An einem Arm, der hinter dem Corpus verdeckt gelegen hatte, entdeckte er eine weitere Wunde. »Ist das eine Bisswunde?«, fragte er seine blonde Begleiterin. »Oder was?«
Sophia wehrte gerade einen Terrier ab, der den Weg aus dem Haus zu dem für ihn attraktiv duftenden Verblichenen gefunden hatte. »Nicht, Luna, zurück!«, befahl sie der schwarz-weißen Nase auf Beinen. Sie nahm die Hündin hoch. »Ich gehe rein und sage deinem Papa Bescheid. Wir müssen was tun.«
Finn nickte und trug seine beiden teuren Taschen mit ausgestrecktem Arm zum nächsten Mülleimer.
Sophia fand ihren zukünftigen Schwiegervater vor dem Backofen, in den er gerade vier Bleche mit Keksen schob, die alle wie Schwalben geformt waren. Er bückte sich dazu, auf seiner hohen Stirn, die fast bis zum Nacken reichte, glänzte bereits der Schweiß. »Fred«, flüsterte sie, obwohl sie immer noch niemand anderes hören konnte. »In der Kunstscheune liegt eine Leiche. Ruf bitte nicht die Polizei, sonst ist hier alles vorbei.«
Fred Kühne wischte sich die Stirn und sah die hübsche junge Frau erstaunt an. »Wie, eine Leiche? In der Scheune? Wer soll das sein? Eine Schnapsleiche, meinst du, oder?«
Sophia schüttelte den Kopf. »Kenne ich nicht. Sieht sehr tot aus. Und da ist überall Blut. Und der ist irgendwie überall zermalmt, zerrissen, voller Bisse und kleiner Wunden. Und ein Schuh fehlt auch. Sieht teuer aus, der Schuh.«
Sophia achtete immer sehr auf Schuhe bei den Leuten. Wer gepflegte und gut gemachte Schuhe hatte, der hatte bei ihr sofort einen Stein im Brett. Finn hatte sie in einem Schuhgeschäft in Göttingen kennengelernt, als er sich gerade das beste Paar im Laden angezogen hatte und darin aussah wie ein junger Gott. Zumindest an den Füßen. Der Rest hatte ihr dann aber auch gefallen. Schon allein der Schuhe wegen.
Der große Bio-Landwirt schloss die Ofenklappe. »Zeig mir das bitte mal.«
Über den Hof sah er, dass von der Straße her bereits die ersten Besucher auf den Hof wollten. Auf dem es außer Kartoffelpuffer auch noch andere Leckereien, Musik, Spiele und viel Gutes zu kaufen gab. Und Kuchen. Er sah, wie Finn, mit einer vollen Tasche in der Hand, die ersten Besucher in ein Gespräch verwickelte und verzweifelt nach hinten sah. Hier war Eile geboten.
Fred Kühne hatte kein Problem mit dem Tod. Er schlachtete auch selbst und wusste, wie Säugetiere von innen und außen aussahen und wie viel Blut und andere leckere Sachen in ihnen steckten.
»Schöner Mann«, fand er. »Sieht aus wie Brad Pitt, finde ich.«
»Mensch, Papa, der ist tot, und du vergleichst ihn mit Brad Pitt?« Sophia war außer sich. »Was machen wir denn jetzt mit dem?«
Dass der Mann jemandem ähnelte, hatte Finn daran erinnert, dass er seine App starten wollte. Das Ergebnis seiner Suche war, dass der Tote nicht nur wie Brad Pitt aussah. Sondern es auch sein musste. Die App hatte ihn sofort erkannt. Finn bekam den Mund nicht mehr zu. »Das könnte er tatsächlich sein«, kommentierte er.
Wenn Fred Kühne außer den vielen Sachen, die er sowieso konnte, noch eines konnte, dann war es schnell denken. »Der muss hier schleunigst weg. Aufklären müssen wir das selber, du hast völlig recht, die Polizei macht uns den Markt dicht. Wir kennen doch selber Leute, die Ahnung von so was haben. Hör zu. Ich hole den Trecker mit dem Frontlader und eine Plane. Da packen wir den rein. Es wird heiß heute, der fängt uns sonst an zu müffeln.«
Auch das kannte er. Vandalen hatten ihm mal ein Kalb auf der Weide getötet, das hatte ebenfalls rasch zu stinken begonnen, allerdings im September, nicht im Mai. Was aber von der Temperatur her ähnlich war. Luna hatte es toll gefunden, der Hund hatte sich jedes Mal wieder an der Stelle im Gras gewälzt. Das roch so gut!
Fred Kühne hielt seine Kühe nicht im Stall, sondern immer als Familie auf der Weide, ein Bulle, einige Kühe und ihre Kälber friedlich miteinander. Er hatte damals vermutet, dass ihm ein Massentierhalter aus der weiteren Umgebung das geneidet hatte. Für den Toten in der Scheune hatte das indes keine Bedeutung.
»Dann bringe ich den zu Eva Scharf in die alte Kneipe, die ist geschlossen, da geht auch keiner rein. Und da stellen wir eine mobile Klimaanlage rein, hat sie in ihrem Hotel. Dann bleibt uns der länger frisch. Die Bullen können wir morgen immer noch holen. Und du machst hier dann sauber. Aber so was von sauber. Kriegst du das hin mit dem Blut?«
Sophia nickte. »Ich streue da Holzhäcksel und Sand drüber und kehre es weg. Und dann mit dem Schrubber. Und dann neue Streu drüber. Merkt kein Mensch mehr.«
Ihr Schwiegervater nickte weise. »So machst du das. Genau so.«
Zwei Minuten später hatte er das Corpus Delicti im Frontlader verpackt und vertäut. Der Frontlader mit seiner Fracht schwebte jetzt stolz in drei Metern Höhe. Fred fuhr damit um zwei Straßenecken zur alten Dorfkneipe von Frau Scharf, an der immer noch die alten Leuchtkästen mit der Aufschrift »Zur Flüsterecke« hingen, genau wie am Neubau, der jetzt ein kleines Hotel mit Gaststätte war, nicht etwa nur eine Kneipe. Die »Flüsterecke« war berühmt für ihre Weihnachtsgänse, die jetzt noch gleich nebenan, durch und durch bio, als flauschige gelbe Gössel auf einer Wiese die Besucher anschnatterten.
Außerdem hatte die »Flüsterecke« gutes bayrisches Klosterbier und zivile Preise, sodass hier täglich viele Besucher Halt machten. Wer aus dem kartoffelpufferverarmten Flensburg über die A7 nach Süden fuhr, machte hier, genau in der Mitte der Republik, ebenso Halt wie die puffermäßig unterversorgten Berchtesgadener auf ihrem Weg in den kühlen Norden.
Fred Kühne stand mit dem Trecker vor der Kneipe und kratzte sich den glänzenden Schädel. Wie sollte er die Leiche jetzt da reinkriegen? Inzwischen liefen schon etliche Marktbesucher durch die Straßen des Ortes, auch weil hier noch freie Parkplätze waren, und gerade vor dem Brunnen, der den Platz nahe der Kneipe zierte, diskutierten einige Besucher. Nicht überall war Markt, der konzentrierte sich beim alten Gutshof, trotzdem war das Dorf voll von interessierten Gästen.
Die Kneipe hatte ein Saalgebäude, das nur noch selten benutzt wurde.
»Ich muss neue Kartoffeln aus meinem Lager holen, sonst bekommt ihr heute alle keine Puffer mehr«, rief Fred der Besuchergruppe zu, obwohl die ihn gar nicht weiter beachtete. Er stieg vom Trecker und holte sich von der robusten Wirtin den Schlüssel. »Ich erzähle dir gleich, warum, Eva. Ist eilig. Frag nicht. Muss.«
Eine Minute später hatte er den Trecker zwischen den Hecken durchmanövriert und schob er den Frontlader vorsichtig an die weit geöffnete Doppeltür. Rein passte der Lader nicht, er war zu breit. Fred Kühne stieg ab, wickelte die Plane um Brad Pitt und ließ ihn vorsichtig zu Boden gleiten. Er lugte am Frontlader vorbei. Die Umstehenden hatten nichts bemerkt, sondern sahen sich die Gössel am Bachlauf an und suchten sich wohl bereits Kandidaten für Weihnachten aus, wenn sie solange überlebten. Die Gänse, nicht die Besucher.
Fred setzte den Trecker ein paar Schritte zurück, schloss die Tür wieder und steckte den Schlüssel ein.
Er fuhr zurück auf den Hof und stellte den Traktor weitab vom Geschehen ab. Jetzt musste sich jemand anders um die Leiche kümmern. Er hatte auch schon eine leise Ahnung, wer. Er selbst musste Kuchen und Puffer backen. Viele Puffer. Aneinandergereiht würden sie eine Strecke von Flensburg bis Berchtesgaden ergeben.
KAPITEL ZWEI
DER KILLERKEILER
Im Dorf gab es eine, die einen kannte, dessen Cousin mit einem Kriminalkommissar verwandt war. Das war weit genug weg von der Polizei, um Folgen zu haben, wie etwa eine offizielle Ermittlung, aber auch nah genug dran, dass vielleicht noch ein wenig Expertise hängen geblieben war, was in einem solchen Fall zu tun war. Den Mann brauchte das Dorf jetzt.
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