Der Vater warf sich schockschwer von der wiederholten Befruchtung geohrfeigt auf den verlorenen Posten des hauseigenen Automobils. Selbstverständlich verpackte der reizbare Ahnherr uns liebreizende Lieblingskinder „lieb“ in das Kraftfahrzeug mit ein. Er gefährdete uns dann nur milde über Stock und Stein, rote Ampeln, fuhr „gemäßigt“ über den Kieselflur vor dem Krankenhaus, zwang Jakop förmlich aus dem Vehikel in das Debakel, der Mama einmal aufs Leder zu schauen, als die das neue, eben fertig geborene, quietschrosane Balg an ihrer Milch abfertigte. Es ist ein MÄDCHEN, klang aus den außerordentlichen Lautsprechern einer Ärztin diese festliche Melodie, als spreche sie es ins Mikro einer Gameshow. SIE HABEN EIN MÄDCHEN GEWONNEN! Jakop verstand den Spaß in diesem Halligalli nicht. Für ihn war es Hölle und roch nach Gülle. Ein MÄDCHEN wurde notiert: Der Entschluss fürs ganze Leben, meine Damen und Herren. Der Endschuss für unsrer Schwester ganzes Leben war nun also, ein „ädchen“ am M zu tragen. Willkommen! Die war ab sofort Jakops Schwester und das dann ganz allein ihr Problem.
„Schau mal, sieh mal, ist dein Schwesterchen!“
„Schlampe“, nuschelte Jakop.
Süße Nase, liebes Kleinchen, so ein winziges Würmchen! Ungeniert meldete sich die Ärztin zu Wort, die den Jakop, weil er so goldig war, zunächst mal abknutschte. Das erste Mädchen in der Familie, was? Da müsse der Sportsfreund aber Acht geben, Mädchen seien etwas anders.
„Anders?“
Ja, die Kleine werde ganz anders als er, junger Mann!, piesackte ein weiterer Kittelmensch den Jakop schlimmer als notwendig. Was habe die, was er nicht habe? Die sei doch noch voll klein, da sei doch nix dran! „Was ihr fehlt, meinst du wohl, sie wird ja noch größer!“, neckte der beglückwünschende Überarzt altmodisch, wobei er breit grinsend eintrat und dem Förster seine fette Hand reinschleuderte. „Was ihr fehlt?“, fügte Jakop seins und meins zusammen, um bei elf Minuten Zwischenstand hängenzubleiben. Was fehlt denn? Was fehlt denn der? Niemand reagierte. Alle schütteten Hände in die andern Hände rein. Das duldete er nicht. Das duldete er jetzt echt nicht mehr. Stapfte auf und ab im Zimmer, während dem Förster, und ausschließlich dem Förster, mehr und mehr Hände entgegenbecherten. HEY, HALLO! Was die weißen Kittel unbedingt aus der Tiefe der MG hatten hervorschürfen müssen, was die „Frischgebackene“ Jakop nun kumpelhaft in die Fresse hielt, sieh nur!, es zu begutachten, den Schmerz zu leugnen, als wär es sein eigenes – dieses Neugeborene schmatzte überhaupt ganz ekelhaft, schwächlich und gähnte, schrie trostlos nach – was eigentlich? Was fehlte dem Ädchen denn? Was wollte es? Seine MUTTA etwa!? Sei es nicht furchtbar niedlich, atmete die schweißnasse MG ihn an und hielt es ermutigend auch über meine dabeistehenden Beistandsaugen. Im Gewimmer des kleinen Brötchens erlosch selbst Försters erste Antipathie, nüchterte ihn vermutlich aus. Er lächelte dumpf. Nur Jakop schüttelte den Kopf, von A bis Z auf Hiebe eingestellt. IHN trog Frischgebackenes nicht. Er aß ja auch keine Liebesknochen mehr. ER krachte hervor, sein gelbgelbes Haar stach flammend in den faulen Odem der mit Turnschuhen abgelaufenen Aufbahrungskammer, ER stampfte mit roher Faustung auf die unnachahmliche Lazarettpritsche seiner Ma. Ein für alle Mal verlangte er Antwort, UND JETZT? Jetzt? JA, JETZT! Jetzt müsse man die Kleine selbstverständlich taufen. Taufen, ja und dann?, ballerte seine Munition in ihre treubiblische Leere. Taufen, antwortete die MG ruhig, und auf alle kommenden Fragen zupfte sie gelassen die drei flaumigen Rosshaare dieser neuen, lebendigen Harfe. Magda, die Heilsheilige, nutzte ihre mütterlichsten Engelsschwingungen als Reitpeitschen, um den aufgedrehten Jungen damit zu einem Mann kaputtzuhätscheln. Die Zeit war gekommen und die Küsschen reif für das Neue, fürs Würmchen vorgesehen. Jakop und mich geleiteten die Weißkittel hinaus und dort in die Arme des Bierfäulnis paffenden Försters. Bitteschön, Isaak. Du bist jetzt dran, winkte Magda. Dann klappte die Tür vor ihr zu. Der Förster sah uns irritiert an und fragte im Krankenhaus sofort nach einem Fernseher, oder ob es denn wenigstens ein Radio gebe auf dieser Station? Ja, aber es würden Nachrichten laufen, fieberte der hektische Krankenpfleger nasal, in Kamtschatka sei der Besymjanny ausgebrochen. Der was? Unser Vater kurbelte bereits am Gerät nach einem Sportkanal. Er wolle doch nur die Ergebnisse Mann, woraufhin sie ihn kurzerhand zu dritt aus dem Schwesternzimmer warfen und der Pfleger aufgebracht japste, er käme aus der Eifel und mit Vulkanen sei nicht zu spaßen, da müsse man informiert bleiben!
„Besymjanny?“, grunzte unser Vater mit wildem Blick gegen die Pfleger, „Vulkane, Kamtschatka, Eifel? Als meine zwei Söhne geboren worden sind, ist der Pinatubo ausgebrochen und der hat die ganze Erde vernebelt, na und? Als hätten Vulkane was mit uns Menschen zu tun“, explodierte er. „Scheiß Tucken!“
Dann musste er sich umsehen und erkennen, die zwei Söhne waren noch da. Einer plapperte Worte nach, ohne zu zucken, „Scheiß Vulkane!“ Der andere fragte nach: „Tucken?“
Na prima. Das Mädchenkind lernte die Mutter besabbern und was lernten wir „Männer“? Jakop konnte sein Unglück kaum anfassen, als ihm so lustig wie deutlich eine Gummibärtüte zum Greifen nahegelegt wurde. An der Gelatine den Giftzwerg abfüllend, lallte uns Förster aus dem Krankenhaus in ein von Familienglück kontaminiertes Zuhause. Das ging uns alles viel, viel zu schnell, aber es ging irgendwie.
Und Jakop beklagte sich nicht, als man uns drei Monate später vor einer sogenannten Schule absetzte, um unsere Kindheit zu beenden. Jakop sagte gar nichts. Er flüsterte nachts. Jakop plante einen Mordanschlag auf seine Schwester. Und ich hielt das Unkrautmesser unter meinem Kissen, wenn ich ihm Gutenachtgeschichten erzählte, bis er einschlief.
fand vor der Grundschule in Durenbuschen statt.
Hier entledigte mensch sich der Unfallergebnisse häuslicher Vögelei. Alle Rabeneltern hatten ihren neuesten Küken oder Krücken den gleichen Abstoß zuzufügen.
Sonnengott Jakop stand wie ein Anführer in der Massenpanik. Er wollte ganz hoch hinaus. Raubvogel unter den Piepmätzen. In seiner Hand hielt er, und wunderte sich, dass er hier nicht der Einzige damit war, wie er sonst immer ein Einziger war, die wundervolle Schultüte. Seinen Rucksack und meinen trug ich. Jakop mähte mit seiner Wunderkeule einige der Entenärsche beiseite und rupfte andere Schultüten wie Federn aus dem lächerlichsten Gewimmel, das dadurch entstand.
Seine Mutter hatte im Gegensatz zu anderen Eltern zu Hause bleiben müssen, weil ein Würmchen kränkelte. Der frühe Vogel Jakop beklagte sich über das rückgratlose Kriechtier und schlug unserem neuen Mitschüler Deniz – „Deniz, lass doch bitte den Jungen in Frieden“ – seine Schultüte ins Gesicht.
Dann stand sie da.
Unsere Grundschullehrerin, Frau Rebe-Scheelke. Sie trug winzige orangefarbene Absätze und einen zu engen, perlmuttfarbenen Hosenanzug mit einem türkisfarbenen Wollpulli unter dem Jackett. Ich fand sie schick. Diesen Geruch nach Eukalyptusbonbons beim Ausatmen!
Vor dem aufklappbaren Triptychon der Tafel stand sie mit toupiertem Bob und erinnerte an etwas Flatterhaftes, einen Mensch gewordenen Pfau vielleicht. Mit ihrer langen, filigranen Nase flankierte sie das Kreuz, das auch hier im Klassenzimmer über undurchdachten Köpfen hing. Uns Wagenladung Kleintier verstand sie offensichtlich als liebe Schäfchen, dankbar hingeschenkt von fruchtbaren Anwohnern, Fruchtbarbaren, die ohne Umschweife schon nach dem Duzen beim ersten Date sich fortpflanzen durften.
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