„Ich flippe aus. Er ist es.“
„Martin Weber. Mein alter Kumpel Martin. Es ist Martin“
Voller Euphorie schreite Markus noch einige weitere Male den Namen Martin und rannte das Treppenhaus runter an den Esstisch, an dem bereits seine Frau Carola und sein zwölfjähriger Sohn Tim warteten.
Sie schauen den herbei stürmenden Markus fragend an.
„Alles in Ordnung mit dir Schatz? fragte Carola besorgt.
„Ja“ lächelte sie Markus an.
„Mehr als in Ordnung. So gut wie jetzt ging es mir die letzten 15 Jahre nicht mehr“.
Markus ging an den Kühlschrank öffnete sich eine Flasche Bier und setzte sich zu den anderen an den Tisch.
„Was ist denn passiert??“ fragte Carola.
„Papa hat ein Bild von Pascal auf meinem Instagram Account entdeckt.“ antwortete Leonie.
„Das ist doch deine Bekanntschaft aus Berlin.“
„Aha, du wusstest davon“ hakte Markus erstaunt ein.
„Ach, und wegen Pascal ist dein Vater jetzt so gut drauf?“ wendete sich Carola irritiert an Leonie.
„Ja.“ reagierte Leonie und setzte unverzüglich darauf an „Aber nur, weil er seinem alten Schulfreund Martin wie aus dem Gesicht geschnitten ähnelt.“
„Was heißt ähnelt?“ entgegnete Markus ganz aufgeregt.
„Er ist ein 1:1 Abbild von Martin“ setzte Markus fort.
„Kein Zweifel. Pascal ist sein Sohn.“
Das saß. Alle schwiegen nun. Nach ein paar Sekunden unbehaglichem Schweigen, beendete Carola die Redepause.
„Martin?“ „Der Martin?“ stammelte sie verwundert.
„Den hast du doch über 15 Jahre nicht mehr gesehen.“
„Ja. Genau der.“ bescheinigte ihr Markus. „Mein langjährig bester Freund. Mit ihm bin ich quasi groß geworden. Mit ihm verbinde ich meine Jugend. Die Liebe zur Musik. Einfach so viel.“
Markus hörte gar nicht mehr auf mit seiner Auflistung, was Martin und ihn in der Vergangenheit verbunden hat.
Tim schaute nur verdutzt zuerst zu seinem Vater, der wie ein Duracell Häschen gar nicht mehr aufhörte zu reden. So kannte er ihn gar nicht. Anschließend wandte er seinen Blick zu seiner Mutter, die sehr zufrieden wirkte. Sie hielt die Hand von Markus und hatte einige Freudentränen in ihren Augen.
Nun fragte Tim in die Runde „Ist Tim nun der Sohn von Martin?“
„Natürlich.“ reagierte Markus empört.
„Hat dir das Pascal bestätigt?“
Das hat gesessen. In Markus Kopf liefen schon viele alte gemeinsame Erlebnisse mit Martin ab. Und das, obwohl noch gar nicht final geklärt war, ob er wirklich der Vater von Pascal ist. Doch nach einem kurzen Augenblick berappelt er sich wieder und wandte sich an Leonie:
„Morgen müssen wir Pascal nach seinem Vater fragen. Okay?“
„Ich muss es wissen!“
Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin
Nach dem Abendbrot brauchte Markus noch ein weiteres Bier und zwei Schnäpse, um seine Aufregung halbwegs in den Griff zu bekommen.
Er verabschiedete sich kurz nach dem zweiten Schnaps von seiner Familie
„Gute Nacht Leute.“ „Ich bin fix und fertig.“ „Das war ein sehr aufregender Tag für mich.“ „Ich muss das jetzt erst mal sacken lassen.“
Gut gelaunt und pfeifend ging er Treppe hoch in Richtung Schlafzimmer.
„Was ist denn das für eine Melodie, die Papa da pfeift?“ fragte Tim neugierig.
„Keine Ahnung.“ sagte Carola und zuckte mit ihren Schultern. „Ich bin eher ein Kind der 90er.“
„I love Rock `N` Roll. Von Joan Jett & The Blackhearts.“ donnerte es von oben herunter wie ein Gewitter. Nun fiel Markus Tonfall ins Lachen über und fügte hinzu „Ihr Kulturbanausen!“
Markus hörte auf zu pfeifen. Er fing an zu singen.
„I love Rock 'N' Roll
So put another dime in the jukebox, baby
I love Rock 'N' Roll
So come and take some time and dance with me, ow“
Warum fiel ihm ausgerechnet dieser Song ein? Ach ja, das war meine erste Single aus Vinyl, die ich mir von meinem Taschengeld gekauft habe. Die musste ich Martin damals natürlich auch gleich ausleihen.
Überwältigt, erschöpft, aber sehr zufrieden legte sich Markus ins Bett.
Nach kurzer Zeit kam auch Carola ins Schlafzimmer und legte sich zu ihm. Markus döste schon vor sich hin. Der Alkohol hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Er atmete sehr gleichmäßig. In seinem Gesicht zeichnete sich ein zufriedener Ausdruck ab.
„Mensch Schatz, das ist ja toll. Ich freue mich ja so für dich.“ flüsterte sie in sein Ohr und streichelte ihn zärtlich über die Wange.
„Berlin.“ kam es aus ihm raus. Er blieb liegen in gleicher Pose und ließ auch seine Augen geschlossen.
„Er wohnt in Berlin.“ knüpfte er an.
„Genau an dem Ort, wo im Sommer 1987 unsere gemeinsame Klassenfahrt hinging.“
„Und auf einer Klassenfahrt in Berlin lernt unsere Tochter den Sohn von Martin kennen. Das ist doch der absolute Wahnsinn.“
Er brachte gerade noch diesen Satz zu Ende und schlief wie vom Blitz getroffen ein.
„Schatz?“ rief Carola noch einmal leise. Aber es folgte keine Antwort mehr. Stattdessen entströmte ein leises, aber regelmäßiges Schnarchen aus seinem Mund.
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„Hast du alles eingepackt Markus?“ erkundigte sich Martin.
„Na logo“ gab Markus gleich zurück.
„Bin doch nicht doof.“
„Zähl doch noch mal alles auf.“ hakte Martin unnachlässig nach.
„Zwei Flaschen Wodka, meinen Kassettenrekorder, 10 Kassetten, 1 Flasche Spanische Fliege und 1 Großpackung Kondome.“
„Was ist mit den Kippen?“ schreckte Martin aufgeregt auf.
„Die holen wir unterwegs“ entgegnete Markus lässig.
Er schloss den Reißverschluss seiner Sporttasche.
„Na Jungs, habt ihr an alles gedacht?“ ertönte es aus unmittelbarer Nähe.
„Natürlich Herr Mannheimer.“ stammelten die beiden Freunde.
„Habt ihr auch eure Reisepässe dabei? Ihr wisst ja, die brauchen wir für die Durchreise durch die DDR.“
Mittlerweile haben sich die beiden von dem ersten Schock erholt. „Auf jeden Fall“ antworteten sie mit einer festeren Stimme.
Herr Mannheimer ist ihr Klassenlehrer. Ein Alt 68er. Aber dies erkannte man nur noch ab und an. Und zwar nur anhand seiner Einstellung zu aktuellen politischen Diskussionen. Äußerlich war er eher ein sportlicher Typ. Mitte vierzig, schlank, immer adrett gekleidet. Meistens mit einer businesstauglichen Jeans, schwarze, blank polierte Lederslipper, einem Streifenhemd und immer einen Pullover über seinen Schultern hängend. Er hatte schulterlanges, gewelltes Haar, einen gepflegten, etwas nach unten wachsenden Schnauzbart und eine Nickelbrille wie John Lennon von den Beatles. Diese war immer übersät mit Fingerabdrücken, da er sie immer hoch drücken müsste, weil sie immer an seiner dünnen, spitzen Nase herunter rutschte. Er berührte dabei immer die Gläser. Obwohl er sehr nett und hilfsbereit ist, kann er aber auch genauso streng und konsequent sein. Und genau vor dieser Seite von ihm, hatten die beiden Freunde Angst. Ihr Klassenlehrer hat im Vorfeld der Klassenfahrt unmissverständlich der Klasse klar gemacht, dass absolutes Alkoholverbot herrscht. Wenn er jemanden erwischen würde, würde er ihn umgehend nach Hause schicken.
Hat er einen Blick in die Sporttasche erhaschen können? Hat er die Wodkaflaschen gesehen? Wohl kaum. Sonst wären sie jetzt schon nicht mehr im Spiel.
Markus, Martin und der Rest der Klasse 10b des Schiller Gymnasiums aus einer hessischen Kleinstadt bestiegen den Reisebus mit dem Ziel Berlin.
Der Bus rollte gerade einige wenige Meter vom Hof, als Herr Mannheimer das Mikrofon ergriff:
„So Leute, hier noch einmal einige Spielregeln für die Fahrt. Es herrscht absolutes Alkoholverbot für die ganze Fahrt. Ihr bleibt bei Ausflügen immer zusammen, vor allem beim Ausflug in den Ostteil der Stadt. Keine Widerrede bei Grenzbeamten und anderen Staatsbediensteten der DDR. Wir können bei der Durchfahrt durch die DDR keine unvorhergesehene Rast machen. Wir machen einen Stopp kurz vor der innerdeutschen Grenze Wartha/Herleshausen, und zwar in Rimberg, und auf halber Strecke von dort aus gesehen an einem Intershop an der Transitstrecke in Richtung Berlin.
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