Dies alles fragst du dich noch und hörst ihn auch schon sprechen:
„ Ja, so ist es: Als alter Mann von 80 kam ich auf die Welt, damals in einer Stadt - der Stadt mit Namen Kaiserslautern. Mit 70 verließ ich den Wald . Nun bin ich 60 Jahre jung geworden.“
Staunend mit offenem Mund versuchst du zu verstehen. Jünger sieht er tatsächlich aus. Doch Schein und Sein sind zweierlei. Ist alles nur Illusion, Traum oder Zauberei?.
Im Zentrum des Platzes, wo einst Rosenhecken blühten, dann Blumenbeete waren, wächst nun überall grünes Gras. Heuschrecken springen - Sommerzirpen.
Dort liegt er schon auf den Rücken, schaut in die Himmel auf, schließt seine Augen.
Du hörst seine Stimme in dir flüstern, es ihm gleich zu tun.
So legst auch du dich ins Gras und schließt die Augen.
Du öffnest sie und findest dich - noch immer neben ihm auf der Wiese liegend wieder. Ein warmer Sommerregen fällt dir kitzelnd aus einer grauen Wolkendecke ins Gesicht. Du schließt deine Augen und - schaust von oben auf die Welt hinab, siehst im Zeitraffer, die Wasser der Erde verdunsten, Nebel am Morgen entstehen und zum Mittag hin vergehen. Überall sind da vom Tau benetzte Gespinste: Baldachine zwischen den Kräutern, spiralige Räder in den Lücken ausgespannt, jetzt noch, bis die Wärme sie wieder fast unsichtbar macht für Beute und Feind. Dann taucht eine andere Welt vor deinen Augen auf, in der die Nebel niemals vergehen, denn ...
„ Schau und lausche meinen Worten“, flüstert seine Stimme.
In der Ferne hörst du Krähen krächzen.
Sind es die, die du kennst? Rabenkrähen?
Oder sollten es gar die großen Kolkraben sein?
Einst war alles Wald.
Jetzt lärmt dort Stadt.
Und morgen?
Hier aber träumt hinter Nebeln
ein anderes Land.
Worte des Magiers
Die Drachen erwachen
aus ihren Träumen unter Bäumen
im Nebelland .
Sie öffnen ihre Augen.
Sie schauen dich an.
Du aber fragst staunend dich:
„Und wer bin ich?“
Worte des Magiers
Alles
entstand
aus dem Drachen.
Huai-Nan-Tzu
Wie lange war es her, dass ich aufgebrochen war, mein altes Leben abgeworfen und eine Welt mit Namen Stadt hinter mir gelassen hatte?
Wie viel Zeit verging, seit ich die Lichtung verließ, wo ich um dich trauerte , meine einzige große Liebe, bis ich Ihn Dort Oben sah?
Tagelang war ich den verschlungenen Wegen gefolgt und nächtelang meinem Leuchtenden Pfad. So gelangte ich schließlich aus dem finsteren Wald auf eine singende Wiese. Staunend blieb ich stehen und sah empor: wie hell und voll die Mondin hier doch schien. Ich suchte mir einen Platz im Zentrum der Lichtung und legte mich hin.
Öffne meine Augen am Morgen und schließe sie wieder, höre Vogelzwitschern, dazwischen die heisere Stimme einer Krähe. Unter und über allem liegt Stille, weit und breit sind da weder Menschenworte noch Maschinenlärm.
„Wo bin ich?“, flüstere ich mir leise zu.
„Wer bin ich?“, schallt das Echo aus mir heraus.
Brandet empor Erinnern, ein Ruf, zwei Silben: „Man-fred!“
Ja, der bin ich. Doch das ist nur ein Menschenname.
Erst der Name, dann strömen die Bilder der Welt empor, Erinnern: Einst waren da Häuser und Straßen in der Welt mit Namen Stadt, dann geschah der Übergang.
Einst war da eine Welt mit Namen Wald. Tiere und Menschen. Sieben Samurai und eine Frau - ach, Liebe, dein Name ist Nairra!
Doch war da auch der Andere, der Dunkle, der alles zerstörte: Drefman! Er war Schwärze und Qual und Tod.
Sie alle sind gegangen: weggegangen, dahingegangen, vergangen.
Ich aber blieb - übrig - allein.
Weshalb, warum, wieso?
Nun bin ich hier auf dieser Lichtung, drehe mich im Kreis, schaue mich um, lausche, atme, rieche und schmecke die Luft.
Nun bin ich hier und lebe, noch immer oder wieder, immer wieder?
Geboren und geworden zu dem, der ich bin: Manfred der Magier: ein Mensch, ein Menschenmann. Und langsame lerne ich, die Dinge und Wesen zu lieben, nicht wie ich sie gern hätte, sondern so, wie sie sind. Am meisten aber liebe ich die Stille.
Und während ich S-T-I-L-L-E denke, verstummt die Natur.
Ich atme Stille ein ...
Alles zerfließt ohne Laut, entschwindet sanft, doch unaufhaltsam.
„Mein ganzes Leben schmilzt dahin!“, weine ich beim Anblick der braunen, gelbroten Blätter der Bäume. Nichts bleibt für die Ewigkeit. Nichts nehmen wir mit auf unserem Weg. Alles verblasst! Kein Grün ist zurückgeblieben!
Also gibt es keine Hoffnung?
So gehen die liebgewordenen Dinge dahin und wandeln sich in Erinnerungen, die nichts als schwacher Abglanz des Lebens sind, Fragmente, Lügen, die nun lautlos in mir sterben.
Innen wie außen, oben wie unten.
Ich sehe das Herbstlaub der Eichen und Buchen fallen.
So fielen die Blätter einst in der Stadt von anderen Bäumen - Robinien und Platanen. Dann wurden die Bäume von den Maschinen der Menschen niedergesägt.
Fall - fall - The Fall of the House of ... nicht Usher , sondern Manfred - mein Untergang, mein Sterben!?
Vater Sonn sinkt leuchtend rot, gewaltig und doch so fern, verschwindet dort im Westen in der Unterwelt.
Tränen weine ich in wachsende Nacht.
Weil alles ringsum stirbt?
Weil alles stirbt - in mir !
Kein Erinnern, kein Gestern mehr und noch kein Morgen.
Jetzt ist der Augenblick. Doch der ist voller Trauer.
Dann irgendwann ist alles vorbei. Ich schaue mich um, drehe mich noch immer langsam im Kreis, hebe meine Arme empor, steige in die Schwärze auf, durchbreche die Wolkendecke, falle weiter und weiter in sternenleuchtendes Himmelsmeer, wo sie - ich sehe sie und lache und rufe es laut hinaus: „Ach, Schwester!“ - wo voll die Mondin scheint.
Ein Blitz aus schwarzer Leere: Erinnern an den Leuchtenden Pfad, der mich einst von irgendwoher nach irgendwohin führte.
Mag sein, dass da unten auf Erden dem Herbst der Winter folgt und dem Schlaf die Wiedergeburt des Frühlings, mag sein.
Sicher ist: Die Wald-Welt ist nun in mir gestorben.
Ein Wort nur, gesprochen in zwei Sprachen, flüstert eine Stimme, sprechen Kehlkopf, Mund und Lippen nach, ein Wort nur, das sich immer wieder wiederholt: „gate gate ... gegangen, gegangen ... gate gate“
Menschenliebe, Menschenleid, Vergangenheit. Einmal lebe ich nur, jetzt und hier. Dann ist Dunkelheit und Stille - oder aber Schlaf und Traum.
Schau, wie Manfreds geschlossene Lider dort oben in den Nachthimmeln zucken!
Etwas taucht aus den Nebeln auf. Es ist ...
Der Drache grüßt. Er öffnet seinen Mund.
Kein Feuer!
Etwas anderes kommt hervorgeschossen. Eins? Nein! Zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Er spuckt sie alle aus. Sieben Samurai erwachen zum Leben.
Ich sehe sie und lese in ihren Gedanken, während sie sich vor mir verneigen. Nehme sie zugleich aus einem anderen Winkel wahr, fühle und lebe die Erinnerungen des großen Drachen.
Ich öffne meine Augen, weiß nicht, wo ich bin, wundere mich über meinen Traum, den letzten, den einzigen dieser Nacht, an den ich mich erinnere. Wie seltsam er doch war! So klar und deutlich und real.
„Brachte mich mein Traum hierher? Wohin?“, flüstere ich mir zu, drehe mich im Kreis, schaue mich um und sehe - nichts. Schwärze überall und Stille.
Dann wandelt sich alles in wallendes Weiß, steigt auf aus nie gesehenen Schlünden. Die Schwärze verschwimmt hinter wirbelnden Nebeln.
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