„Dürfen wir Ihnen etwas zu Essen anbieten? Es ist nicht viel, wir sind ja normalerweise nur zu zweit.“
Walter Pupescu hob beschwichtigend die Hand, nahm aber auf einem der Stühle Platz:
„Wenn es Sie nicht stört, hätte ich ein paar Fragen an Sie.“
„Wie können wir helfen?“ fragte Ciprian Onu.
„Sagt Ihnen der Name Stefan Labahn etwas?“
Frau Onus Hände ballten sich zu Fäusten und sie starrte zur Decke:
„Das ist der Mann, dem wir unser Unglück verdanken!“ platzte es aus ihr heraus.
„Darf ich wissen weshalb?“ fragte der Hauptinspektor.
„Dieses Scheusal hat unsere Tochter vergewaltigt, die sich umgebracht hat und als wir ihn bei Euch angezeigt haben, wurde uns gut zugeredet, dass wir die Anzeige wieder zurückziehen sollten!“
Frau Onu hieb ihre Worte dem Hauptinspektor ins Gesicht, der sie wegsteckte, wie ein Profiboxer.
„Entschuldigen Sie bitte meine Frau,“ wollte Ciprian Onu beschwichtigen, „aber wir haben wegen dieses Menschen sehr viel Leid erlebt.“
„Und dennoch wollten Sie sich in den nächsten Tagen mit ihm treffen,“ stellte der Hauptinspektor ruhig fest.
Ciprian Onu schluckte: „Ich habe ihn gefragt, ob ich wieder bei ihm als Jagdhelfer arbeiten kann - trotz alledem was war.“
„Nun, aus dieser Anstellung wird wohl nichts werden. Herr Labahn wurde heute Morgen tot aufgefunden!“
Frau Onu bekreuzigte sich: „So hat unser Flehen doch noch Gehör gefunden!“
Ciprians Stirn runzelte sich: „Können Sie mir mehr sagen?“
„Nein, das würde im Moment die Ermittlungen gefährden. Wo waren Sie heute Vormittag, gegen sieben Uhr?“
„Wir waren beide hier und haben um halb acht die Messe besucht!“
Frau Onu antwortete fast schneller als der Hauptinspektor gefragt hatte.
„Kennen Sie einen Deutschen, namens Hans-Peter Vogel?“
Der Hauptinspektor ließ sich von der schlechten Laune Frau Onus nicht beirren.
„Das ist der Schwager von Labahn,“ antwortete Ciprian ruhig. „Silvia und Hans-Peter sind ein schönes Paar. Und Silvia ist mit Stefan nicht zu vergleichen - eine sehr nette, liebe, hübsche Frau. Die wird mal eine gute Ärztin!“
„Das wird sie wohl nicht,“ brummte Pupescu. „Sie wurde heute Nacht ermordet!“
Den Eheleuten blieb vor Schreck der Mund offen stehen: „Ermordet?“
„Ja, aber in Ungarn, dafür bin ich nicht zuständig.“
„Hans-Peter ist ein feiner Kerl, aber ich wollte ihn nicht zum Feind haben. Wenn er auf der Jagd ist, führt er einen Drilling und trifft damit auf hundert Meter zielgenau. Ich habe ihn bei der Jagd erlebt. Er war mal mit einer Sorana Chiss verheiratet, die eine Schwester hier hatte. Sie waren ein paarmal zu Besuch hier. Sorana war Röntgentechnikerin, dann hat sie Krebs bekommen und ist daran gestorben. Was aus ihrer Schwester geworden ist, weiß ich nicht. Die war plötzlich verschwunden. Mit Silvia hatte Hans-Peter das große Los gezogen. Hübsche, intelligente Frau. Meine Frau und ich werden für sie beten!“
„Gut,“ meinte der Hauptinspektor, „dann will ich Sie nicht länger beim Essen stören.“
„Wenn Sie einen möglichen Täter suchen,“ warf Ciprian Onu ein, als er den Hauptinspektor zur Türe brachte: „Dann hören Sie sich mal in den verschiedenen Kneipen um. Stefan Labahn ging dort ein und aus. Unsere Tochter war nicht die Einzige, der er übel mitgespielt hat.“
„Danke!“ Der Hauptinspektor gab ihm die Hand und verlies das Haus.
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Der Mann, der noch immer seinen Platz auf dem schmalen Pfad nicht verlassen hatte, ging ein paar Schritte nach rechts, bis er bei einem kleinen Metallkreuz angekommen war, wie man es auf Friedhöfen findet.
Am Fuße dieses Kreuzes war ein Name eingraviert: „Chiss Ludovica“
Das Schild befand sich so dicht über dem Erdboden, dass es nur bei eingehender Betrachtung gesehen werden konnte.
Der Mann entfernte einen vertrockneten Strauß Blumen und ersetzte ihn durch einen frischen. Dann kniete er für einen Moment nieder und blickte zum Himmel, da die Bewegungen über und unter ihm nachließen, ging der Mann weg von dem Trubel, der ihm zuwider war.
Unweit der slowakisch-tschechischen Grenze rollte ein alter Mercedes-Lieferwagen, Modell 208, mit drei kräftigen Männern auf den Parkplatz eines Motels. Die ursprünglich dunkelgrüne Farbe des Fahrzeugs war einer Mischung aus dunkelgrün, rostbraun und dreckig-blau gewichen, denn die schadhaften Teile waren durch Ersatzteile aus dem Schrottplatz ersetzt worden. Einem deutschen TÜV hätte das Fahrzeug nie standgehalten, aber es tat seine Arbeit.
Die drei Männer hatten Armeejacken und Hosen an, die allesamt schon bessere Tage gesehen hatten. Dienstabzeichen, Einheitszeichen oder Namensschilder fehlten und die Männer legten auch keinen Wert darauf. Alle drei trugen kurz geschnittene Haare, die einer dringenden Wäsche bedurften. Eine Rasur war ebenso überfällig.
Auf der Rückbank des Doppelkabiners lag, mit schmerzverzerrtem Gesicht, einer der Männer, dessen blonde Haare sich vom dunkelgrün der Armeekleidung abhoben. Fahrer und Beifahrer war die Anstrengung der letzten Stunden anzumerken, sie schienen jedoch unverletzt zu sein.
Der Beifahrer, dessen Haut etwas dunkler war, als die seiner Kollegen, packte den Mann auf der Rückbank grob am Kragen und riss ihn nach oben, so dass dieser wach wurde:
„Hör zu mein Freund,“ zischte er ihn auf einer Mischung aus polnisch und kroatisch an, „wenn Du nicht durchhältst, müssen wir Dich hier zurücklassen, aber bestimmt nicht lebend!“
„Lasst mir ein paar Stunden meine Ruhe, dann bin ich wieder auf den Beinen. Wenn nicht, könnt Ihr mich hier eh begraben.“ Die Antwort kam auf polnisch.
Anhand der Verletzungen hätte man annehmen können, dass der Liegende schwächer geredet hätte, aber die Stimme war fest und kraftvoll, das gefiel dem Beifahrer.
„Gut!“ sagte er, „wir müssen hier sowieso telefonieren.“
Der Fahrer war inzwischen ausgestiegen, ging zur Rezeption und sagte in bestem Tschechisch:
„Hier wurden für uns zwei Zimmer bestellt, auf den Namen Vukonic.“
„Ja,“ kam die Antwort, „allerdings für vier Personen. Sie sind nur zu dritt.“ Der Mann an der Rezeption lugte aus dem Fenster auf den alten, verbeulten Lieferwagen und machte kein Hel aus seiner Verachtung gegenüber dem Auftreten des Mannes.
„Ja, einem Kollegen kam etwas dazwischen.“ Auch sein Gegenüber gab sich keine Mühe Freundlichkeiten aufkommen zu lassen.
„Und was ist mit dem Mann auf dem Rücksitz? Ist der krank?“ Die Stimme des Motelbesitzers schwankte zwischen Interesse und Vorwurf.
„Nein, nur fürchterlich besoffen.“ Ein leichter Hauch von ’Entschuldigung’ schwang in der Stimme des Tschechen mit.
„Kotzt mir nicht alles voll,“ brummte der Mann an der Rezeption, aber im Grunde war er froh keinen weiteren Kontakt zu seinen neuen Mietern zu haben.
„Ja geht klar. Wo sind die Zimmer?“ Der Tscheche war sichtlich genervt.
„Kommen Sie mit!“, brummte der Mann an der Rezeption, stellte ein Schild auf, dass er gleich wieder kommen würde - in der Hoffnung, dass dies jemanden interessierte - und ging dem tschechisch sprechenden Mann voraus, zu den beiden reservierten Zimmern, die mit einer Verbindungstür versehen waren. Die anderen beiden Männer verließen mit Mühe den Lieferwagen und folgten.
Der Rezeptionist übergab die Schlüssel und wandte sich ab, ein Trinkgeld wurde nicht erwartet und nicht gegeben.
An seiner Theke angekommen schnappte sich der Mann das Telefon und wählte eine Nummer in Deutschland.
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Wenn man im Münchener Stadtteil Schwabing die Hauptstraßen verlässt und sich in dem Gewirr aus Gassen und Hinterhöfen zurechtfindet, kann man viele kleine Läden entdecken, die durchaus einen Besuch lohnen.
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