„Ich kenne deinen Vater. Du bist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Frage ist nur. Weiß er, dass er seinen unnachgibigsten Krieger neben mir auf seine Tochter losgelassen hat?“
Evie riss die Augen auf. Naron wurde auf sie angesetzt, von…
„Gideon?“ fragte sie leise.
Salvarius nickte selbstgerecht.
„Deine liebe Mutter wagte es anscheinend, den großen und gerechten Gideon unter ihren Rock zu lassen. Statt mich. Da habe ich mir genommen, was ich wollte.“
Nach dem ausgiebigen Mahl, hatte Gideon ihnen seinen Plan erläutert, Salvarius zu bestrafen. Die Tatsache, dass er seine Gefährtin auf dem Gewissen hatte, bohrte sich wie ein heißer Draht in sein Herz. Er ahnte, dass Salvarius nichts Gutes mit seiner Tochter anstellen würde und der Verrat an ihm machte Gideon verrückt.
Doch keiner konnte jetzt den Kopf in den Sand stecken. Evie musste gefunden werden, doch Gideon hatte keine Ahnung, wo.
Derek hatte Viktoria mitgenommen, um ihre Waffen zu holen.
Naron stand an der linken Wand hinter dem Thron, denn dort war die Karte des Herrschaftsgebietes von Gideon. Salvarius war hier ebenso zu Hause und würde sich irgendwo in der Nähe verstecken.
Gideon gesellte sich zu Naron und starrte genauso auf die Karte, wie er.
„Was denkst du? Was wir tun, wenn wir ihn finden, haben wir geklärt. Aber wie finden wir ihn?“ fragte Gideon.
„Ich kenne ihn nur halb so gut wie du. Nie habe ich mit ihm gekämpft, doch ich kenne andere, die das tun. Vielleicht bieten sie ihm Unterschlupf.“
„Sehr weise, Naron. Gut das ich dich habe. Es tut mir übrigens leid, dass ich dir diese Bürde auferlegt habe, mit Evangeline.“ Naron schaute seinen König bei diesen Worten streng an. Er genoss den Klang dieses Namens.
„Entschuldige dich nicht dafür. Es sollte so sein, denke ich. Ich mache mir keine Sorgen, dass sie deine Tochter ist, gebe ich zu. Aber ich mache mir Sorgen, weil sie noch so jung ist. In ihrer Welt ist sie erwachsen, mein König. Doch in unserer ist sie noch ein Kind. Es wäre schändlich mit ihr diese Verbindung zu bestätigen.“ Er schnaufte.
Gideon legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte diese kurz.
„Du machst dir zu viele Gedanken. Deine Vampirinfreundin hat Recht. Sie ist nicht normal, geschweige denn einzuschätzen, denke ich. Sie ist etwas Besonderes. Ich werde sie so behandeln und ich möchte, dass du dies auch tust. Lass sie entscheiden.“ Sagte der König bestimmend.
Naron nickte ihm zu. Gideons Ansichten waren manchmal nicht wirklich nachzuvollziehen, doch genau in diesem Moment verstand Naron, was dieser Dämon meinte. Er beneidete ihn, für seine Weitsicht. Er selber war immer so impulsiv gewesen, so draufgängerisch. Aber nicht mehr seid dem er der Dämonin begegnet war.
„Nicht ich habe sie verändert, mein König. Viktoria meinte zwar, dass ich verantwortlich sei, für ihre Launen, doch ich glaube es ist anders herum. Ich habe mich verändert. Ich denke anders, als noch vor diesem Auftrag. Vielleicht ist das der Grund, warum ich weiß, dass sie die Meine ist.“
„Du glaubst, sie macht…“
„Mich zu einem vollkommenen Dämonen. Wie es sein soll. Und wenn sie sich ebenso für mich entscheidet, werde ich alles tun, um sie glücklich zu machen. Ob hier in Talon, oder in ihrer Welt. Das ist mir egal.“ Ergänzte Naron.
Gideon sah ihn prüfend an und klopfte ihm sodann auf die Schulter.
„Du bist wahrlich ein geeigneter Schwiegersohn. Gefährten sollten immer so denken!“ schloss Gideon.
„Wie war es, als du deine Gefährtin erkannt hast? Es war doch sicherlich genauso verwirrend, oder. Sie war ja nun mal eine Hexe.“
Gideon bedachte ihn mit einem warnenden Blick, antwortete aber zaghaft.
„Es war Zufall. Sie übte das zaubern. Ich war auf der Suche nach meinem Zielobjekt, denn auch ich habe so angefangen, wie du, als Jäger. Sie war dort in diesem Wald.“ Gideon drehte sich von der Karte weg und setzte sich auf die Stufen vor seinem Thron. Naron setzte sich neben ihn. „Zuhause durfte sie nicht zaubern, verriet sie mir. Sie hatte keine Angst vor mir, aber viele Fragen. Sie war auch noch so jung, auch als Mensch. Doch ich war ja auch jünger, gerade erst ein standhafter Dämon. Ich rannte beinahe in sie rein. Sie hätte mich bannen können, tat sie aber nicht. Vom ersten Moment an, fühlte ich diese Fülle in meinem Herzen, als ich sie sah. Ich vergaß meine Aufgabe für kurze Zeit, da ich mich nicht von ihr trennen konnte. Sie versprach mir, sie genau wieder dort zu treffen, was wir auch ab da an jede Woche taten. Die Tage ohne sie waren ein Qual, du kannst dir nicht vorstellen, wie aufgeregt ich jedes Mal war, bevor ich sie traf. Vater hatte ich davon berichtet. Er war nicht zufrieden damit, dass sie eine Hexe war, aber er hätte es hingenommen. Ich wollte mit ihr fort, doch er zwang mich in diesen Krieg mit dem Versprechen, dass ich sie danach zu mir holen könnte. Er hielt auch Wort. Es war für sie bereits alles hergerichtet, doch ich fand sie nicht. Ich suchte sie überall.“ Tränen hatten sich in seinen Augen gebildet, die ihm die Sicht verschlechterten.
„Du wusstest aber nicht, dass du sie geschwängert hattest?“
„Nein. Mir wurde dies nie so erklärt, wie euch. Die Zeiten waren anders. Wir waren für einander bestimmt, also machte ich sie zu der Meinen, bevor ich gehen musste. Ich wollte verhindern, dass mein Vater seine Meinung änderte. Er hätte das Mal gesehen.“
„Welches Salvarius ignoriert hat!“ Naron biss sich auf die Zunge, doch auch Gideon nickte wütend.
„Das hat er, in der Tat. Sie trug es am Schlüsselbein. Hier oben.“ Er deutet auf sein Eigenes.
„Hat sie zurückgebissen?“ fragte er unüberlegt, da ihm Evies Worte in den Sinn kamen.
„Was ? Wieso?“ fragte Gideon verwirrt.
„Na, Evie findet diesen Brauch, ehm, Scheiße. Sie fragte mich, ob die Weiber bei uns auch ihre Gefährten zeichnen.“
Gideon lachte laut los und rieb sich den Bauch.
„Das hat sie! Sie ist wahrhaftig eine besondere Dämonin. Was hast du geantwortet?“
„Was hätte ich den sollen? Ich habe es ihr erlaubt. Habe gesagt, wenn sie das will, soll sie.“
Gideon kippte vor Lachen hinten über und rollte sich lachend hoch.
„Gut geantwortet, Naron.“ Noch lachend schaute er in die verwirrten Gesichter von Derek und Viktoria.
„Haben wir was verpasst?“ fragte sie.
Evie erstarrte in der Luft. Salvarius hielt sie immer noch einige Zentimeter über dem Boden. Ihr wurde schlecht.
„Du bist widerlicher, als ich es geahnt hätte.“ Keuchte sie bei seinem festen Griff.
„Ach meinst du? Na dann, zeige ich dir, wie widerlich ich sein kann. Helion!“ brüllte der Dämon. Dieser erschien sogleich in der Türe und verbeugte sich vor Salvarius.
Er warf Evie mit Leichtigkeit vor dessen Füße.
„Das freche Gör braucht noch etwas Abkühlung! Heute Abend werde wir ihr beweisen, was widerlich sein kann, Helion!“ Salvarius stürzte aus dem Raum.
„Was hat du getan, Weib?“ fragte der verwirrte Helion.
„Ein Monster geweckt.“ hustete Evie.
„Tut mir leid.“ Er packte Evie vermeintlich grob und schubste sie aus der Tür. Einige weiter Dämonen standen vor den Eingang und beäugten Evie, die von Helion zu dem dunklen Brunnen geführt wurde. Als sie das Ding sah, bekam sie doch leicht Panik. Nicht weil sie Angst in den Ding hatte, doch weil sie wieder an der Kette hängen musste. Sie würde sich nicht befreien können.
Helion ergriff ihre Metallklammern und hackte die Kette darin fest. Evie versuchte sich zu wehren und trat nach ihm. Er wich aus und warf sie kurzerhand über die Mauer. Wieder erfasste sie die feuchte Dunkelheit.
Die Vermutung, dass Salvarius bei irgendwelchen Anhängern seiner Legion untergekommen war, erhärtete sich, als Naron bereits den Vierten Schlupfwinkel von Salvarius untergebenen aufgesucht hatte. Er und Derek waren jetzt seit Stunden unterwegs. Doch noch hatte sie ihn nicht gefunden, geschweige denn einen Hinweis auf dessen Fluchtweg nachgehen können. Es war, als wäre er vom Erdboden verschluckt.
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