Mehrfach schon fiel Praha bei der Sozialbehörde unangenehm auf. – Er kam Meldeaufforderungen nicht nach und wurde immer wieder ermahnt und verwarnt, bis ihm schließlich die Unterstützung gesperrt wurde. Es konnte dann ein halbes Jahr vergehen, ehe Praha wieder erschien, um sich neuerlich per Antrag für Ünterstützung anzumelden.
Karl Liebknecht war überzeugt davon, dass Praha in keinster Weise wirklich bedürftig zu nennen war. Dieser fuhr in einem schwarzen BMW vor, von welchem er allerdings behauptete, dass er nicht ihm selbst gehöre, sondern der Wagen eines Bekannten sei, Welcher ihm diesen leihweise zur Verfügung stelle.
Naim Praha war frech, vorlaut und unverschämt; bereits mehrmals musste er vom hauseigenen Sicherheitsdienst angetrunken aus den Räumen der Behörde entfernt werden, doch schien dies in keinster Weise für den ausgezeichnet deutsch Sprechenden eine Lehre zu sein.
„Ich kenne meine Rechte“, war seine ständige Redensart.
- „Herr Praha, was wünschen Sie ? Sie wissen, dass wir zur Zeit sehr beschäftigt sind und...“
„Ich brauche Geld“, unterbrach Naim Praha die Ausführungen des Sachbearbeiters, „ich brauche unbedingt einen Vorschuss, damit ich die Miete bezahlen kann.“
„Sie sind bei uns nicht gemeldet, Herr Praha“, entgegnete Liebknecht kalt, „falls Sie Sozialhilfe beziehen möchten, lassen Sie sich Unten einen Antrag geben, füllen diesen aus und reichen ihn dann ein. Sie kennen das Prozedere.“
„Ich brauche aber gleich Geld.“
Gemütlich die Beine übereinandergeschlagen, saß Praha in seinem Stuhl.
„Herr Praha, Weihnachten steht bevor – und draußen warten eine Menge Leute, Welche noch vorgelassen werden müssen. Halten Sie mich bitte nicht von meiner Arbeit ab; es sind dringliche Fälle zu bearbeiten.“
„Mein Fall ist auch dringend; ich kann die Miete nicht bezahlen. Im Übrigen interessiert mich Ihr Weihnachten einen Dreck. Ich bin Moslem.“
„Andere interessiert es sehr wohl, Herr Praha; ich fordere Sie ernsthaft auf, mein Büro unverzüglich zu verlassen, sonst rufe ich den Sicherheitsdienst. Suchen Sie anderweitig Ihre Zerstreuung !“
Karls Hand lag auf dem Telefon und er blickte den vor ihm Sitzenden scharf an.
„Schon gut, schon gut – ich gehe“, sagte Dieser und erhob sich. Schon an der Türe angelangt, drehte sich Praha noch einmal um und zischte:
„Irgendwann erwische ich dich. Dich und deine Familie !“
Damit öffnete er die Tür und verschwand im Flur, ohne die Türe wieder zu schließen.
- Karl war sich gewiss, dass der unangenehme Zeitgenosse lediglich erschienen war, um sich die Zeit zu vertreiben, anstatt ernsthaft auf die Auszahlung irgendwelcher Vorschüsse zu hoffen. Vermutlich würde er sich später im Kreise seiner Freunde damit brüsten, dass er es dem Liebknecht wieder einmal gezeigt habe.
- Februar 1984. Seinen Geburtstag hatte Karl wieder einmal ohne Aufhebens alleine Zuhause gefeiert; die Gedanken schweiften von seiner seligen Frau und den Eltern zu der jungen Lina. Würde man den Karton mit ihrer Leiche jemals finden ? Würde man überhaupt weiter nach ihr suchen ?
'Wen kümmert es ? Eine Jugoslawin, ́ dachte er voll Bitterkeit, 'es nimmt sowieso überhand in letzter Zeit. Wohin man auch schaut: Ausländer ! Inder aus dem Punjab. Singh, Singh, Singh. – Wer soll sich da noch auskennen ? Tamilen aus Sri Lanka mit fünfzehn Zentimeter langen Namen, die kein normaler Mensch aussprechen kann. Und diese gutturale Sprache ! Tatsächlich wie die Afrikaner, die auch allmählich überhand nehmen. Ich glaube, der Professor aus dem Germania lag damals doch nicht ganz falsch. ́
Im 'Germania ́ war Karl seit jenem Regentag nicht mehr gewesen, doch nahm er sich nun vor, es wieder einmal aufzusuchen.
- Dienstag, 7. Februar. Karl Liebknecht stand am Fenster seines Büros und sah hinüber auf den unbewachten Parkplatz, auf welchem auch er täglich seinen Wagen abstellte.
Es war kurz vor 15°° Uhr; Karl wollte eben zurück zu seinem Schreibtisch, als er eine Gruppe von fünf Afrikanern den Parkplatz betreten sah. Liebknecht blieb, wo er war und beobachtete die Gruppe, welche sich auf einem freien Platz zusammenstellte und augenscheinlich auf etwas zu warten schien.
Nur wenige Minuten waren seit ihrem Eintreffen vergangen, als ein schwarzer BMW in der Zufahrt des Parkplatzes erschien und in der Nähe der Afrikaner zum Halten kam. Karl Liebknecht erkannte in dem Fahrzeug sogleich den Wagen des Naim Praha – und neugierig verfolgte er das weitere Geschehen.
Die Entfernung war zu groß, um den Fahrer des BMWs tatsächlich identifizieren zu können, doch Karl war sich sicher, dass es sich hierbei um Praha handeln musste.
Einzeln traten die fünf Männer ans offene Wagenfenster und schienen jeweils etwas in das Wageninnere zu reichen, um kurz darauf wiederum etwas in Empfang zu nehmen. Das Ganze dauerte etwa zehn Minuten, dann drehte der Wagen eine Runde innerhalb des Parkplatzes und entschwand sodann auf der Straße den Blicken Liebknechts.
Auch die fünf Afrikaner hielten sich nun nicht mehr länger auf dem unbefestigten Parkgelände auf, sondern gingen wieder ihrer Wege.
- Der gleiche Vorfall wiederholte sich tags darauf und Karl beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen...
Am Donnerstag brachte er in seiner Aktentasche einen Feldstecher sowie seinen kostspieligen Canon-Fotoapparat mit ins Büro, um endlich Gewissheit über die Identität des BMW-Fahrer’s und Dessen Aktivitäten auf jenem Parkplatz zu erlangen.
- Zehn Minuten vor 15°° Uhr legte Karl Fernglas und Kamera griffbereit ans Fenster und harrte der Dinge, welche da kommen sollten...
- Auch diesmal erschien die Gruppe der Afrikaner kurz vor Eintreffen des BMWs. Karl erkannte durch das Fernglas zwei der Afrikaner als Kunden seines Büros; die anderen Drei hingegen waren ihm unbekannt. Der Fotoapparat war eingestellt und Karl legte den Feldstecher beiseite, um durch das Teleobjektiv weiter zu
Nun erkannte er, dass es sich bei dem Fahrer wahrhaftig um Praha handelte. Dieser nahm von Jedem Geldscheine in Empfang und gab dafür ein Päckchen unbekannten Inhaltes zurück.
Fünfmal betätigte Karl Liebknecht den Auslöser, in der Hoffnung, dass die Fotos gelingen mochten und er, wie auch immer, Näheres über diesen mysteriösen Vorgang in Erfahrung bringen könne.
- Auch am Freitag waren die Sechs wieder zur Stelle; Karl schoss noch eine Reihe von Fotos, ohne im Moment zu wissen, was genau er mit diesen würde beginnen können.
- Wochenende. Nach dem einsamen samstäglichen Mittagessen beschloss Karl Liebknecht, dem Germania endlich einen weiteren Besuch abzustatten.
- Das Germania war recht gut besetzt, als Karl gegen 14.20 Uhr eintraf, doch begann es sich allmählich zu leeren und um 15°° Uhr war die Wirtsstube nahezu verwaist. Der Professor und seine Tischgenossen waren diesmal nicht anwesend, so dass Karl doch einen Anflug von Enttäuschung verspüren wollte.
Dennoch fühlte er sich wohl im Germania; es war peinlich sauber und das Essen der Gäste hatte auf Karl einen überaus appetitlichen Eindruck gemacht.
Er bestellte, wie schon beim ersten mal, einen Apfelsaft und erkundigte sich bei dem etwa vierzigjährigen Wirt, einem Manne mit Bürstenhaarschnitt, nach dem Professor. Der Wirt beäugte Karl etwas misstrauisch, bevor er antwortete:
„Herr Inspektor, ich kümmere mich um meine Gäste als Wirt; doch ich frage sie nicht aus. Warum sollte nicht auch ein Professor darunter sein ? Auch die Polizei ist ja, wie man sieht, bei mir zu Gast.“
„Herr Wirt, Sie halten mich für einen Polizisten? Ich bin weder Inspektor, noch bin ich überhaupt bei der Polizei. Mein Name ist Karl Liebknecht und ich arbeite als Sachbearbeiter beim Sozialamt.“
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