Mit einem kräftigen Faustschlag auf den steinernen Sims kam er zum Ende seines Sinnierens. Autsch, das tat weh! Entschlossen gab er dem Hocker im Weg einen kräftigen Fußtritt und griff zum Klingelzug. Es dauerte nur Sekunden. Wie der Geist aus der Flasche materialisierte sich der Haus- und Hof-Wesir Ali ibn Chaldun in der Mitte des Raumes. Stumm legte er den Handrücken seiner Rechten an die Stirn und verneigte sich leicht.
Mit wohlwollendem Schmunzeln sah der Fürst auf den zuverlässigsten und tüchtigsten seiner Diener:
„Ali, hast du schon einen der Walis empfangen?“
„Nein, oh Sihdi, bisher noch nicht. Und bei dem Verkehr auf den Fernstraßen können die Türmer auch nichts erkennen!“
„Aber deine Boten sind alle zurück?“
„Ja, und alle haben positiv gemeldet, dass die Walis zwischen dem Mittags- und dem Abendgebet hier sein werden!“
„Gut, dann sende Läufer zum Wesir al-Rasa´il, zum Wesir al-Dschund, zum Hadjib und meinem Schwiegersohn Abdallah. Zum Abend: Festmahl im kleinen Thronsaal. Beginn nach dem Abendgebet. Der enge Rat, 9 Personen. Das sind die Walis, der Hadjib, Abdallah, sowie die Wesire Habib und Malik. Was macht Jazid?“
„Rhmp – hält seinen Mittagsschlaf!“
„Du meinst, er ist derzeit nicht vernehmungsfähig?“
Schweigend nickte Ali ein wenig.
„Dann gib ihm ebenso Bescheid, wenn er wieder ansprechbar ist. Alarmiere deine Küche. Lass ein am Spieß gebratenes ganzes Lamm auftischen. Dazu Couscous und alles, was an Delikatessen verfügbar.“
Der Wesir neigte nur sein Haupt und entschwand so geräuschlos aus dem Raum, wie er aufgetaucht war.
Husayn al-Koraish zu Zaragoza hatte schon über 50 Sommer gesehen. Davon unbeeindruckt träumte er noch immer den Traum von Höherem. Zu gern hätte er den Ober-Emir in Cordoba entmachtet und sich selbst auf dessen Thron gesetzt. Wenn er nur die Mittel dazu gefunden hätte. Die hatten sich dann plötzlich von selbst bei ihm eingefunden, als Jazid al-Fihri zu ihm geflüchtet kam. Gemeinsam wollten sie den Aufstand wagen.
Zur weiteren Vorbereitung ihres verwegenen Unterfangens hatte er zu diesem Abendbankett geladen. Nur seine vier Mitverschworenen und seine vier engsten Vertrauten waren zugelassen. Das aufwendige Abendessen im kleinen Thronsaal war nur der tarnende Vorwand, um den nachfolgendem geheimen Rat abzuschirmen.
Ganz so geheim war diese Zusammenkunft nicht mehr. Die Entschlüsse standen fest. Abderrahman I., ihr Ober-Emir fern in Cordoba, musste inzwischen erste Informationen erhalten haben. Dennoch sollten keine unberufenen Ohren die jetzt zur Ausführung nötigen Details hören.
Drei weitere Augen- und Ohrenpaare waren unsichtbar zugegen. Die kunstvoll geschnitzte Holzverkleidung schmückte nur drei der Wände. Die vierte war eher ein geschlossener Paravent, ebenfalls hölzernes Rautenwerk, aber hier mit vielen kleinen offenen Zwischenräumen. Hinter dieser Maqsura, Teil des Harims, folgten die wichtigsten Damen des Wilayates der beginnenden Beratung.
Die Hauptfrau des Emirs, seine Umm Olida, bereits weit über in ihrem 40. Sommer, teilte zwar nicht mehr sein Bett, besaß aber sein unbeschränktes Vertrauen. Er schätzte ihren wachen Verstand, und sie als seine wichtigste Beraterin. Zudem war sie Mutter der gemeinsamen Tochter Rosana und dadurch Schwiegermutter von Abdallah, dem Sohn des Hadjibs.
In ihrer Gesellschaft saß Donna Emeralda, Mutter des Grafen Theuderich von Pamplona, und seit dem Tod ihres Mannes im Harim des Emirs in Zaragoza. Einerseits Unterpfand für ihres Sohnes Treue, zusätzlich nun die beste Freundin der Umm. Die Gräfin zählte bereits über 60 Lenze, war aber immer noch lebensprühend.
Die dritte im Bunde war des Hadjibs Umm Siriana, Abdallahs Mutter. Sie war mit 38 Wintern die jüngste, und dennoch die energischste, wenn auch nicht die Klügste unter ihnen. Sie war als Gast und auf eigens Drängen zugegen. Seit sie zu ihres Sohnes Zukunft erglänzen sah, wollte sie die nicht dem Zufall überlassen sondern mitgestalten.
Jeder der Männer jenseits der Maqsura wusste um der Damen Teilnahme. Niemand außer den Ehemännern kannte ihre Gesichter. Die Frauen des maurischen Adels lebten abgeschlossen für sich im Harim, nur von Sklavinnen und Eunuchen umgeben. Und Abdallah kannte zwar das seiner Mutter, aber nicht das der beiden anderen. Er war seiner Schwiegermutter noch nie begegnet!
Die Frauen der Muslime haben gemäß dem Koran nur eine Funktion: Dem Manne unterwürfig und ergeben in jeder denkbaren Hinsicht zu dienen. In Herrscherhäusern galt jedoch die normative Kraft des Faktischen. Die Umm regierte als absolute Herrscherin im Harim jene 100 oder mehr Nebenfrauen und ihre dienenden Geister. Das erforderte Umsicht und Führung. Das formte, erbrachte hohe Kenntnis der menschlichen Natur, Entschlusskraft und Weisheit. Alle drei hatten diesen Formungsprozess hinter sich.
Graf Theuderich, absoluter Herrscher der Grafschaft Pamplona, fehlte diesmal allerdings, als sich die Tischgesellschaft formierte. Er wurde durch eine zwingende Affäre in Pamplona festgehaltern. Er hatte im Frühjahr die wunderschöne rothaarige Sara, 12 Sommer jung, auf dem Balkon ihres Vaters, des Rabbis von Pamplona erblickt. Des Grafen auf sie angesetzten Häscher hatten das Mädchen endlich zu fassen bekommen. Sie war in Begleitung ihrer Tante auf dem Weg zur Synagoge. Einige Reiter ritten die Tante zur Seite. Ein weiterer riss Sara vor sich in den Sattel. Daher war Graf Theuderich voll damit ausgelastet, die widerspenstige junge Dame in seinem Bett zu zähmen. Dergleichen war für Graf Theuderich das wichtigste im Leben, wie schon ungezählte andere junge Damen von Stand erfahren hatten. Zeigten sich dann erste Zeichen der unvermeidlichen Schwangerschaft, erlosch schlagartig das Interesse des Despoten. Die Betroffene wurde ihren Eltern zurückgegeben, damit sie einen brauchbaren Ehemann für ihre Tochter und den künftigen Vater für ihr Enkelkind suchen konnten. Der Graf ging auf eine neue Pirsch. Die Zahl seiner Bastarde, so raunte die Fama in Pamplona, sei nur noch in Dutzenden zu messen.
An seiner Stelle nahm Graf Roderich teil, sein jüngerer und sittsamerer Halbbruder, und sein bester Diplomat. Die beiden Brüder, eigentlich Stiefbrüder, denn Graf Roderich hatte eine andere Mutter, zählten zur verbliebenen westgotischen Adelsherrschaft. Wer sich den Mauren unterworfen und den Treueid abgelegt hatte, dem beließen sie sein Zaunkönigreich.
Vom Erscheinungsbild her konnten sie unterschiedlicher nicht sein. Graf Theuderich, Mitte 30, ein dunkelblonder Feuerkopf, schlank und hochgewachsen, ruchlos und ohne Gewissen, beherrschte nach eigener Willkür als Wali die Grafschaft Pamplona. Er stand aber unter nomineller Oberherrschaft des Emirs von Zaragoza, dem er in der Nachfolge seines verstorbenen Vater den Treueid geleistet hatte, und war dem tributpflichtig.
Sein Stiefbruder, Ende 20, ebenso eine schlanke elegante Erscheinung, aber einen Kopf kleiner, dunkelhaarig, war treu und fest verheiratet mit der Tochter eines baskischen Patriziers der Stadt. Sie hatte ihm fünf prächtige Söhne geboren. Er war der ausgleichende Charakter, in der Grafschaft hoch beliebt, diente aber absolut loyal seinem älteren Bruder.
Der Entschluss zum Aufruhr gegen den Ober-Emir Abderrahman I., der weit im Süden in Cordoba Iberien beherrschte, stand bereits fest. Die Tributzahlungen waren eingestellt. Jazid ibn Jussuf al-Fihri, Sohn des vorherigen Ober-Emirs in Cordoba, wollte sich zum König des iberischen Maurenlandes aufschwingen. Seine Freunde stützten ihn darin. Allerdings ein jeder mit dem stillen Vorbehalt, nach dem Gelingen des Aufstandes selbst die Königswürde an sich zu reißen.
20 Jahre lang hatte ihn Abderrahman I. in Ehrenhaft verwahrt, bis ihm die Flucht gelang. In dieser langen Wartezeit hatte sich Jazid zu einem der treuesten Anhänger, und zum unbestritten engsten Kumpel der Weingötter entwickelt. Nunmehr im 40. Winter angelangt, wirkte er weit älter und verbraucht. Sehr majestätisch war der Eindruck nicht, den der gebeugt gehende, schon etwas tattrige Vollbärtige auf seine Umgebung machte. Bis der Staatsstreich umgesetzt war, sollte der mit Bacchus oder Dionysos wesentlich enger Verbündete sich entweder selbst beseitigt haben – oder es musste nach Araberbrauchtum ein wenig nachgeholfen werden. Pacta sunt servanda? Nicht unter Arabern! Da waren sie auf Sand gebaut, wie es sich unter Wüstensöhnen von selbst versteht.
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