Jetzt lachte sie auch. »Ach, du meinst, von wejen meine Sprache? Na, laß man, wa können nich alle uff dieselbe Tonart piepen! Det wäre zu langweilig! Übrijens, Friederike Busch is mein Name!«
»Karl Siebrecht«, stellte sich der Junge vor.
»Sehr anjenehm, Karl!« Und sie gab ihm ihre kleine, graue, schon sehr verarbeitete Kinderhand. »Karl heeßt auch mein Vetter, in dem Kaff da, von dem ick komme, in Priestitz. Aber er is man doof uff beede Backen, mit dem kann ick keen Wort reden, mit dir kann ick jut reden, Karl –!«
»Ich mit dir auch!«
»Na, siehste! Und warum ick in Priestitz war? Da is doch Muttas Schwesta, Tante Bertha! Solange Mutta noch lebte, und ooch det Jahr nach ihrem Wegscheiden hat se uns imma von's Schlachtefest Pakete jeschickt. Aber letztet Jahr: Neese! Da ha' ick disset Jahr zu Vata'n jesagt: det gibt et ja nu nich, wenn so wat erst inreißt, denn kucken wa det janze Leben in den Mond! Ick fahre hin! Na, der Olla hat ja jenuschelt, aba da mach ick ma nischt draus. Ick ihm einfach 'nen Zettel hinjelegt, die Tilda uffjepackt und losjeschoben!«
»Und was hat die Tante gesagt, als du da so einfach ankamst? Du hattest dich doch nicht angemeldet, Friederike?«
»Rieke heeß ick, Friederike is bloß fors Amt, und wenn ick Schläje kriege, aber ick krieje keene mehr, jejen mir hebt keener mehr die Hand! – Die Frau hat Oojen jemacht, det kann ick dir flüstern, wie Mantelknöppe! Wat willste denn hier? fragt mir die Frau. Und denn noch mit det Balg?! – Erlobe mal, Tante Bertha, sare ick zu die Frau, der Balg is deine fleischliche Nichte und dir wie aus't Jesichte jeschnitten, und denn wollt ick mir man bloß die kleene Anfrage erlauben, ob hier unter deine Schweine Keuchhusten ausjebrochen is? – Na, da mußte se doch lachen, und denn war se janz ordentlich. Det von't vorje Jahr, hat se wieder jutgemacht und mehr wie det. Und det nächste Jahr soll ick wiederkommen, mit det Schicken is et ihr zu umständlich. Na, laß se, die is schlecht mit die Feder, vastehste? Adresseschreiben und so! – Det Kleed is ooch von ihr! Schöne Wolle, er jing nich mehr in'n Korb, aba dalassen, keene Ahnung! Hab ick's über die andre Kleedage jezogen, haste det jemerkt?«
Aber ehe Karl Siebrecht noch antworten konnte, fing die Lokomotive wild zu klingeln an, die Bremsen schrien, es gab einen gewaltigen Ruck, und der Zug hielt ganz plötzlich: sie wankten auf ihren Sitzen, Tilda fiel schreiend von der Bank – »Det is die Höhe!« schrie Rieke Busch. »Mir mein Kind von de Bank zu schubsen! Die Bande mach ick haftbar!«
Karl Siebrecht hatte zum Fenster hinausgesehen: der Zug, aber eigentlich war es nur ein Zügle, hielt auf freier Strecke. Ein Schaffner lief an ihm entlang, ein langer, schwarzer, jetzt sehr aufgeregter Mensch, der in jeden Wagen stürzte ... »Da ist was passiert«, sagte Karl Siebrecht zu Rieke Busch, die das weinende Kind zu beruhigen suchte.
Sofort ergoss sich die Schale ihres Zorns über ihn. »Wat soll den passiert sind? Hier passiert doch nie nischt! Hier saren sich bloß die Hühner jute Nacht – und denn passieren! Det ist ja lachhaft! Und mir schmeißen se det Kind von de Bank – so wat is doch rücksichtslos! Det Kind kann sich doch eenen Leibesschaden tun! – Hören Se, Männecken«, wandte sie sich ohne weiteres an den aufgeregten Schaffner, der jetzt in ihr Abteil für Reisende mit Traglasten gestürzt kam, »hören Se, Männecken, wat is denn mit ihre Klingelbahn los? Ihr Lokomotivführer hat woll eenen zu ville jekippt! Sie schubsen mir det Kind von de Bank –!«
Aber ohne das empörte Mädchen zu beachten, hatte sich der Schaffner an die Untersuchung der rotweiß bemalten Notbremse gemacht. Nun wandte er sich an die beiden. »Ihr habt die Notbremse gezogen!« schrie er. »Wer von euch beiden hat die Notbremse gezogen? Das kost' Strafe – das kost' zehn Taler Strafe!« Er fing an, den Boden abzusuchen. »Da liegt ja der Draht! Und da ist die Plombe! Das sieht ja jeder, daß ihr die abgerissen habt! Das kost' zehn Taler, und wenn ihr die nicht zahlen könnt, kommt ihr ins Loch!«
»Entschuldigen Sie«, sagte Karl Siebrecht, »wir haben bestimmt nicht an der Notbremse gezogen! Wir haben uns hier ganz ruhig unterhalten –«
Aber seine Gefährtin war nicht für höfliche Erklärungen. »Sie sind ja komisch!« schrie sie im schrillsten Ton. »Sie sind ja 'n komischer Vertreta! Erst schmeißen Se det Kind von de Bank, und denn kommen Sie noch mit so 'ne Redensarten! Saren Se mal, haben Se keene Oogen im Koppe nich! Sehen Se vielleicht, wat für 'ne Jröße ick habe? Ick bin nich so'n langer Laban wie jewisse andere, ick reiche jar nich an Ihre dusslige Notbremse! Ja, kieken Se mir mit Ihre schwarzen Kralloojen ruhig an, ooch nich, wenn ick uff den Reisekorb klettre ...«
»Aber der Junge –«, wollte der Schaffner anfangen.
»Der Herr! meenen Se! Det is een jebildeter Herr, der is nich wie andere, der rennt nich 'rum und brüllt die Leute an, det er se ins Loch steckt. Der hat 'nen Todesfall in die Familie jehabt, dem is nich nach Notbremse, und da kommen Se hier reinjestürzt!«
»Aber man sieht doch deutlich, einer hat den Draht durchgerissen«, fing der Schaffner wieder an.
»So, det sehen Se? Wat Sie allet sehen, an so 'nem Stücksken Draht! Woran sehen Se denn det, det eener den abjerissen hat? Kann denn Draht nich von selber reißen? Ich weeß det nich, aber Sie wissen't: Draht reißt nie, der wird jerissen! Na ja, wer hier wohl jerissen is, Sie nich, Männecken, Sie nich!«
Sie stand in ihrer grotesken Frauentracht, funkelnd vor Zorn, mit ihrem ganz hellen, völlig furchtlosen Gesicht vor dem Mann, der sie mit einem einzigen Schlage hätte niederschmettern können. Aber er dachte gar nicht daran, sie hatte ihn wirklich in Verwirrung gebracht. Er probierte noch immer an Draht und Plombe herum, aber nicht mehr mit der richtigen Überzeugung. »Das melde ich aber in Prenzlau auf dem Bahnhof!« sagte er noch drohend, aber seine Drohung klang nur schwach. »Euch werde ich das besorgen! Hier einfach die Notbremse ziehen!« Damit stolperte er aus dem Wagen. Sie sahen ihn am Zug entlang gehen, immer noch Draht und Plombe in der Hand. Dann stand er neben der Lokomotive, verhandelte mit dem Führer. Sie meinten, ihn sagen zu hören: »Den hat doch einer durchgerissen, das sieht man doch!« Dann setzte sich der Zug keuchend wieder in Bewegung, klingelte aufgeregt.
»Du kannst die Leute aber ausschelten!« sagte Karl Siebrecht nicht ohne Bewunderung zu Rieke Busch. »Hast du denn keine Angst gehabt, er haut dir einfach eine runter?«
»Ick hab so ville Dresche in meinem Leben bezogen, früher, davor ha' ick keene Angst mehr! Und denn det Schimpfen, det lernt man, wo wir wohnen. Wenn de dir da nich wehrst, biste glatt erschossen. Na, du hast det nich nötig jehabt, for dir is immer jesorgt worden, det sieht man.«
»Aber vielleicht habe ich es jetzt auch nötig. Ich fahre nach Berlin, für immer.«
»Na, und –? Da haste doch sicher 'nen Onkel oder jehst uff 'ne bessere Schule?«
»Nein. Ich habe niemanden dort. Und ich muß mir selber mein Geld verdienen.«
»Wat du nich sagst! Aber du hast schon 'ne Stellung ausjemacht, wat? Du bist Koofmich oder so wat, mit deinem tipptopp jestärkten Halsabschneider –!«
Karl Siebrecht faßte unwillkürlich zu seinem hohen steifen Stehkragen, der ihm wirklich die Kehle fast abschnitt. Minna hatte verlangt, daß er das mörderische Ding umband: er solle in Berlin doch einen guten Eindruck machen! Aber ehe er noch Rieke Busch über seine gänzliche Unversorgtheit hatte aufklären können, fing die Lokomotive ein zweites Mal aufgeregt zu bimmeln an. Wieder gab es einen Ruck, aber nicht mehr ganz so schlimm wie den ersten – Tilda blieb auf der Bank –, und wieder hielt der Zug.
»Na, wat sagste nu?« rief Rieke Busch empört. »So wat jibt's nu in Berlin nich! Paß mal uff, jleich haben wa den schwarzen Affen wieder hier!«
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