Sie selbst bewohnte das Zimmer direkt neben dem von Karim. Durch eine direkte Verbindungstür betrat sie ihr Hotelzimmer.
Selma nahm eine kleine Flasche Mineralwasser aus der Minibar und trat hinaus auf den kleinen Balkon. Sie genoss die Ruhe des nächtlichen Athen.
Ihr Blick wanderte nach unten. Der Vorplatz des Hotels lag im kalten Schein zahlreicher Straßenlaternen. Auch die Straße wurde vom Licht erfasst.
Ebenso wie der schwarze Geländewagen!
Als wäre das Geländer plötzlich glühend heiß geworden, stieß Selma sich davon ab. Die Wasserflasche rutschte ihr aus den Fingern und zersprang auf den Bodenfliesen.
Jetzt kam das Kämpferherz des Mädchens hervor!
Sie hatte in den Jahren des Bürgerkrieges gelernt, dass man immer mutig vorangehen musste.
Sie öffnete den Kleiderschrank, kramte aus der Tasche ihre Pistole hervor und schob sie in den Hosenbund. Dann zog sie eine Jacke an und verließ das Hotelzimmer. Der Lift bewegte sich für ihren Geschmack viel zu langsam. Ihr schmales Kinn hatte sie angriffslustig vorgeschoben, die Hände zu Fäusten geballt. Zorn ließ ihre Augen blitzen.
Natürlich konnte sie sich geirrt haben. Das Hotelzimmer lag im fünften Stockwerk. Trotzdem schloss Selma einen Irrtum aus. Da unten stand der Geländewagen, der ihr vorhin gefolgt war.
Sie wollte jetzt wissen, wer ihn lenkte. Das Spiel würde sein Ende finden. Hier und heute!
Dass sie sich mit ihrem Vorhaben möglicherweise in Gefahr brachte, bedachte sie keine Sekunde lang. Sie hatte in Syrien und bei der gefährlichen Flucht durch die Türkei schon brenzligere Situationen überstanden.
Endlich kam der Lift im Erdgeschoss an. Die Türhälften glitten auseinander. Selma hetzte durch die Hotellobby hinaus auf die Straße. Mit großen Schritten näherte sie sich der Stelle, an welcher der schwarze Geländewagen geparkt hatte.
Der Geländewagen, der jetzt nicht mehr da war!
Selma stieß einen wenig damenhaften Fluch aus. Sie trat auf die Straße und sah in beide Richtungen. Nichts. Nicht einmal rotglühende Heckleuchten, die verschwanden.
Ihre Wut verrauchte allmählich, als sie zum Fahrstuhl zurückging und wieder hochfuhr. Als sie die Hotelzimmertür hinter sich verschloss, klingelte ihr Handy. Mit der Vermutung, es könnte der Vater oder Faizah aus dem türkischen Flüchtlingslager anrufen, stürmte sie zu ihrem Smartphone und nahm den Anruf entgegen.
„Hallo?“, rief sie.
Sekundenlang hörte sie nichts außer dem Atmen einer anderen Person. Dann erklang ein unangenehmes, fremdes Lachen.
„Hallo? Was wollen Sie?“, erkundigte sich Selma erneut.
Der Anrufer fauchte in einem fremdländischen Akzent: „Verschwindet aus Griechenland, wenn ihr am Leben bleiben wollt!“
Klick. Aufgelegt.
Langsam legte Selma das Handy zurück auf den Tisch.
Kurz darauf erklang ein Pling-Ton, der den Eingang einer SMS meldete. Selma öffnete die Nachricht und las:
»Wir geben euch einen Tag, sonst werdet ihr sterben.«
Selmas Herzschlag verstärkte sich. Feine Schweiß-Tröpfchen zeigten sich auf ihrer Stirn. Aber sie hatte sich sofort wieder unter Kontrolle.
Aufgebracht über so viel Geschmacklosigkeit, warf sie ein Kissen in die Zimmerecke.
Der Mann blieb regungslos im Dunkel des kleinen Heckladeraumes stehen, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er konnte das Gluckern der Wellen hören, die draußen gegen die morschen Planken des Holzbootes leckten; ein leises, in rhythmischer Folge wiederkehrendes Geräusch, das sich mit dem Knarren der Planken mischte.
Nach einer Weile – er hatte sich lauschend davon überzeugt, dass ihm niemand gefolgt war – zog er sein Smartphone aus der Jackentasche, knipste die Taschenlampen-App an und ließ den Lichtkegel durch den Raum gleiten.
Die aufgestapelten Ballen und Kisten warfen bizarre, tiefdunkle Schatten. Zitternd blieb der runde Lichtfleck an einer kleinen Kiste hängen. Zwei weiße Worte leuchteten von den dunklen Brettern:
Danger – κίνδυνος
Lautlos, auf nackten Sohlen, glitt der Mann an die Kiste heran. Der aufgenagelte Deckel bog sich ächzend, als die Klinge eines Schnappmessers unter ihn glitt und ihn anhob. Alles Weitere war ein Werk von Sekunden.
Geräuschlos lehnte er den Deckel gegen einen prall gefüllten Leinensack. Seine Hände wühlten in den ölgetränkten Lappen, mit denen die Kiste bis zum Rand gefüllt war.
Er zog ein schweres, längliches Bündel hervor und lehnte es an die Seitenwand. Darunter lag ein weiteres Paket, aus dem längliche Schnüre herausragten. Vorsichtig legte er das Handy auf die Seite und holte ein Feuerzeug aus der Jacke. Hinter seiner vorgehaltenen Hand glomm mit leisem Fauchen eine Feuerflamme auf.
Ein gelblicher Lichtfleck zuckte durch die Dunkelheit und zeichnete harte Schatten im Gesicht des Mannes. Seine hellen, fast bleichen Züge gewannen im Taumel von Licht und Schatten eine Dämonie wie eine Götterstatue in einem indischen Tempel.
Er zündete die langen Schnüre an, die leise zu zischen begannen, und ein feiner, roter Funkenregen sprühte über den Handrücken des Mannes, der das Paket mit einem zwischen den Zähnen hervorgepressten Fluch in die Kiste zurückwarf.
Blitzschnell schob er das Feuerzeug zurück in die Jackentasche und ergriff das Handy. Der Lichtstrahl der Taschenlampen-App zeigte ihm den Weg zur Tür. Er nahm das längliche, eingewickelte Paket, das an der Wand gelehnt hatte, unter den Arm und verließ den Raum.
Kurz darauf stand er schweratmend am Fuß der Treppe, die zum Deck hinaufführte. Durch die niedere, offene Tür sah er die Sterne über sich. Im Hintergrund schimmerte die nächtliche Silhouette des Mittelmeerhafens Piräus.
Doch nur für Sekunden, dann tauchte ein starker Lampenscheinwerfer den Niedergang in gleißendes, schmerzhaftes Licht. Alles war Weiß in Weiß.
Der Mann hörte einen heulenden Schnellbootmotor ganz in der Nähe. Dann dröhnte eine durch Lautsprecher verstärkte Stimme über das Wasser: „Stopp! Greek Special Forces!“
Die phosphoreszierenden Zeiger standen auf 4:07 Uhr.
Der Mann im Niedergang des Bootes warf einen Blick auf die Uhr. Er hatte noch genau zwanzig Sekunden Zeit. Vorsichtig kletterte er über die Reling und ließ sich auf der anderen Seite hinunter ins Wasser gleiten. Das längliche Gepäckstück hielt er fest umklammert.
Der Wind, der vom Mittelmeer heranstrich, war kühl.
Karim stand im Schatten der Kaimauer und blickte über den Hafen von Piräus. Labolas kauerte direkt neben ihm. Etwas abseits lehnte Selma an der Mauer eines Lagerhauses. Sie blickte durch ein Fernglas und beobachtete das Meer und den Hafen.
Labolas war am Nachmittag im Hotelzimmer von Karim aufgetaucht. Der kleine Dämon hatte von seinen Nachforschungen im Abyssos berichtet. Jedoch außer einem interessant erscheinenden Tipp konnte er nichts Erfreuliches vorweisen. Aber dieser Tipp war das Einzige, was ihnen weiterhelfen konnte. Es würde in dieser Nacht ein Boot im Hafen von Piräus eintreffen, in dessen Lagerraum sich das Schwert des Ares befinden sollte. Labolas hatte dies von einem Dämon, der sich für diese Information teuer bezahlen ließ, erfahren.
„Aber warum sollte sich das Schwert an Bord dieses Bootes befinden?“, hatte sich Karim erkundigt.
„Nach den Informationen, die ich erhielt, hat der Meergreis Halios Geron im Auftrag des Poseidon über das Schwert des Ares gewacht. Aber der Greis hat einen tiefen Schlaf. So konnte es von Andromalus, einem sehr geschickten Dämon, gestohlen werden. Dieser Dieb raubt für Gold alles. Er möchte es nun in Athen an den Meistbietenden verkaufen, vermutlich an die Fürstin von Griechenland, oder direkt an Ares.“
„Konntest du erfahren, wo in Athen das Schwert angeboten werden soll?“, hatte Selma nachgefragt.
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