„Hat jeder seinen Reisepass dabei?“
Es hallte ein schallendes Ja durch den Bus.
„Dann ist ja alles gut.“
Die erste Etappe lief ohne große Zwischenfälle ab. Die Jungs gaben den Mädels den Vorzug bei der Musikauswahl. Sie reichten eine Mixkassette an den Busfahrer weiter und nach einigen Sekunden ertönten die ersten Klänge des Megahits „Voyage Voyage“ von der französischen Sängerin Desireless. Obwohl dieses Lieg thematisch es absolut auf dem Punkt brachte, stöhnten die Jungs im Bus verzweifelt auf, denn dieses Lied hing den meisten schon aus den Ohren raus, denn es war der Hit des Jahres 1987 und lief auf allen westdeutschen Radiosendern damals rauf und runter.
Doch der weitere Verlauf der Kassette hob die Stimmung bei den Jungs nicht auf. Es folgten weitere Gassenhauer wie „La isla Bonita“ von Madonna, „Never gonna give you up“ von Rick Astley und selbstverständlich auch „Wonderful life“ von Black.
Und als das nicht schlimm genug wäre, trällerten die meisten Mädchen diese Lieder auch noch mit.
Als die italienische Sängerin Sabrina, die bei den Jungs eher als Busenwunder durchging statt als ernstzunehmende Künstlerin, und die Mädels aus der 10b lauthals „Boys, Boys, Boys“ tönten, bog der Bus glücklicherweise rechts ab und erreichte sein erstes Zwischenziel der Reise, nämlich den Rasthof Rimberg.
So, das wäre geschafft. Nach der Pause sind die Jungs an der Reihe. Dann gibt es andere Töne. Entsprechend gut gelaunt betraten die Jungs den Rasthof.
Martin und Markus gingen zur Toilette. Da standen schon Richie, Jochen und Frank.
Richie, der eigentlich Richard hieß, war ein knapp zwei Meter großer Hüne. Und Sportler durch und durch. Er war in der Rudermannschaft unserer Schule. Daher bestand sein Körper aus Muskeln, und zwar nur aus Muskeln. Abgerundet wurde sein Äußeres durch seinen Bürstenhaarschnitt. Er erinnerte einen unweigerlich an Arnold Schwarzenegger. Dass Arnie sein Idol war, war auch klamottentechnisch nicht zu übersehen. Ab und an schaffte es aber auch Sylvester Stallone sein Outfit zu beeinflussen. Unvergessen blieb Richies Auftritt als Lieutenant Maria Cobretti, die Rolle von Sylvester Stallones in seinem Film „City Cobra“, der gleich in sechs Kategorie für die Goldene Himbeere, also dem schlechtesten Film des Jahres, nominiert war. Kurz nach Filmstart im Sommer 1986 stand er morgens auf einmal in Wollmantel, engen 501 Jeans von Levi´s, schwarzen Cowboystiefeln, Fliegersonnenbrille mit schwarzen, verspiegelten Gläsern und lässig ein Streichholz im Mundwinkel hängend, auf dem Schulhof. Und das wohlgemerkt im August, bei stolzen 35 Grad im Schatten.
Jochen war ein wenig untersetzt. Sein Oberkörper war deutlich länger als seine Beine. Trotz dieses Hindernisses, war er ein passabler Handballspieler. Seine Nase war zu groß und er trug immer einen Kurzhaarschnitt mit Scheitel. Kleidungstechnisch schwur er auf seine Moonwashed Jeans und seine schwarzen Chucks Turnschuhe. Er war eigentlich immer dabei, wenn wir nachmittags uns im Jugendclub trafen oder anderen Blödsinn oder Abenteuer planten. Leider knickte er aber immer ein, wenn ein wenig Gegenwind kam. Und so wusste man nicht, ob er gegenüber Eltern und Lehrern dicht hält, wenn wir etwas ausgefressen haben.
Frank war der beste Freund von Jochen. Er war ein wenig introvertiert und verbrachte seine Freizeit fast ausschließlich mit seinen Commodore 64 Heimcomputer, später mit seinem Amica. Er war der Sitznachbar von Sybille, das erste Mädchen, das immer nur mit den Jungs Fußball gespielt hatte. Von oben bis unten war er in Benetton Klamotten eingedeckt. Abgerundet wurde sein Outfit durch die Ivan Lendl Tennisschuhe von Adidas mit Klettverschluss.
Das Erscheinungsbild von Martin und Markus war ähnlich. Beide waren Mitte 1,80 Meter. Markus hatte lange, dunkelbraune Haare und dunkelbraune Augen. Er war schlank. Martin hingegen hatte rotblonde, gelockte Haare, stahlblaue Augen und eine Spur muskulöser als Markus. Beide hatten eigentlich immer eine 501 Jeans von Levi´s an oder zu weite Hosen von Diesel. Auch die Baseball oder Lederjacke durfte nicht fehlen. Sie trugen immer Chucks oder Vans Turnschuhe. Außer beim Ausgehen in die Disko oder in den Club. Da wurden schon mal die schwarzen Buffalo Cowboystiefel aus dem Schrank gepackt. Sie unterstrichen das Miami Vice Outfit der beiden. Dies bestand aus pastellfarbenen Leinenanzügen, bei denen die Sakkos mit großen Schulterpolstern ausgestattet waren. Natürlich durfte dann das dünne Kettchen aus 333er Gold, das eng auf der Hühnerbrust lag, sowie tonnenweise Gel in den Haaren nicht fehlen. Beide wollten dann wie viele andere wie Sonny Crocket und Ricardo Tubbs aussehen, den beiden Hauptdarstellern aus der berühmten, gleichnamigen und erfolgreichen Krimireihe aus den 80ern.
Markus und Martin gingen auf Richie zu, der wie zu einer Salzsäule erstarrt vor dem Kondom-Automaten in der Herrentoilette stand.
„Was ist denn?“ fragten die beiden ihn.
„Seht ihr das denn nicht?“ entgegnete er ihnen erstaunt und zeigt auf einen der Schächte des Automaten.
„Sonderkondome in Form eines Teufels und einer Steinzeitkeule.“
„Na und.“ konterten sie.
„Die brauchen wir unbedingt. Die machen die Mädchen verrückt vor Lust, wenn du sie benutzt.“
Dieses Argument überzeugte nun auch Markus und Martin. Die drei legten ihr Kleingeld zusammen und holten die Sonderkondome für einen damals einen stolzen Preis von 4 DM.
Nun mussten sie sich beeilen, dass sie sich weder in Richtung Bus bewegten. Sie gingen noch schnell in die Raststätte, schauten sich nervös um, ob ihr Klassenlehrer in der Nähe war. Als sie sich sicher und unbeobachtet fühlten, kauften sie noch ein paar Dosen Bier und eine Packung Fisherman´s Friends Lutschpastillen, die den Alkoholgeruch kaschieren sollten.
Mit ausgebeulten Jacken stiegen sie wieder in den Bus. Nun verstauten sie noch schnell die Bierdosen in den Stauflächen der Sitze. Markus ging anschließend zum Busfahrer und bat darum nun seine Kassette abzuspielen.
Der Busfahrer rollte los und schon ertönten die ersten Rhythmen von „Where are you?“ von 16 Bit, eine bekannte Dancenummer zur damaligen Zeit.
„Where are you?
Where are you?
I´ve lost you.“
Zufrieden öffneten Martin und Markus ganz vorsichtig einer ihrer Biere und nahmen in einem unbeobachteten Moment einen großen Schluck aus der Dose. Zufrieden lehnten sich beide zurück. Nun kann es losgehen.
Die Laune wurde von Schluck zu Schluck sowie von Lied zu Lied immer besser.
„Electric Salsa“ von OFF, dem einstigen Dance Projekt von der späteren DJ Legende Sven Väth, „Strange Love“ von Depêche Mode folgten.
Dass die Mädchen die Begeisterung für die Musik der Jungs nicht teilten und sich schon erste, leise Proteste bei ihnen breit machten, interessierten die Jungs nicht die Bohne.
Die Stimmung näherte sich dem Siedepunkt. Nun lief „Fight for your right“ von den Beastie Boys. Fast alle Jungs im Bus grölten den Refrain dieses Partysongs laut mit.
Doch auf einmal wurde die gute Laune abrupt unterbrochen. Herr Mannheimer griff zum Mikrofon und stellte die Musik ab:
„So Leute. Wir nähern uns den Grenzübergang. Haltet eure Pässe bereit. Gleich kommen die Grenzkontrolleure der DDR in den Bus. Keiner sagt was, außer er wird dazu aufgefordert. Kein Lachen, keine Geste, einfach nichts machen. Schaut einfach nach vorne und versucht wegzuschauen.“
Ein stilles und beklemmtes Schweigen macht sich breit.
Der Bus fuhr in den Grenzübergang Wartha/Herleshausen ein und reihte sich in eine der Spuren des Kontrollkomplexes ein.
Nach ca. 20 Minuten Wartezeit öffnete der Busfahrer die Tür und zwei Männer in hellgrauen Uniformen betraten den Bus. Einer war bewaffnet mit einer angezogenen Maschinenpistole und der andere führte einen großen, furchteinflößenden Schäferhund vor sich her.
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