Aus Weh und Zorn schreckte mich der Ruf des Vaters. Mit einem Ruck riss ich mich empor, wischte mir die Augen und flog zur Treppe hinab, schlimmster Ahnungen voll.
Sie Eltern stapelten Bretter.
„Dalli, dalli! Gefaulenzt werd nicht.“
Sie lachten, prügelten mich nicht und waren auch nicht böse. Da wich das Grausen, und mir war’s, als müsste ich flattern wie die Schmetterlinge. Beim Legen der Querhölzer ging es so fix, dass mich die Mutter lobte. Wie gut, dass ich noch lebte!
Wenn in weihnachtlichen Tagen meine Erinnerung wandern geht und forschen fragen will, wie alle die Weihnachtsabende meines Lebens aussahen, dann drängt sich jedes Mal der von 1870 fürwitzig vor und lässt die andern nicht zu Worte kommen. Er lächelt mich mit tränenfeuchten und glückverklärten Augen traulich an, beginnt mit seinem „Weißt du noch, im Schnee, mit der Glaskrächze und den Goldleisten?“ … Und dann erzählt er zudringlich, auch wenn ich keine Lust habe, ihm zuzuhören.
Von einem zehnjährigen Bübchen berichtet er. Die Mutter schnallte dem Kleinen schwächlichen Kerlchen ein Holzgestell auf den Rücken, das fast so groß wie das Gatter an der Haustür war, und der Vater erteilte ihm Befehle und Unterweisungen. Das geschah in der Behausung eines oberschlesischen Dorftischlers. In dieser Behausung sah es recht wunderlich, ungastlich und ärmlich aus. Eine geräumige, sehr niedrige Stube mit vier kleinen Fenstern, nassen, von Rauch und Ruß geschwärzten Wänden und gekrümmten Deckenbalken, die ganz so aussahen, als könnten sie ihre Last nicht länger tragen, und als würden sie eines Tages mit den Deckenbrettern und dem Estrich nieder stürzen. Der Fußboden war früher gedielt gewesen. Jetzt zeigte er nur noch dürftige Überbleibsel der Dielung, und so wohnte die Familie auf dem nackten Erdreich. Zwei Hobelbänke nahmen zwei Wände für sich in Anspruch. An der dritten Wand standen die Betten, an der letzten der Ofen mit den Küchengerätschaften, den hölzernen Wasserkannen, den Gefäßen für das Viehfutter. Der Tisch, ein Schrank und ein paar zerbrochene Stühle mussten mit bescheidenen Winkeln fürlieb nehmen. Das war die Heimat des Bübchens.
Ein reicher Bauer hatte als Weihnachtsgabe von einem Zeitungshändler aus der Stadt, der ihm die Romanhefte lieferte, zwei Prämienbilder erhalten, die ihm so wohl gefielen, dass er sie einrahmen lassen und seiner Frau auf den Weihnachtstisch legen wollte. Auf dem einen war die Königin Isabella von Spanien, auf dem anderen das Gefecht bei Nachod zu schauen. Am frühen Morgen des Tages, der den Heilligen Abend bringt, erschien der reiche Bauer beim Tischlermeister und verlangte mit der Bestimmtheit eines hochvermögenden Herrn, der keinen Widerspruch duldet, dass die Bilder bis Abend fertig eingerahmt seien. Er rühmte ihr Schönheit und ihren hohen Kunstwert und verlangte ganz absonderlich schöne Goldrahmen.
Der Tischlermeister wagte nicht, den Auftrag abzulehnen, obwohl er weder Glas noch Goldleisten im Hause hatte und die Stadt einige Meilen entfernt war. Er betrachtete es als eine ehrenvolle Auszeichnung, dass gerade ihm und keinem der beiden andern Tischler des Ortes die kostbaren Bilder anvertraut wurden.
Die Mutter hatte keine Zeit, in die Stadt zu gehen, und so fiel dem Bübchen die Aufgabe zu. In der achten Morgenstunde wanderte er mit seiner Krächze bei dichtem Schneegestöber zum Dorfe hinaus in den eisigen Wintermorgen.
Ihren merkwürdigen Namen hatte die hölzerne Glastrage vielleicht dem Umstande zu verdanken, dass sie durch ihre Schwere den Träger zum Ächzen und Krächzen zwang. Für das Bübchen aber war sie nicht allein viel zu schwer, auch viel zu umfangreich. Wenn es sich ein wenig überrücks beugte, so berührte der Untersatz den Erdboden, während ihm die Rückenwand hoch über den Kopf empor reichte. Für die Breite des Dinges war der Rücken des Knaben viel zu schmal, und es konnte nur durch die Gewalt der Ellbogen und der Hände vor schlimmen Schwankungen gehütet werden.
Der Weg nach der Stadt war weit, unendlich weit, und die Luft blies den Knirps so scharf an, dass ihm Ohren, Finger und Nase vor Kälte abspringen wollten. Doch er verzagte nicht und klagte nicht. Unterwegs gab es viel zu schauen: Krähen auf den Feldern, eine Windmühle, Soldaten die auf Urlaub eilten, zugefrorene Dorfteiche mit kaschelnden Kindern, große Hunde, Schneemänner und andere Merkwürdigkeiten. Auch des Phantasierens, und so fehlte es ihm unterwegs nicht an Unterhaltung und Kurzweil.
Tapfer kam er vorwärts, trotz Schneesturm und Kälte. Langweiliger wurde der Weg, als die Vorstädte mit ihren hässlichen Kohlenhöfen, ihren unfreundlichen Häusern und schmutzigen Wegen begannen. Doch auch diese Strecke nahm ein Ende, und glücklich gelangte das Tischleinsöhnchen an das ihm bereits bekannte Ziel.
Der Glashändler war ein Grobian. Er konnte aus dem Zettel, den ihm der Tischlermeister durch das Bübchen geschickt hatte, nicht klug werden, und ärgerlich fragte er: „Was sollen denn das für Leisten sein?“ „Der Vater hat gesagt, er hätte alles aufgeschrieben!“ gab der Junge ängstlich zur Antwort.
„Quarkspitzen hat er! . . . Was sein denn das für Bilder?“ Auf diese Frage wusste der Kleine zu antworten. Er hatte die Bilder nur flüchtig ansehen dürfen, doch Zeit genug gefunden, die Unterschriften zu lesen.
„Ach, solcher Trödel! Da weiß ich schon!“
Den Knaben empörte es, dass der grobe Mensch die herrlichen Bilder als Trödel bezeichnete. Glücklich aber machte ihn die Bemerkung: „Da weiß ich schon!“ Denn daraus entnahm er, dass der Händler den Zettel richtig verstanden hatte.
Eine Weile später verließ er den Laden mit einer Fracht, die ihn zu Boden drücken wollte. Er musste tief gebückt gehen, sonst hätte ihn die schwer mit Glas beladenen Krächze hintenüber gerissen und zu Fall gebracht. Die Goldleisten waren so lang, dass er nicht wusste, wie er sie tragen sollte.
„Du bringst das Zeug ja gar nicht fort!“ rief ihm der Händler nach. „Ist denn dein Vater verrückt, dass er dich schickt?“
Das Bübchen wollte zeigen, dass es das Glas und die Leisten ganz gut fortbringe, doch im nächsten Augenblicke wurde es durch einen andern Mann grob angeschrien: „Macht deine Glotzen auf, Bengel!“
Die Leisten waren dem Manne ins Gesicht gefahren. Bald darauf kamen sie einem Fuhrwerk zu nahe, und der Kutscher schlug schimpfend mit der Peitsche nach dem armen Bürschchen. In solcher Not war es froh, als es die Vorstadt erreicht hatte. Dort gab es nicht so viele Menschen auf der Straße, und die Leisten konnten keinen Schaden anrichten. Ein Jammer aber war es für den Kleinen, dass er sich für den Sechser, den ihm die Mutter als Zehrgeld mitgegeben, keine Semmel kaufen konnte. Die Krächze war breiter als eine Ladentür, und auch wegen der Länge der Leisten erschien es ihm unmöglich, in einen Bäckerladen zu gelangen. Da kam es ihm wie eine himmlische Schickung vor, als er auf einem Brettchen an einem Fenster allerlei rote Pfefferkuchenherzen ausgestellt sah und dahinter einen Frauenkopf erblickte. Die Frau merkte ihm sein Begehren an und öffnete das Fenster. Für seinen Sechser bekam er ein schönes mit Zucker bemaltes Pfefferkuchenherz, das so groß wie zwei Handteller war, und sein Knabenherz jubelte dem Pfefferkuchenherzen so freudig zu, als sei das Christkind bereits gekommen. Er nahm sich vor, die süße Kost langsam zu verzehren, damit sie recht lange ausreiche, und trollte frohen Muts weiter.
Da – o Grauen über Grauen – erblickt er an der Stelle, die er angebissen hatte, ein ganzes Rudel kleiner Maden. Das schöne Herz fiel in den Schnee, und der arme Schlucker spuckte, pustete uns schüttelte sich und glaubte, sterben zu müssen vor Eckel. Auch reute ihn sein Sechser, und er verwünschte die Frau, die ihn betrogen hatte.
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