzuschreiben. Aber ich bin zu der festen Überzeugung gelangt, dass ein Sambolli-Fürst selbst Standard-Terranisch als nicht entzifferbar erleben wird. Und die Möglichkeit, dass ein Terraner japanischer Abstammung dieses Buch findet, darf ich ebenso in den Bereich jenseits aller Wahrscheinlichkeit rücken.
Was also will er von mir? Besagte Schwäche, besser: Manie des Sadisten, besteht darin, dass er wie alle Sambolli ein Waffennarr ist. Diese mistigen Hellebarden, die sie von den Mazzar ab und an erhalten, erfüllen sie mit so einem Stolz, dass ich wahrscheinlich offene Türen eintrat, als ich ihm von einer Waffe aus meiner Heimat erzählte. Er nahm es als nostalgische Wehmut hin, von mir geschürt durch abfällige Bemerkungen über moderne Energiewaffen, von denen die Sambolli nicht die geringste Ahnung haben. Vielleicht ist hier ihre Entwicklung – trotz immer wieder stattfindender »Schulungen« durch ihre Mazzar-Herren – nur ein Tropfen auf dem berühmten heißen Stein. Also begann ich ihm von den Katanas unserer japanischen Frühzeit vorzuschwärmen …
Die Finger der Trooperin fingen augenblicklich zu zittern an und ihr Herz durchfuhr ein Stich, als hätte man ihr eine reale Klinge hineingestochen. Die Waffe auf ihrem Rücken schien plötzlich an Gewicht zu gewinnen und eine wohlige Wärme auszustrahlen. Bérénice blätterte vorsichtig auf die nächste Seite, voller Angst, das Dokument in ihren Händen könne zerfallen, bevor sie es zu Ende gelesen hätte.
Ende Mai 2315
Er hat angebissen! Nach knapp einer Woche war er so scharf auf das Ding, dass er mich zu fragen begann, ob ich in der Lage sei, ihm so eine Waffe zu erschaffen. Also schilderte ich ihm, was zur Herstellung eines Katanas vonnöten wäre. Bis ich ihm das Prinzip eines Schmelzofens und eines ausreichend großen Ambosses klarmachen konnte, vergingen weitere zwei Wochen …
Juni 2315
Ich hätte nie im Leben gedacht, dass es so einfach sein könnte. Der Sadist hat sich völlig gewandelt. Er scheucht seine Lakaien in den Dschungel und lässt mir bringen, was ich brauche: ganze Berge von Holz, für die er sogar ein Regendach errichten ließ, damit es so gut wie möglich trocknen kann. Meinen primitiven Kohlenmeiler verstand er überhaupt nicht, dachte, ich wollte schon darin das Erz schmelzen. Es war mühsam, ihm den Begriff Schmelztemperaturen zu erläutern. Etwas Heißeres als Feuer kennen die Sambolli einfach nicht. Dass es hier verschiedene Hitzegrade gibt, war ihm schwer begreiflich zu machen …
So ging es seitenweise weiter, und Bérénice las wie in einem Traum gefangen. Fast fühlte es sich für sie an, als stünde Doktor Muramasa neben ihr.
Mitte Juni 2315
… glaube ich zumindest. Meine Krankheit macht sich immer stärker bemerkbar … ich muss schneller vorankommen.
Jeder anständige Köhler würde mein Machwerk von Kohlemeiler mit schallendem Gelächter kommentieren. Aber offenbar genügt er; der Vorrat an leidlich brauchbarer Holzkohle wächst von Tag zu Tag. Parallel ist es nichts Geringeres als ein Wunder, was die Untergebenen des Sadisten an Erzbrocken heranschaffen. Mir ist völlig schleierhaft, woher sie das Zeug haben. Irgendwie erscheinen sie mir zu sauber zu sein, zu wenige Verunreinigungen zu haben. Aber ich beschwere mich nicht. Je besser das Material, desto besser die Waffen, die ich zu erschaffen beabsichtige. Ja, Waffen. Plural. Die Sambolli mögen Kontrollfreaks sein, wie sie wollen: Aber sie haben nicht einen blassen Schimmer von Erzverarbeitung. Ich habe ihnen weismachen können, dass der Kohlemeiler immer zur Verfügung stehen muss. Und unter dem endlich fertigen Amboss befindet sich ein Hohlraum, in dem ich das wirklich gute Material für MEIN Schwert aufbewahre.
Bérénice durchforstete in Gedanken ihre Compri-Schulungen zum Thema Erzverarbeitung und kam zu dem Schluss, dass sich Doktor Muramasa schon hier im Datum kräftig geirrt haben musste. Innerhalb von wenigen Wochen einen Kohlemeiler – auch wenn er vermutlich recht klein war – zu bauen, dazu einen massiven Amboss, der deutlich mehr an Metall verbraucht haben dürfte, als die beiden Schwerter zusammen, erschien ihr unrealistisch. Erst recht unter den gegebenen Umständen. Auch der Zeitraum für das Trocknen des vor Regen geschützten Holzes kam ihr viel zu kurz vor. Für den Bruchteil einer Sekunde zuckte ihr der Gedanke durch den Kopf, dass es so wie im Tagebuch beschrieben nicht passiert sein konnte . Und doch vertraute … hatte sie dem Doktor mehr vertraut, als vielen anderen Menschen, die sie länger und besser gekannt hatte. Sie nahm sich vor, mit deutlich mehr Aufmerksamkeit als Faszination weiterzulesen …
Anfang Juli 2315
Es geht mir von Tag zu Tag schlechter … und ich bin Arzt genug, um zu erkennen, dass ich die Flucht nicht selbst werde antreten können. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich für Minuten weggetreten bin. Ich bete zu den Göttern des Alls, dass es wirklich nur Minuten sind, meine Wächter mich nicht in so einem Moment entdecken und der Sadist das Ganze beendet.
Sie schaffen mich jetzt fast täglich zur Schmiede, wie ich das Fleckchen Erde nenne, das sie mich dafür nutzen lassen. Es muss recht weit von unserem Lager entfernt sein. Den Flug mit dem Magnetschweber erlebe ich meist wie in Trance. Dieser verdammte Narbenkrebs …
Juli 2315
Ich habe nun genug Erz beisammen, um die eigentliche Arbeit zu beginnen. Der Sadist wird langsam ungeduldig und will endlich Ergebnisse sehen. Gottlob ist mein Arbeitsplatz von meinen Wärtern aus nicht einsehbar. Der Sadist muss ihnen wohl befohlen haben, mein Leben vor den Tieren des Dschungels zu schützen. Also haben sie den eher zufälligen Ring aus Termitenbauten oberhalb der Gezeitenlinie mit Bruchstücken anderer Bauten und mit Holzstämmen geschlossen und patrouillieren wohl ständig drum herum. Mir soll es recht sein …
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