Wo steckte das Mädel mit den Kontakten bloß? Er suchte nach einer jungen Studentin aus Nörten-Hardenberg, die ein paarmal die Woche in den Ort war, um bei einem Biobauern einzukaufen. Zita de Havilland, nicht verwandt oder verschwägert mit dem Flugzeug oder der Schauspielerin. Sie hatte einen Freund aus dem Nachbardorf Behrensen, das praktisch zum Ort Großenrode dazugehörte wie die Gallenblase zur Leber.
In den Fehden nach der Reformation hatte der Ort nur einen Steinwurf entfernt gelegen. Großenrode war protestantisch gewesen. Als die verschiedenen katholischen Heerscharen gekommen waren, aus Einbeck, Braunschweig oder Mainz, um in Großenrode ordentlich zu plündern und zu brandschatzen, was damals groß in Mode gewesen war, hatten sie Behrensen aus praktischen Gründen immer gleich mit abgefackelt. Wenn es doch schon einmal so schön brannte, man wollte ja nicht umsonst gekommen sein. Bis die Behrenser die Nase voll und ihren Ort verlegt hatten.
Wiedergefunden hatten sie ihn anschließend immerhin, dachte Fred. All das tat jetzt aber nichts zur Sache. Er brauchte entweder Zita oder ihren Freund, Maximilian Schuster. Soweit er wusste, kannte der einen Polizeischüler namens Alexander Jansen aus Hannoversch Münden. Und der hatte einen Kommissar als Cousin. Oder Alexander war sein Cousin und der kannte einen Polizeischüler. Jedenfalls kannte einer einen, der Bescheid wusste.
Nur dass er keinen Einzigen von dieser Truppe finden konnte. Das störte ihn.
Fred ging zurück zu seinem Hof. Puffer waren jetzt wichtiger als Leichen, solange die gut gekühlt blieben. Wie der Pufferteig, der durfte jetzt auch nicht zu warm werden. Sein Sohn lief gerade zu einem Stand, an dem es bereits kühles Bier gab. Fred nahm ihn beiseite.
»Finn, du suchst jetzt mal nach Zita, Max oder Alex. Du kennst die doch, oder?« Finn grinste. Auf Zita war er schon immer scharf gewesen, hatte aber nie einen Stich gekriegt. »Klar. Herholen?«
»So sicher wie das Amen vor dem Zirkus«, grinste Fred. »So was von.«
* * *
Alexander Jansen hatte sich nur ein paar Meter von Fred Kühne entfernt an einem Stand aufgehalten, auf dem Hof der Brenneckes, dem Epizentrum des keramischen Bebens, das an diesem Wochenende durchs Leinetal lief. Max und Zita hatte er noch nicht gefunden, sah sie dann aber vor einem Trafohäuschen stehen, wo ein Stand eines Naturschutzverbandes friedlich neben einem der Jägerschaft stand. Sie sprachen mit einem Falkner und versuchten ihn zu überreden, seinen Jagdfalken auf die Hühner des Biobauern loszulassen. Jedenfalls las Alex ihre Gesten von Weitem so.
Als er näherkam, ging es doch um etwas anderes. Hinter den Ständen erhob sich ein Schwalbenturm, den die lokale Initiative gebaut hatte, und die Traube vor den Ständen stritt sich gerade darum, ob ein Wanderfalke eine Mehlschwalbe im Flug erbeuten konnte oder nicht. Und ob er das überhaupt wollte, wo ihm doch Tauben lieber waren.
Zita verleibte sich gerade Kekse in Schwalbenform ein, die am Stand der Naturschützer verkauft wurden, zur Finanzierung der Nester dahinter.
Die drei begrüßten sich mit High Fives und einem komplizierten Ritual mit den Fingerknöcheln, Ellenbogen und Ohren. »Ist das etwa ein Balztanz?«, fragte der knittrige NABU-Mensch und Vogelfreund hinter dem Tisch. Nico Bernstein, der erst seit einem Jahr mit seiner Frau im Ort lebte und eigentlich noch überhaupt nicht dazugehörte. Die drei ignorierten ihn.
Der Falkner packte seinen Falken wieder weg, die Traube löste sich auf.
»Mann, das ist ja der Brüller!«, rief Maximilian Schuster, der ein interessantes Buch auf dem Tisch vor sich entdeckt hatte.
»Psssst!«, flüsterte Zita, die gerade einem stämmigen Mann nachsah und nicht kapiert hatte, dass Max etwas anderes gemeint hatte. »Das ist doch Stefan die Stimme. Lass ihn das bloß nicht hören!«
Max folgte ihrem Blick und sah dem kräftigen Mann hinterher, der gerade in Richtung Thie marschierte, dem Dorfplatz. Vor sich hin grinsend, als ob er einen Plan hätte.
»Ich meinte das Buch hier«, entschuldigte sich Max. »Schaut mal. ›Der Tote vom Töpfermarkt‹. Sieht ganz so aus, als ob das genau hier spielen würde.«
Er nahm den dünnen Band in die Hand und blätterte darin herum. »Kuck mal«, er zeigte Alex eine aufgeschlagene Seite. »Hier kommt sogar einer namens Jansen vor. Der heißt sogar wie du, Alex.«
Der nahm ihm das Buch aus der Hand. »Tatsächlich. Was es nicht alles gibt!«
Er gab das Buch zurück und telefonierte. Max blätterte weiter. »Hier kommt ja das halbe Dorf drin vor.« Er klemmte sich das Buch unter den Arm. »Was kostet das?«
Ist ja spottbillig , dachte er, als er den Preis hörte. Hätte ich an seiner Stelle viel teurer verkauft . »Okay. Dann nehme ich zwei«, kündigte er an und bezahlte. »Eins für deinen Cousin, der liest doch auch Krimis, oder? Ist der nicht sogar bei der Kripo?«
Alex hörte kaum zu, nickte aber. Ja, ja. Stimmt schon.
Max blätterte weiter und zupfte den immer noch telefonierenden Alex mit der freien Hand am Ärmel. »Das sieht spannend aus. Werde ich mir morgen gleich reinziehen, Alter.«
»Schade, dass bei uns hier nicht wirklich solche Sachen passieren«, meinte Zita. »Klar, der Markt ist klasse, so was gibt es doch in Deutschland nicht zweimal, aber Mord und Totschlag gibt es bei uns dann Gott sei Dank doch nicht.«
»Na, ich finde das eher gut«, sagte Max. »Also, wenn hier ein Mörder frei rumlaufen würde – nee! Nix für mich!«
»Komm, du kannst das auch später noch lesen«, sagte Alex. »Lass uns erst mal zu dem Haus da hinten gehen, okay? Das hat irgendwas mit Novalis zu tun.«
Er hatte das vor dem Marktbesuch auf einer Internet-Seite gefunden. Der Ort hatte zu einem Zweig der Hardenberger Grafen gehört und hatte eine Zeit lang sogar Novalis geheißen, was so etwas wie das neue Dorf bedeutet hatte. Es war eine Rodung der riesigen Wälder gewesen, die damals das Leinetal bedeckt hatten. Der Dichter, Friedrich von Hardenberg, war ein Nachfolger der Besitzer des Ortes gewesen, auch wenn er woanders geboren worden war und auch nie mehr hergekommen war. Dennoch wurde er immer wieder mit diesem Ort in Verbindung gebracht. Alex hatte ihn vorher nur als Dichter gekannt, der auf der Suche nach der blauen Blume der Romantik gewesen war. Jetzt wollte er sich das Gutshaus ansehen, das die Vorfahren des Dichters beherbergt hatte. Auf diese Weise waren Alex, Zita und Max der Suche von Finn und Sophia nach ihnen entgangen.
Den Weg an die Theke der alten Kneipe hatte inzwischen Auguste das Auge gefunden. Die ältere Dame, die ihren Spitznamen ihrer Fähigkeit verdankte, sich nichts im Dorfe entgehen zu lassen und alles zu wissen, was streng geheim, wichtig, unwichtig oder völlig uninteressant war. Auguste das Auge wusste alles. Insgeheim hoffte sie immer, dass der Ort oder zumindest der Landkreis einmal ein Thema bei »Wer wird Millionär?« werden würde. Dann würde sie dort antreten. Die Hälfte ihres Gewinnes würde sie dann in weitere Häuser stecken, obwohl ihr im Dorf schon einige gehörten. Die Million wäre ihr auf jeden Fall sicher gewesen.
Das Auge hatte gesehen, dass sich in der alten »Flüsterecke« etwas tat. Das Haus grenzte Rücken an Rücken an eines, das auch ihr gehörte und das sie gerade schön herausputzte. Kein Blatt, kein ungezogenes Hälmchen hatte Anrecht auf Platz in ihrem Besitz. Ihre Akkuratesse kam gleich nach ihren Adleraugen. Während des Töpfermarktes sollten ihre Häuser und Garten makellos strahlen und glänzen.
Außerdem kannte Auguste natürlich den Hintereingang zur alten Kneipe.
Schon war sie drin und stand sie neben Sophia und Finn, die zurück waren und nun ratlos vor der inzwischen mit leichtem Raureif überzogenen mobilen Klimaanlage standen. Ihr Blick fiel auf den schönen Toten.
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