Einen Moment lang passierte nichts, außer dass das Raubtier seinen Weg nach unten fortsetzte. Dann aber wurden seine Bewegungen immer langsamer und unsicherer. Es fing an ins Leere zu greifen und fiel schließlich ganz aus dem Baum. Einen Moment lang hatten die Freunde die Hoffnung, dass die Katze den Sturz möglicherweise nicht überlebt haben könnte, aber schon nach kurzer Zeit regte sich das Tier wieder und versuchte aufzustehen.
Schneekristall und Simnil waren inzwischen zu Morgenröte hinunter gelaufen, um nach ihr zu sehen. Der Baumzwerg hielt ein silbernes Fläschchen in seinen Händen. Damit flößte er Morgenröte, die kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren, einige Tropfen ein.
„Ein Geschenk der Elfen“, lächelte er. „Ich hoffe, es wirkt auch bei dir.“ Sein besorgter Blick glitt hinüber zur Raubkatze, die bereits versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es ihr aufzustehen. Auf wackeligen Beinen, jaulend und brüllend, versuchte sie einen Schritt nach vorne zu machen und fiel kopfüber mit der Nase in den Dreck. Dabei ließ sie auch weiterhin die ganze Zeit über ein Kreischen und Jaulen hören. Dann stand sie zum zweiten Mal auf. Aber auch diesmal torkelte sie wieder und fiel auf ihr Hinterteil. So blieb sie eine ganze Zeit lang sitzen und glotzte die Gruppe aus glasigen Augen an.
Dadurch gewann Morgenröte wertvolle Zeit, die sie dazu nutzte, wieder zu Kräften zu kommen. Der Katze entging dieses nicht. Sie stemmte sich hoch und ging mit wackeligen Schritten auf die Freunde zu.
„Steh auf Morgenröte, hoch mit dir!“, drängte der Zwerg.
„Bitte Mama“, flehte auch Rosenblüte, „sie kommt!“
Das Einhorn versuchte verzweifelt auf die Beine zu kommen. Ihre Kinder und der Zwerg unterstützten sie dabei aus Leibeskräften. Die Bewegungen der Katze wurden unterdessen immer sicherer und als es Morgenröte gelang ihren Oberkörper aufzurichten nahm die Katze brüllend Anlauf und stürzte sich auf die Mutter.
Simnil zog sein Messer, das lächerlich klein war im Vergleich zu den gewaltigen Eckzähnen der Katze und stellte sich ihr in den Weg. Das Tier nahm überhaupt keine Notiz von ihm und sprang einfach über ihn hinweg.
In diesem Moment gab es einen dumpfen Knall und die springende Katze wurde einfach hinweg gefegt. Wie hingezaubert stand Silberstreif da. Seine Flanken bebten und ein böses Wiehern stieg aus seiner Kehle auf. Er war aus vollem Lauf auf die Katze geprallt, so schnell wie ein Blitz und hatte ihr sein Horn in die Seite gestoßen. Das Ganze war so schnell geschehen, dass das große Raubtier bereits am Boden lag, ja sogar noch einmal versuchte aufzustehen, bevor es sich in einem Funkenregen auflöste.
Schwer atmend wandte sich Silberstreif Morgenröte zu. Die hatte sich zurück auf die Seite fallen lassen und lag völlig hilflos da. Silberstreif rieb zärtlich seine Nüstern an ihrem Hals. Dann berührte er mit seinem Horn das Ihrige. Simnil sah, wie ein kleiner Funke übersprang und ihre Hörner anfingen zu glühen. Silberstreif schien eine Ewigkeit so zu verharren. Dann ließ er sich erschöpft neben Morgenröte fallen und schlief sofort ein.
Die beiden Fohlen, die die ganze Zeit verstört daneben gestanden hatten, kuschelten sich nun ängstlich an ihre schlafenden Eltern.
„Na toll“, knurrte Simnil und versuchte den Hengst wieder aufzuwecken.
„Silberstreif, wach auf! Wir müssen dringend hier weg. Wer weiß, wie viele von den Biestern noch hier herumlaufen. Und wir sitzen hier ohne Deckung mitten im Wald!“
Aber es hatte keinen Zweck, er bekam das Einhorn nicht mehr wach.
So suchte er sich ein geschütztes Plätzchen, kramte ein Stück Brot aus seinem Beutel und bewachte die Einhornfamilie.
Als der Morgen herauf dämmerte wachte Silberstreif auf. Er fühlte sich noch etwas matt vom gestrigen Tag und sah sich nach Simnil um. Er fand ihn ein wenig abseits von der Gruppe schlafend unter einem Baum sitzend. Ganz leise, um ihn nicht zu wecken, ging er auf ihn zu und betrachtete ihn.
Ein kleiner, magerer Mann, kleiner als Silberstreifs Bein, mit mageren Händen und schmalem Gesicht, soweit man das wegen des strubbligen und braunen Bartes beurteilen konnte. Die Nase war schmal und gerade und die Augen funkelten wie zwei schwarze Perlen, wenn er nicht gerade schlief. Seine Kleidung war optimal für ein Leben im Wald angepasst.
Silberstreif fragte sich, ob er ihn wohl bemerkt hätte, wenn er an diesem Baum vorübergegangen wäre und nicht gewusst hätte, dass hier ein Baumzwerg schlief. Allmählich begann er zu verstehen, warum man sie so selten zu Gesicht bekam. Sie waren, wie die Einhörner, Meister der Tarnung.
In diesem Moment schreckte Simnil hoch, riss ein Messer aus dem Ärmel und erkannte einen Moment später, wer da vor ihm stand.
"A
lle Achtung. Deine Reflexe sind in Ordnung“, sagte Silberstreif.
„Ich muss eingeschlafen sein“, erwiderte Simnil ein wenig schuldbewusst.
„Wie lange hast du uns bewacht?“ fragte Silberstreif sanft. Große Dankbarkeit lag in seinen Augen.
„Bis die Morgendämmerung anbrach“, erwiderte der Zwerg und kratzte sich verlegen am Ohr, weil er während seiner Wache eingenickt war.
„Danke Simnil“, begann Silberstreif. „Ohne dich wäre meine Familie jetzt tot. Ich werde auf ewig in deiner Schuld stehen, ohne sie jemals tilgen zu können.“
„Och, das war doch nicht der Rede wert“, entgegnete der kleine Mann. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass das Einhorn sich so überschwänglich bei ihm bedankte.
„Morgenröte hat mir erzählt, wie tapfer du dich geschlagen hast, und wie du dein Leben für ihres geben wolltest!“
„Wann denn?“, fragte Simnil erstaunt. „Ihr habt doch die ganze Nacht geschlafen wie die Murmeltiere!“
„Sie hat es mir erzählt, als unsere Hörner sich berührten. Ich gab ihr von meiner Kraft ab, damit sie sich schneller erholt. Sie hatte all ihre Magie in dem Kampf gegen die Katze verbraucht.
„Dann weißt du alles, was sich hier zugetragen hat, während du weg warst?“, fragte Simnil immer noch ungläubig.
„Ich weiß alles, was auch Morgenröte weiß. Ihre Bilder sind nun auch in meinem Kopf.“
Der Hengst wandte sich um und fragte: „Wollen wir ein Stück zusammen gehen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Silberstreif dem grünen Wald zu. Simnil schüttelte nur den Kopf, ihm fehlten die Worte. Dann folgte er dem Einhorn.
„Wieso haben sich diese … diese Katzen in Nichts aufgelöst?“, fragte Simnil nach einer Weile.
„Weil es keine Katzen sind“, war die Antwort. „Es sind Zauberwesen.“
„Zauberwesen? Aber ich habe auf sie geschossen. Sie haben geblutet!“ Simnil war baff.
„Es ist eben ein sehr guter Zauber. Scheinbar sind sie solange Katzen, bis man sie ins Herz trifft. Wenn das geschieht, lösen sie sich auf. Mehr weiß ich auch nicht.“
„Jemand der so etwas kann, muss ein mächtiger Zauberer sein“, vermutete Simnil.
Dann wechselte er das Thema. „Weißt du, warum der Wald schwarz wird?“
„Nein. Wir Einhörner nennen es die ‚Ausbreitung der Finsternis' und beobachten das schon seit vielen Jahren. Der Wald wird nicht einfach nur schwarz. Als erstes fliehen die Tiere. Dann sterben die Pflanzen und Gräser. Als letztes verfaulen die Bäume. Es bleibt nichts übrig, als schwarze Wüste, auf der nie wieder etwas wächst. Auch der Wald, durch den wir her gekommen sind, wird schon bald vollständig verschwunden sein.“
„Und was machen wir jetzt?“, fragte der Baumzwerg. „Heute ziehen wir nicht weiter“, erwiderter Silberstreif. „Meine Familie ist zu erschöpft. Wir werden uns ein Versteck im grünen Wald suchen und uns ausruhen. Es ist besser, wenn wir alle wieder bei Kräften sind, bevor wir uns wieder auf den Weg machen. Morgenröte wird all ihre Kraft brauchen, wenn ich wieder vorausgehen muss und sie mit den Fohlen allein ist.“
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