„Nein, kommt zu Besuch aus Türkei.“
Daher wehte also der Wind. Karl nahm sich zusammen.
„Herr Özdemir, Ihre Schwiegermutter wird doch sicher für ein paar Tage auf der neuen Couch im Wohnzimmer übernachten können; denken Sie nicht auch ?“
Herr Özdemir schüttelte den Kopf; stur, wie es Karl erscheinen wollte.
„Vielleicht nicht paar Tage“, war die Antwort des Sozialhilfe-Erprobten, „vielleicht bleibt immer in Deutschland.“
„Ja, hat sie denn eine Zuzugsgenehmigung ?“
Liebknecht wurde zum Beamten.
„Herr Özdemir, Sie wissen sehr gut, dass Bürger eines anderen Landes ohne Genehmigung nicht auf Dauer in Deutschland bleiben dürfen. Hat Ihre Schwiegermutter ein solches Genehmigungspapier ?“
„Nein“, die erstaunte Antwort, „kommt nur zu Besuch. Später wir machen Antrag bei Ihnen.“
„Bei mir ? Sie müssen sich mit der Ausländerbehörde in Verbindung setzen, Herr Özdemir. Ein Antrag auf Familienzusammenführung muss gestellt werden und Vieles mehr. – Wie auch immer, selbst, wenn dies Alles erledigt ist, so sind Sie nur mit fünf Personen bei uns gemeldet. Also wird das Sozialamt auch nur für fünf Personen aufkommen. Es tut mir leid, Herr Özdemir !“
Enttäuscht blickte der Angesprochene dem Sachbearbeiter in die Augen.
„Kein breites Bett“, bestätigte Dieser, „Ihre Schwiegermutter mag auf der neuen Couch schlafen.“
Unschuldsvoll sah Herr Özdemir auf seine Akte.
„Das kann nicht“, sagte er, „auf neuer Couch schläft Schwiegervater.“
Fassungslos wollte Liebknecht wissen:
„Der Schwiegervater ist schon in Deutschland ?!“
„Ja; ist zu Besuch“, wieder die lakonische Antwort...
- Herr Özdemir war nicht Einer der wirklich Boshaften, doch er konnte überaus nervtötend sein; darum verzichtete Liebknecht auf die Frage, wie lange denn der Schwiegervater bereits in Deutschland sei, gab jedoch dem enttäuschten Özdemir den Rat, sich mit der Ausländerbehörde dringendst in Verbindung zu setzen und komplimentierte ihn schlussendlich nach Draußen.
Am Waschbecken spritzte Karl sich Wasser ins Gesicht, um sodann den nächsten Kunden vorzulassen.
Während der Mittagspause blieb Karl im Büro und studierte die Zeitung. Immer noch war kein Verschwinden eines Mädchens aus Karls Ort erwähnt, was Diesen einigermaßen beruhigte, jedoch auch erstaunte.
Endlich Feierabend. Zurück nach Hause, ein Bad, etwas Ruhe, dann hinab in den Keller.
Gummibehandschuht, hob Karl den Karton aus der Truhe, trug diesen zur Garage und stellte ihn in den schon geöffneten Kofferraum, welchen er darauf wieder verschloss.
- Kurz nach 20°° Uhr war Karl unterwegs zum letzten und für ihn auch gefährlichsten Abschnitt seines heimlichen Tuns. Nichts durfte geschehen, was auch nur die geringste Aufmerksamkeit auf ihn lenken könnte. Kein unsicheres Fahren; geschweige denn ein Verkehrsunfall.
Karl erreichte die gewohnte Stelle und parkte seinen Wagen. Niemand sonst war zu erblicken. Ein kurzer Rundgang, um sicher zu gehen, dann zog Karl Liebknecht die Handschuhe an, hob den nicht allzu schweren Karton aus dem Wagen und trug diesen zum ausgewählten Ort.
- Die Arbeit war relativ schnell beendet. Karl verstreute Nadelwerk der Bäume auf der eingeebneten Stelle und trat dann endlich den Rückweg an. Schuhe aus, in den Kofferraum – wie bereits gestern – dann fuhr er zurück nach Hause.
Angekommen, stellte er Schuhe sowie das Paket mit den restlichen Umzugkartons in den Heizungsraum, um alles am nächsten Tag zu verbrennen. Erst dann würde er vollkommen beruhigt sein.
Karl duschte, trank noch ein Bier und ging danach zu Bett.
- Am nächsten Abend saß Karl Liebknecht bei einem Glas Wein im oberen Wohnzimmer und dachte nach. War alles erledigt ? Die Schuhe sowie die Kartons waren verbrannt, die Asche entfernt, der Spaten akribisch gereinigt und weggeräumt.
Die Waldspaziergänge würde er beibehalten, so dass nichts an seinem Lebenswandel sich verändern würde. – Ja, es war alles zu seiner Zufriedenheit erledigt ! Einzig die Gedanken sollte er noch besser in den Griff bekommen...
'Ich bin kein Mörder; es war ein Unfall, an welchem sie selbst schuld trug. ́
- Erst zehn Tage nach dem bewussten Geschehen fand sich eine kurze Zeitungsnotiz über das Verschwinden des Mädchens. Man ging davon aus, dass die Kleine von zu Hause weggelaufen und mit Bekannten in die alte Heimat der Eltern gegangen war. Karl Liebknecht legte zufrieden das Blatt zur Seite. Na also ! Wozu all’ die Aufregung und trüben Gedanken? Lina war fortgelaufen – Punktum.
- November 1983. Karl wurde während der Mittagspause von einem Platzregen überrascht und suchte Schutz im 'Germania , ́ einer Kneipe, welche er bislang noch niemals besucht hatte.
Er bestellte einen Apfelsaft und wartete auf das Ende des kalten Regenschauers.
Wortfetzen vom Nebentisch drangen an sein Ohr:
„Ich sage euch, die Schwarzen sind das Gift unserer Welt! Nimm ein großes weißes Tuch und knülle es zu einer Kugel; sie wird etwa – nehmen wir einmal an, so groß sein..“!
Der Sprecher formte mit beiden Händen einen imaginären Ball.
„Dann nehmt eine kleine Kugel – eine sehr kleine Kugel nur – schwarzen Dreck und legt beides in ein Gefäß mit Wasser. – Niemals wird die kleine Dreckkugel weiß werden, jedoch das große, weiße Knäuel wird besudelt werden. – Darum soll sich die weiße Rasse mit der schwarzen nicht vermischen !“
Der Sprecher trank einen Schluck aus seinem Glas.
„Ihr mögt fragen: Was haben Slawen mit den Schwarzen zu tun ? Sie haben sehr wohl miteinander zu tun, auch wenn sie von weißer Hautfarbe sind. Sie sind die Nachkommenschaft einer unglückseligen Verbindung zwischen Weiß und Schwarz, welche schon vor Jahrtausenden stattgefunden hat.“
„Professor“, wollte einer der Gesprächspartner wissen, „wo kamen Schwarze denn vor Tausenden von Jahren her? In Europa gab es doch noch keine; sie lebten doch damals nur in Afrika.“
„Falsch“, erwiderte der Professor, „sie gab es auch in Indien. Es ist heute bekannt, dass die indische Landmasse einst zu Afrika gehörte, sich von jenem Kontinent trennte und langsam Richtung asiatisches Festland driftete.
So entstand auch das Himalaya-Gebirge. Es wurde von der gegendrückenden Landmasse regelrecht emporgeschoben und wuchs so – wenn ich die Zahl richtig im Kopf habe – um etwa einen Zentimeter pro Jahr, wobei wir bis heute auf eine Dauer von 800 000 Jahren kämen, nähmen wir diesen einen Zentimeter als Schnitt. Die Insel Madagaskar ist ein Relikt aus jener Zeit, da die Landmassen sich trennten. Darum gab es die schwarzen Tamilen auch in Indien.“
Der Professor pausierte erneut, um einen Schluck zu trinken.
„Ich glaube, der Regen hat nachgelassen. – Kommt doch demnächst zu einer unserer Versammlungen; dort könnt ihr Näheres über dies Alles erfahren.“
Der Professor trank sein Glas aus, erhob sich, um an der Theke zu bezahlen und verabschiedete sich von seinen Tischgenossen im Vorübergehen.
Auch Karl leerte sein Glas, bezahlte das Getränk und ging.
- Die Vorweihnachtszeit erwies sich als ebenso betriebsam wie auch in den Jahren zuvor. Extrawünsche wurden geäußert und die Mitarbeiter der Sozialbehörde waren darauf vorbereitet.
- Nicht vorbereitet war Karl Liebknecht hingegen auf das
Naim Praha war ein Roma aus Jugoslawien, der bereits seit etlichen Jahren in Deutschland lebte und mit einer bleibeberechtigten Türkin verheiratet war.
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