Friedlicher sind die Menschen in der Welt dadurch auch nicht geworden! Es ist eigentlich alles so, wie es immer schon war. Staaten mit vergleichsweise geringeren Problemen sind nicht bereit, stärker betroffene Staaten zu unterstützen! „Staatsegoismus!“, knurrt Mr. Smith, der UN-Generalsekretär, und sieht vielsagend zu Mr. Gatti, dem Welternährungskommissar hinüber. „Nun haben wir die eigene UN-Planungsgruppe einsatzfähig und die Probleme werden nicht weniger! Und warum ist das so? Weil immer noch die von den einzelnen Ländern delegierten Experten eben nur in Interesse ihrer eigenen Staaten arbeiten. Wir müssen wohl den Druck auf sie erhöhen. Sonst gibt es keine Kompromisse! Und gleichzeitig als Druckmittel, die Kompetenzen auf unsere eigenen Fachleute verlagern.“ „Das Team Geno Ben Tut und Ben Hagir arbeitet doch schon ganz hervorragend.“ „Ja, das stimmt. Und alle unsere anderen neuen jungen Mitarbeiter, die wir nach deren Studium an der UN-Uni in Beirut anwerben konnten, werden eine genau so hervorragende Arbeit leisten.“
Mustafa und Ali äugen nun schon eine ganze Weile in das Tal hinunter und auf ihren kleinen trockenen Bach, der nur noch ein trockenes Bachbett ist. Eine Lösung für ihr Problem ist ihnen dabei noch nicht in den Kopf gekommen ...
„Wie haben die das denn gemacht? Meinst Du, die mühten sich damit ab, einen Felsen ins Bachbett zu rollen, um ihn dann mit Schutt zu bedecken?“ „Glaube ich nicht. Die Kerle werden einfach eine Handgranate in der Böschung vor der Engstelle gezündet haben. Das reichte für die Verstopfung.“ „Dann hätte das ja jeden Tag auch ohne die Soldaten passieren können.“ „Ja, sehe ich auch so!“ „Und nun?“ „Nun muss der Schutt wieder weg. Leider bewachen die Soldaten den Haufen.“ „Viel Wasser hat sich ja noch nicht vor der Sperre gesammelt. Es scheint irgendwo anders hinzufließen.“ „... und gräbt sich dort eine neue Rinne.“ „Du hast recht, wir müssen uns beeilen sonst kommt nie mehr etwas zu uns.“ „Hoffentlich schlafen die Männer heute Nacht. Dann könnten wir in den Schuttberg oben eine kleine Rinne kratzen. Den Rest macht das Wasser dann selber.“ „Ja, das müsste klappen ...“
„Deckung! Der Hubschrauber kommt!“ – „Verfluchtes Pack, hoffentlich steigen sie alle ein und es bleibt keiner von den Halunken zurück.“ Und schon startet die Maschine wieder. „Sind jetzt wirklich alle weg?“ „Komm mit, wir gehen nachsehen. Nimm den Rucksack auf. Hierher werden wir wohl nicht mehr zurück müssen.“ „Passe doch besser auf! Du trittst ja Steine los. Wenn da unten wirklich noch jemand ist, wird er uns hören.“
Beide machen sich an den Abstieg zu der Hütte unten im Tal. Ständig auf der Suche nach Deckungsmöglichkeiten für den Fall, dass der Hubschrauber wiederkommt. „Kannst Du schon was sehen? Ist noch eine Wache zurückgeblieben?“ „Stopp! Was funkelt denn dort in der Sonne?“ „Ein Draht? Ja, da ist ein Draht gespannt.“ „Was soll der denn dort?“ „Kannst Du Dir das denn nicht denken? Warst Du nicht im Krieg? Das ist eine Sprengfalle.“ „Das ist ja furchtbar. Stell Dir vor, wir wären von unten gekommen. Was machen wir jetzt?“ „Na, ganz einfach. Ich entschärfe das Ding. Den Sprengstoff nehmen wir mit.“ „Kannst Du das denn?“ „Du nicht? Was hast Du denn im Krieg gemacht?“ „Ich habe die Maultiere versorgt.“ „Ist ja gut, lege den Rucksack ab und bleibe hier in Deckung, ich bin gleich wieder zurück. Wenn es nicht gelingt, grüße meine Frau.“
Derweil lässt sich keiner der Soldaten sehen. „So, geschafft! Das Zeug nehmen wir mit. Wer weiß, was wir noch alles in die Luft jagen müssen.“ „Ob wir auch in der Hütte nachsehen sollten?“ „Das werden wir wohl müssen, um sicher zu gehen.“ „Das ist aber gefährlich!“ „Ja, das ist gefährlich, deshalb bleibst Du besser hier! Ich gehe jetzt nachsehen.“ „Ich habe Angst!“ „Ich habe auch Angst, aber es muss sein ... Bis gleich!“
Mustafa schlängelt sich zwischen den Felsen hindurch, bis er die Rückseite der kleinen Hirtenhütte erreicht hat. Er kennt die Hütte. Als Junge war er oft hier oben und auch allein über Nacht geblieben. Es gibt vorne nur ein Fensterloch ohne Glas hoch unter dem flachen Dach und daneben die Tür, um hineinzukommen. Der Fensterkloben liegt auf dem Boden unter dem Loch. Das hatte er schon von Weitem gesehen. Heißt das nun, jemand ist noch in der Hütte? Oder heißt das, die Kerle waren zu faul, das Lichtloch wieder zu verschließen, als sie gingen? Egal, hier hinten war immer schon ein Brett lose. Mal sehen, wie es drinnen aussieht ...
Vorsichtig biegt Mustafa das lose Brett zur Seite und erstarrt! Vor ihm stehen ein paar Stiefel und bewegen sich wippend in irgendeinem unhörbaren Musiktakt. Nichts ist zu hören! Langsam beruhigt sich sein Pulsschlag wieder. Ob da noch mehr Männer im Raum sind? Es ist wohl doch nur einer. Aber warum steht der denn so dicht an der Wand? Das könnte auch meine Chance sein. Gehe ich zur Tür und versuche von dort in die Hütte zu kommen, stehe ich im Licht und er ist im Dunkel. Das ist mir zu gefährlich. Aber was macht sich der Kerl an der Wand zu schaffen? Was hing denn da immer? Mustafa zergrübelt sich den Kopf. Steht da ein Schrank, hängt da ein Bord? Reinigt er sein Gewehr? Oder noch schlimmer, steht er etwa mit der Hubschrauberbesatzung in Funkkontakt und das Gerät hängt an der Wand? Was macht der da? Kratz, kratz? Der rasiert sich, glaube ich! Ja, das könnte es sein! Es ist aber auch egal, ich muss handeln! Ich muss etwas tun, ich muss den Kerl loswerden! Es kann nur einer sein. Wehe mir, wenn es mehrere sind!
Leise nimmt Mustafa sein Seil von der Schulter, schlingt sich das eine Ende in loser Schlinge um den Leib, legt das andere Ende um einen runden Felsen zum Umlenken genau gegenüber dem losen Brett und zieht das Seilende bis hin zu den Stiefeln, immer bemüht, nicht den geringsten Laut zu geben. Nun knotet er eine Schlinge und sucht sich einen stabilen Knüppel. Jetzt kommt es darauf an! Ich muss schnell sein! Leise und behutsam zieht Mustafa mit der einen Hand das Brett etwas nach außen und legt mit der anderen Hand das Seil um den Stiefel und dann wieder nach draußen. Jetzt schnell noch die Seilschlinge in die eben geknotete Endschlinge und den Knüppel hinein in die sich bildende Seilschlinge! Fertig! Ein gewaltiger Ruck mit dem Körper. Und nun ragt der Stiefel mitsamt dem Bein aus dem Loch. Poltern! Fluchen! Ein Stich in den Oberschenkel! Das Blut des soldatischen Wächters verströmt in pulsendem Strahl ...
„Wo warst Du denn so lange? Ich wäre fast gestorben vor Angst. Oh, das Seil ist ja ganz blutig, hast Du Dich verletzt?“ „Ich bin unversehrt. Aber beinahe wären wir beide gestorben. Nun lass uns rasch den Bachlauf öffnen. Komm jetzt!“ Es war wirklich nur eine Rinne zu kratzen. Das Wasser bahnt sich seinen gewohnten Weg. Rinnt erst in dünnem, schmutzigem Strahl, dann stärker und schließlich als Bach wie schon immer. Noch etwas trübe, aber er fließt!
Haben wie schon Geno Ben Tut vorgestellt? Ich glaube nicht. Er war es, der noch als Student der Uni Beirut den Auftrag bekam, den Aralsee zu sanieren und der Bevölkerung dort wieder eine Lebensperspektive zu geben. Geno ist der Stiefsohn von Hano und seiner Frau Schar. Der von Geno gemachte Vorschlag enthielt zwei Zeithorizonte: Erstens sollten Sofortmaßnahmen ergriffen werden. Zweitens sollte der etwas größere Sanierungsteil in einer Hinleitung von Wasser bestehen. Wasser im Überfluss gibt es in Sibirien. Eintausend bis zweitausend Kilometer Kanal wären dafür nötig. Je nachdem, wo der Zugriff auf das Wasser erfolgen könnte. Geno hat die Uni längst verlassen. Die Planung des ganzen Projektes liegt aber nach wie vor bei ihm. Er arbeitet nun für die UN, und er verfolgt auftragsgemäß den Plan, einen großen Kanal in das Aralsee-Gebiet zu bauen, nach wie vor mit angespanntem Interesse.
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