„Müssen es denn gerade solche sein?“
„Aha, du verstehst mich! Dir hab ich gleich angesehen, dass du klüger als die andern bist. Du wirst mir sammeln helfen. Im Vertrauen sollst du wissen, dass ich selber ein dichter bin und schon viele Lieder erdacht habe. Ein ganzes Buch voll schnke ich dir, wenn ich durch sich erfahre, was die Leute hier singen . . . Wie fängt doch das mir dem Strahler an? Ich glaube, so:
Wir wissens nicht, wo Strahler leit
Strahler leit im Grunde . . .
Und wie geht’s weiter?“
Sie gab sich einen Ruck und sagte die Fortsetzung laut vor sich hin.
Er bedankte sich, meinte, dass der arme Strahler, dem seine Jungfräulein durch ihre Faulheit das Leben verbittern, zu bedauern sei, und fügte hinzu, dass der Urheber dieser Reimerei wohl an die Stadt Strehlen oder Strahlen, nicht aber an einen Mann namens Strahler, gedacht habe. Es stecke nur Rohheit drin, weiter nichts. Neugierig sei er auf ihre anderen Lieder.
„Da müsst ich erst nachdenken“, erwiderte sie.
„Denke nach, und trage mir alles vor, was du weißt!“
Sie redeten noch eine gute Weile miteinander, und zum Schluss Vereinbarten sie ein Wiedersehen für den übernächsten Nachmittag.
Die Hirtin blickt ihm nach, bis er fern am Dorfe hinter den Gärten verschwand. Sie wusste, dass es Dichter gab, hatte sich aber nie vorstellen können, was das für Leute seien. Nun war ihr einer begegnet, und sie dachte sich, dass er trotz seiner altmodischen Kleidung und feiner sonderbaren Redeweise ein feiner Herr sei. An dem Lobe, das er ihr gespendet, berauschte sie sich, und immer aufs Neue klangen ihr seine Worte durch den Sinn: „Du verstehst mich! . . . Dir hab ich’s gleich angesehen, dass du klüger als die andern bist . . . Du bist nicht mit Golde zu bezahlen . . .“ Süß wie Honig schmeckt das. Und wie vornehm er sich betragen hatte! Den hielten ihre Freundinnen für närrisch? Ach, wie dumm waren sie!
Sie lachte und sprang vor Vergnügen umher und fühlte dabei unklar, dass diese Begegnung ein großes Erlebnis für sie sei. Der Dichter sollte bei seiner Jagd nach Liedern nicht umsonst auf sie gerechnet haben.
Abends kaufte sie beim Krämer ein Schreibheft und einen Bleistift, machte von dort einen Sprung ins Elternhaus und verabredete mit ihrer jüngsten Schwester ein Zusammensein auf der Wiese. Tags darauf konnte sie ungestört im Weidengebüsch sitzen, sich nach Liedern aushorchen und immerfort schreiben. Ihr Schwesterchen sorgte, dass die Kühe nicht zu Schaden gingen. Viel zu zeitig war das Heft vollgeschrieben, und sie grämte sich, dass sie den Liedern, die ihr verspätet durch den Kopf summten, nicht gerecht werden konnte. Den erarbeiteten Schatz verbarg sie behutsam im Futter ihres Unterrocks.
Die Zeit erfüllte sich, und wieder wanderte die Hirtin mit ihrer Herde zum Dorfe hinaus, diesmal ohne die kleine Gefährtin. Draußen auf der stillen Flur erwartete sie, frohen Banges voll, den Dichter. Lange hielt sie Umschau, und endlich erspähte sie ihn. Auf dem Waltdofer Wege kam er langsam daher. Inbrünstig flehte sie zum lieben Gott, dass er ihn schütze vor den Blicken des alten Kringel, der drüben am Rande der Wiesen ackerte. Kringel war ein Lästermaul, und sie fürchtete Spott und böses Getratsch. An einem Busche setzt sie sich nieder, und als der Gast herankam und grüßend seine Mütze schwenkte, breitete sie hurtig ihr Kopftüchlein neben sich hin und lud ihn zum Ausruhen ein. Das fiel ihr schrecklich schwer, doch es musste geschehen, weil sie ihn auf andere Art vor Späheraugen nicht verbergen konnte. Sie bildete sich ein, er werde garstig von ihr denken, und sie schämte sich bis in den Hals hinab. Ein wenig leichter ums Herz war ihr, als er bei ihr saß und so wie bei der ersten Begegnung beteuerte, dass er nie zuvor ein verständigeres Jungfräulein gesehen habe. Gern ließ sie sich’s gefallen, dass er ihr die Wangen streichelte, und gern hätte sie ihm stundenlang gelauscht, wenn nur der Kringel nicht auf dem Felde gewesen wäre. Zaghaft reicht sie ihm ihr Schreibheft und bat ihn, es einzustecken und zu Hause zu lesen. Ihr kam es darauf an, ihn so rasch als möglich loszuwerden, er jedoch merkte das nicht, und zu ihrem Schrecken fiel er gierig über das Buch her, las Gedicht auf Gedicht und achtete nicht auf ihr Bitten, nicht auf das Gestammel von der Unleserlichkeit ihrer Handschrift. Bei einem der Lieder griff er nach ihrer Hand und drückte sie so fest, dass es wehtat. Dabei sprach er, ihr in die Augen blicken, sie verdiene, dass sie einst den besten uns schönsten Jüngling zum Manne bekomme. Von ihm selber sei dieses Lied gedichtet worden, und er freue sich, dass sie es lieb habe und wohl auch fleißig singe. Die andern seien ihm ebenfalls gut bekannt, und wenn sich auch kleines von denen darunter befinde, die er suche, kein richtiges Volkslied, so hoffe er doch, dass sie ihm helfen könne, sobald sie ihn verstanden habe.
Sie ertrug‘s nicht länger. Mit dem Ausrufe, sie müsse zu den Kühen, flog sie davon, jagte den friedlich weidenden Geschöpfen einen Schrick ein und trieb sie sinnlos auf engem Plan umher. Ihre Lieder konnten dem Dichter nichts nützen. Dumm was sie, dumm wie ein Kalb, sonst hätte sie ihn nicht falsch verstanden.
Er kam ihr nach. Er brachte das Schreibheft, er belehrte sie mit lauter Stimme, was er unter einem Volkslied verstehe. Kringel hielt staunen beim Ackern inne, schielte herüber und horchte. Sie entriss dem Dichter das Heft.
„Ich schreib andre auf!“ rief sie ihm zu, und das sollte heißen, dass er sich ihrer erbarmen und fortgehen möge.
Wann er wiederkommen dürfe?
„Montag“, anteortete sie aufs Geratewohl.
Eine ganze Weile noch redete er, und als er endlich ging, grämte sie sich bitter, weil sie die Grüße, die er ihr mit der Hand zuwinkte, nicht erwidern konnte. Was er nur von ihr denken mochte! Sie hatte zwar in ihrer Verwirrung und in ihrer Todesangst nicht gehört, was er vor dem Scheiden zu ihr sagte, zuletzt aber gefühlt, dass es lieb und lobend und schön gewesen war. In Gedanken flüchtete sie zur Muttergottes und suchte sich wegen ihres ungezogenen Betragens vor ihr zu rechtfertigen. Der Kringel, der allein war schuld daran, dass sie dem Dichter wehgetan hatte. „Morgen schandfleckt er über mich. Heilige Himmelsmutter, steh mir bei!“
Kringel wartete mit dem Schandflecken nicht bis zum andern Morgen. Bei sinkender Sonne schon vermeldete sein Weib auf der Dorfstraße die erstaunliche Neuigkeit, dass die Anna Hoffmann und der alte närrische Mann ein Liebespaar seien, und dass die beiden Ursache hätten, bald an den Hochzeitskuchen zu denken. Zwei Stunden später erfuhren die Mägde und die Frauen beim Spinnrocken, was sich auf der Wiese zugetragen habe, und was die Anna, die immer so scheinheilig tue, für eine sei. Brühwarm drangen die Geschichten zu den Ohren von Annas Bäuerin, und die verstand keinen Spaß. Bei ihrem Geschimpfe im Kuhstall erdröhnten Wand und Gewölbe. Sie dulde nicht, schrie sie, dass sich ihre Magd mit einem alten fremden Kerl einlasse und ihr noch Läuse ins Haus bringe. Sie werde sie beim Herrn Pfarrer anzeigen. Hinausgeworfen müsste sie werden.
Anna blieb ihr aus zornwildgewordenem Gemüte die Antwort nicht schuldig. Ihr brauche kein Mensch zu sagen, was sich schicke, und wenn die Leute wüssten, wie fein und gut der fremde Herr sei, würden sie sich ihre Lästermäuler nicht verbrennen. Vor dem Herrgott könnte sie schwören, dass er sie nur nach Volksliedern ausfrage, die er sammle, und dass er weiter gar nichts von ihr wolle. Wären die anderen Mädel nicht dumme Gänse, so hätten sie ihn angehört, anstatt davon zu rennen und ihn zu verschreien. Kringel sei ein Quatschkopf.
In solcher Tonart ging‘s heftig hin und her, und die Bäuerin ließ endlich locker, weil sie merkte, dass sie den gegen die Ehre des Mädchens gerichteten Vorwurf nicht aufrechterhalten könne. Als letzten Trumpf erhob sie die Beschuldigung, dass Anna ein frecher Balg sei, und mit der Drohung: „Ich sag’s deinem Vater!“ verließ sie den Stall.
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