Zunächst aber war nun rasches Weiterhandeln gefragt. Es galt, sich ein Heer zu schaffen und sich Verbündete zu suchen. Ein erster Entschluss war schon gefasst. Der machtvoll und allein im Norden regierende Frankenkönig Karl sollte um eine Hilfstruppe gebeten werden. Die Verschwörer hatten Abdallah ibn Hisham, Sohn des Hadjibs, als ihren Gesandten erkoren.
Beim Reichstag in Paderborn, also noch im Sommer dieses Jahres 777 n.Chr., sollte er die Franken für die Unterstützung ihres Aufstandes gewinnen. Die Mauren zählten das Jahr aber nicht nach Caesars nun über 800 Jahre altem Kalender, den die westliche Welt noch immer nutzt. Sie hatten ihren eigenen und zählten die Jahre nach der Hedschra, an diesem Tag im 155. Jahr seit dem Aufbruch ihres Propheten von Mekka nach Medina.
Nach dem gemeinsamen Essen wurden die dienenden Sklaven und alle Unbefugten des Saales im Palast verwiesen. Der Haus-Wesir Ali ibn Chaldun erhielt den Befehl, höchst persönlich sicherzustellen, dass niemand der Beratung zu nahe kam. Zurück blieb nur der Wein, den sich jeder selbst nachschenken musste. Da der Thronprätendent bereits heftig seine beide Lieblingsgötter angebetet hatte, ging der Emir eilig zum Thema über, solange der künftige König Jazid noch zu verständlichen Äußerungen fähig war.
Er wandte sich mit wohlwollendem Schmunzeln seinem Schwiegersohn zu. Der Anblick des jungen Chassa rief stets alte Erinnerungen wach. So wie der war einst er selbst mit seinem Freund, seinem jetzigen Hadjib, als junger Bursche aus dem Zwischenstrom Land, von Euphrat und Tigris auf Abenteuer ausgezogen. Der dritte aus ihrem Bund, Habib al-Saqlawi, der Wesir al-Dschund nahm unpässlich teil an diesem Abend. Der Kriegsminister kurierte an einer Grippe. Er war bei ihrem neuen Unternehmen unersetzbar. Für die Gesandtschaft zu König Karl wurde er jedoch nicht benötigt.
Damals waren sie zu dritt ausgezogen um die Welt zu erobern. Bisher hatte es nur zu einem Wilayat gereicht, aber das sollte sich ja gerade mit Abdallahs maßgeblichem Beitrag ändern.
„Ich wünsche, dass du, Abdallah, unverzüglich zum Born des Rio Pader reitest. Die Zeit wird knapp. Die Franken halten ihr seltsames jährliches Treffen gewöhnlich im Mai ab. Zu unserem Pech jedoch zum ersten Male weitab, fern im Land der Sachsen. Der weite Weg der Anreisenden aus ganz Franken zwingt sie zu einem späteren Termin, Ende Juni. Du musst die Franken, und vor allem ihren König, noch vor Eröffnung ihres Reichstages für unser Anliegen gewonnen haben. Danach ist uns der Reichstagsbeschluss sicher. Du musst getarnt im Geheimen reisen. Niemand darf wissen oder auch nur ahnen, was wir vorhaben. Erfährt Abderrahman I. in Cordoba davon, haben wir seinen Dschund am Hals, ehe die Franken uns helfen können! Und nun, Abdallah, lass uns mal hören, wie willst du deinen Auftrag in Angriff nehmen?“
Abdallah, für damalige Verhältnisse mit seinen 22 Sommern mitten im Leben angekommen, war das beispielhafte Abbild eines jungen Maurenkriegers, eines Chassa-Offiziers von Adel. Schlank, mittelgroß und von einnehmender Gestalt, da fielen ihm die Mädchenherzen zu. Arrogant, sich jedem überlegen dünkend, kaum belehrbar oder zu zügeln. Nur dem herrschenden Emir und seinem Vater, dem Hadjib und somit zweiten Mann im Wilayat, bezeugte er Respekt. Alle anderen sah er bereits als seine Domestiken. Das störte seinen Schwiegervater nicht. Abdallah besaß nicht nur das Wohlwollen des Fürsten. Der sah, einvernehmlich mit seiner Umm, in dem tatkräftigen jungen Chassa seinen Nachfolger.
Davon wusste der noch nichts.
Trotz seines jugendlichen Alters hatte er aber schon so manche Bewährungsprobe, bestanden. Waren auch nicht alle von Erfolg gekrönt, so hatten sie ihm doch Erfahrung eingebracht. Er bekleidete keinen Rang, außer den ihm angeborenen als adeliger Chassa. Sein Vater beschäftigte ihn als seinen Adjutanten. Er gehörte zum Offiziers-Corps, und war Schwiegersohn des Emirs, der ihn gern als seinen Gesandten einsetzte. Er lungerte mehr oder weniger am Hof, und fummelte als in der Verwaltungsordnung nicht vorgesehener Sohn im Bürokraten-Alltag herum.
„Der Wesir al-Rasa´il hat mich nun eine ganze Woche lang informiert. Wir haben den Reiseweg ausgearbeitet und die Einzelheiten festgelegt. Unsere Reiseplanung ist abgeschlossen. Mehr aber auch nicht. Die Einzelheiten der Durchführung müssen wir heute abklären. Das Unternehmen kann nur klappen, wenn ich mit meiner Eskorte verkleidet reise. Zum Beispiel als eine Fernhändler-Karawane. In dieser Form könnten wir auch die notwendigen Gastgeschenke tarnen und unauffällig transportieren.“
Schweigend überlegte die Runde.
„Die sollten wir zuerst mal festlegen, dann können wir weiter überlegen. Ich gehe mal davon aus, dass diesmal keine Monstranzen und Altargeräte in Frage kommen. Solches unser Raubgut könnte bei den christlichen Franken sauer aufstoßen“, warf Malik ibn Anas, der Wesir al-Rasa´íl ein, der sowohl Postminister wie auch Chef der Spionage war.
„Da du, Malik, als Oberspion die Franken ja am besten kennst, was wäre sonst geeignet, die Franken für uns einzunehmen?“ Jazid hakte nach, schon etwas lispelnd.
„Da die Gastgeschenke aus den Schatzkammern des Emirs, der Walis oder des Grafen gespendet werden müssen, bitte ich um Vorschläge, was da vorhanden ist und in Frage kommt!“
Erneut folgte Schweigen. Diesmal mit mancher eher bedenklich statt nachdenklich gerunzelten Stirn. Dann räusperte sich der Hadjib, des Emirs „Ministerpräsident“ und Abdallahs Vater:
„Was das anbelangt, muss wohl unser Emir in Vorlage gehen. Wenn wir erst noch die Schätze der Fürsten prüfen, ist der Reichstag der Franken vorüber. Andererseits sollte Abdallah die schnellste Straße nehmen, und die führt über Huesca und Barcelona. Wenn die beiden Walis morgen mit Abdallah aufbrechen, kann er unterwegs ihren Beitrag aufnehmen. Abu Taur, was kann Huesca bieten?“
„Hmm, naja, ich weiß nicht – Huesca ist arm, ich kann nicht viel bieten. Gold und Silber hab ich nicht. Vielleicht ein paar Schmuckstücke, wenn ich meine Harims-Damen darum beraube!“
Stille folgte, die nun ein wenig unruhig ausfiel. Jeder Anwesende wusste um die Ertragskraft dieser Grafschaft mindestens so gut Bescheid wie der Wali. Es wollte nur keiner vorpreschen und den Guten auch noch provozieren. Denn Wali Abu Taur von Huesca konnte sehr rasch auf stur schalten, wenn er sich in die Enge getrieben sah. Daneben war er allgemein als Geizkragen bekannt.
Malik ibn Anas, der Wesir al-Rasa´íl rettete die Geschenkproblematik. Listig, nebenbei und mit Blick in sein Weinglas:
„Die Franken sind für unserer Kampfesweise nicht zu begeistern. Sie haben für den Krummsäbel nichts übrig. Vielleicht könntest du aus deinem Beutebestand zwei Schwerter beisteuern?“
„Das könnte ich tatsächlich, aber ob die eine Königsgabe darstellen?“
„Ich denke da an zwei ganz bestimmte! Du hast dir doch gerade zwei königliche Prachtstücke aus Damaskus zugelegt!“
„Woher weißt du…?“ Im selben Augenblich ging ihm auf, dass er sich selbst verraten hatte. Am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen – zu spät. Die Neugier der Runde war geweckt. Leugnen oder herabspielen nutzlos. Blitzschnell begriff er: Jetzt ging es nur noch um Schadensbegrenzung, sonst war er die Schwerter los. Er konnte vielleicht noch das Mehr verhindern, indem er die nun so hoch bewertete, dass die anderen sich mit einem davon begnügten.
„Ich habe erst letzte Woche zwei erstklassige Schwerter, neue Klingen, aus bestem Damaszener-Stahl erworben. Der Handschutz jeweils vergoldet, der Griff gewickelter Golddraht, am einen Knauf leuchtet ein grüner Smaragd, am anderen funkelt ein roter Rubin. Zwei Prachtstücke, jedes eine würdige Königsgabe. Ich bin in beide rettungslos verliebt – aber eines davon stelle ich zur Verfügung. Das gebe ich mit! Entscheidet ihr, welches es sein soll.“
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