Wer will schon topless auf dem Präsentierteller einer gut einsehbaren Terrasse sitzen und später - angezogen - die Nachbarn im Supermarkt treffen? Eben!
‘Oh, ich wusste nicht, dass das so ein wichtiges Thema ist. Ich bin noch eine Knospe, und du bist bereits dabei, eine Blüte zu werden, das wolltest du mir sagen? Annika heißt du, richtig?’
„Du kannst meine Gedanken lesen?”
‘Ja, aber es ist nicht so wie du denkst, ich kann nicht tief in dich hineinsehen. Nur das, was du im Flur hast, kann ich sehen.’
„Im Flur?”
‘Das, was du offen denkst, aber nicht sagst, meine ich. Wie im Eingang zu einem Haus. Nicht dass, was tief verborgen ist, wie im Keller.’
„Wie beruhigend!”
‘Das andere steht deutlich auf deiner Stirn geschrieben und ich müsste wegsehen, um es nicht zu bemerken. Nur eure Wörter sind mir noch fremd. Eigentlich sollte ich euch keine Gedanken spenden, aber ich bin einfach zu neugierig.’
„Da bin ich aber man froh, dass es nicht nur mir so geht. Du hast mich ganz gut überrumpelt. Ist ja auch fies, einem so die Gedanken aus dem Kopf zu ziehen. Das mit 75A tut mir leid. Aber das mit der Knospe und der Blüte hast du schön gesagt. So habe ich mich auch lange Zeit gefühlt. Noch mit vierzehn war das so.”
‘Du bist vierzehn?’
„Nein fünfzehn! Seit fast zwei Monaten. Und du?”
‘Älter, aber lassen wir das im Moment. Wenn es dir übrigens unangenehm ist, laut zu reden, dann kannst du mir deine Gedanken auch im Kopf zusammenstellen, und ich hole sie mir dann ab. Uns ist das Reden mit dem Mund meist sehr unangenehm. Es klingt für uns laut und rüpelhaft.’
Ich musste schmunzeln.
‘Ja, dein Bruder könnte so ein passendes Bild dafür sein, was ich meine. Also sollten wir uns vielleicht auf deine Gedanken statt deiner Worte einigen. Wenn du beides gleichzeitig machst, bekomme ich auf die Dauer Kopfweh, denn du glaubst gar nicht, wie widersprüchlich die Aussagen von Mund und Kopf mitunter sind.’
„Jetzt weiß ich immer noch nicht, wie du heißt. Und dabei hast du meinen Namen bereits aus meinem Kopf geklaut, und wer weiß was sonst noch alles. Warum kenn ich manche Gedanke von dir und andere nicht?”
‘Nein, geklaut ist er nicht, der Inhalt von deinem Kopf, er ist ja noch da. Wenn wir Gedanken lesen, dann nutzen die sich nicht ab. Gedanken werden besser, wenn man sie teilt. Aber entschuldige, ich habe nicht daran gedacht, dass du nicht meine Gedanken lesen kannst. - Ich heiße Chiòcciola.
Nur die Gedanken, die ich dir schicke sind für dich sichtbar. Entschuldige, aber ich befürchte, du bist klar im Nachteil, bei dieser Art der Unterhaltung.’
„Das sehe ich auch so.”
‘Tut mir leid!’
„Willst du nicht mit zu uns hineinkommen? Ich könnte uns einen Latte Macchiato machen, oder einen Tee.”
‘Nein, danke, das ist lieb gemeint, aber es geht im Moment nicht. Wie gesagt, ich soll euch eigentlich keine Gedanken spenden.’
„Sagt wer?”
Irgendwie war meine Sprachlosigkeit wie weg geblasen und ich war wieder in Kämpferlaune.
‘Du würdest ihn Pa nennen.’
„Wo kommt ihr eigentlich her? Mein Bruder meint aus Holland oder Großbritannien. Aber da irrt er doch wohl ganz offensichtlich, oder?”
‘Du, Annika, das geht jetzt nicht. Entschuldige, aber ich muss gehen. Ich kann mich jetzt nicht auf dich allein konzentrieren. Ich erkläre es dir vielleicht ein anderes Mal. Sei mir nicht böse, bitte. Die Knospe hätte gern die Blüte zur Freundin. - Nicht böse sein, bitte, aber ich muss jetzt wirklich gehen. Ich werde an anderer Stelle gebraucht.’
Dann war sie weg, so unauffällig wie sie vorhin plötzlich vor mir stand, war sie im Haus verschwunden.
Hatte ich die ganze Zeit allein vor mich hin geredet? Und überhaupt, welche Bestandteile unserer Unterhaltung waren für andere hörbar gewesen. Ich versuchte, mich zu erinnern. Soweit ich wusste, war alles, was ich zu unserer Unterhaltung beigetragen hatte, von mir auch gesagt worden, nicht nur gedacht. Na ja, das mit der Oberweite vielleicht ausgenommen. Aber hatten andere zuhören können?
Ich tröstete mich ein wenig mit dem Gedanken, dass wir im Moment wahrscheinlich die einzigen aus der Siedlung waren, die nicht auf irgendeiner Insel im Mittelmeer die Füße ins Meer und andere Körperteile in die Sonne hielten.
Dieser Gedanke schaffte mir überraschender Weise diesmal sogar ein wenig Linderung. Trotzdem war ich innerlich ganz schön aufgewühlt. Habe ich das eben wirklich alles mit einem mir wildfremden Menschen besprochen? Das sind doch alles Dinge, über die nicht mal Ma Bescheid wusste.
Gut, sie hatte irgendwie einen Radarblick und konnte nach fünf Stunden Yoga nach Hause kommen um dann gerade nach der Mathearbeit zu fragen, die man letzte Woche versiebt hatte. Deshalb wusste ich auch nie so recht, was sie über mich wusste und was nicht. Ich hoffte natürlich, dass sie meine Gedanken nicht erriet, denn gesprochen hatten wir über so etwas natürlich nie.
Und Pa? Pa? Nein ehrlich, der zählte abends seine Familie durch, und wenn er auf vier plus ihm selbst kam, dann hatte er seiner Fürsorgepflicht Genüge getan.
Eines aber vergaß er fast nie beim Abendessen.
„Was machen eigentlich Eure Praktikumspläne nach den Ferien?”
„Ich möchte gern den Fusionsreaktor in Greifswald ansehen”, sagte Dennis stets.
„Wendelstein 7-X”, meinte Pa dann regelmäßig, „ist zwar kein nachgeordneter Bereich von uns, aber ich kenne im betreffenden Ressort jemanden. Das kriegen wir hin, mein Junge. Erinnere mich bitte noch einmal daran! Und du Annika?”
„Ich habe für Annika eine spannende Praktikumstelle bei meiner Ergotherapeutin in Aussicht. So kann sie in den medizinischen Bereich hineinschnuppern.”
„Medizinischer Bereich, sehr gut. Oder was mit Tieren? Annika, du magst doch Tiere, oder?”
Cool Guess! Da jedes Jahr, seit ich schreiben kann, ein Hund oder eine Katze auf meinem Wunschzettel stand, war das anzunehmen! Aber wollte ich wirklich mein Leben damit verbringen, arme, kleine Katzen zu kastrieren? Ist irgendwie auch öde.
Die Sommerferien waren schon schlimm genug; ich musste auf andere Gedanken kommen. Deshalb dachte ich, dass ich Dennis einen Besuch abstatten könnte. Natürlich würde er eine zensierte Version meines Erlebnisses zu hören bekommen. Es macht einfach keinen Sinn, mit einem pubertierenden Bruder über Dinge wie Körbchengrößen zu reden, wenn ihr versteht, was ich meine.
Als ich halb die Treppe zu seinem Spitzboden hinaufgestiegen war, hörte ich schon sein energisches „Du störst!” - Im Sekundentakt zerlegten sich gerade irgendwelche Aliens und Monster in ihre elementaren Bestandteile.
Da seine Gehirnaktivität ohnehin gerade für den im Raumkampf überlebenswichtigen Zeigefinger benötigt wurde, konnte ich mich ebenso gut auch mit Naike unterhalten.
Irgendwie hatte mich das „Gespräch” mit Chiòcciola ganz schön mitgenommen. Wer ist schon gewohnt, wenn sich jemand bei den intimsten Gedanken einfach selbst bedient, auch dann wenn sie im Flur bereitgestellt sind und quasi auf die Stirn geschrieben sind.
Und dann war es auch noch wieder so weit. Mein Bauch krampfte sich um die Wette mit meinem Kopf. Es kommt bei mir immer alles zusammen. Das Fazit ist, dass ich für ein paar Tage nicht recht ansprechbar war und mich mit ein paar Zeitschriften und einer Wärmflasche in meinem Zimmer eingenistet hatte.
Ich lag also auf meinem Bett und blätterte in Magazinen, die sich mit dem kommenden Herbst mit seinen doofen Brauntönen schon mitten im Sommer beschäftigten, während ich überlegte, ob die Idee mit der Wärmflasche wirklich so intelligent gewesen war, wenn man die sommerlichen Temperaturen berücksichtigt.
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