Vorher musste Fred Kühne noch die mobile Klimaanlage aus dem Hotel holen und in die alte Kneipe bringen. Eva Scharf, die resolute Witwe von Alfons Scharf, holte sie aus einem der oberen Räume, in denen es im Sommer immer besonders heiß war. Es waren zwar alle Zimmer vermietet oder vorbestellt, aber sie erwartete noch einen Gast aus Afrika. Der würde wohl auch ohne Klimaanlage auskommen, dachte sie. Außerdem war ja erst Mai und noch nicht Sommer, auch wenn es schon genauso heiß war.
Fred schleppte das Ding mit ihr zusammen über die Straße. Sie stellten es neben der hohen Theke im alten Gastraum ab. Zwar waren alle Fenster mit Brettern vernagelt, aber sicher war sicher. Eva Scharf, die schon manche Gans von innen gesehen hatte, staunte kaum über den schönen Toten. »Wenn den einer umgelegt hat, war das aber nicht sehr fachmännisch«, fachsimpelte sie. »Kuck dir mal den Schnitt da am Bein an. Das ist doch nicht sauber. So macht man das nicht. Ich zum Beispiel hätte den eher am Hals abgestochen. Aus unserem Dorf war das bestimmt keiner, die schlachten doch alle selbst und wissen, wie das geht.«
Die beiden schleppten den Verblichenen vom alten Saal in die Kneipe und legten ihn an den zweitschönsten Platz. Hinter die Theke.
»Ich muss wieder rüber«, Eva Scharf wischte sich die leicht blutigen Hände an der Schürze ab. »Da wollen noch einige Frühstück.«
»Ich eigentlich auch, höchste Eisenbahn sogar«, antwortete Fred Kühne. »Erst habe ich aber noch was zu erledigen.«
Er wollte natürlich den Mann mit der Teilexpertise als Kriminalist finden. Er hatte nur keine Ahnung, wo der Kerl stecken konnte. Andererseits kannte Fred seine Tatort-Sendungen aus dem Fernsehen. Ein Arzt musste auch her. Natürlich kein offizieller, kein Amtsarzt, der hätten so einen Todesfall ja melden müssen. Das war schon arg blöd, so ein Toter auf einem so großen Fest!
Ihm fiel Soraya Lustig ein. Die blonde, von Lachfalten übersäte Tierarztassistentin, deren Mutter früher Fan vom Schah von Persien gewesen war. Hatte die nicht auch Medizin oder zumindest Anatomie gelernt? Er sah die hübsche Frau noch vor sich, wie sie einen Arm bis zur Schulter in seiner notleidenden Kuh stecken hatte, die nicht kalben wollte. Soraya hatte das hinbekommen, das Kalb lief jetzt ein paar Weiden weiter seiner Mutter hinterher, zum Wohlgefallen aller Kinder, deren Eltern den Töpfermarkt besuchten und in der Feldmark spazieren gingen. Wer Ahnung vom Leben hatte, dachte Fred, den konnte der Tod nicht schrecken.
Es waren auch nur ein paar Meter. Soraya war aber nicht zu Haus, nur ihr Hund bellte ihn an, als ob er, Fred, den Toten auf dem Gewissen hätte. Roch er etwa nach Leiche? Dann musste er noch mal duschen und sich die Hände abschrubben, bevor es ans Backen ging.
Dann sah er die Tierkundige ein paar Meter weiter auf einem Hof stehen, auf dem gerade der Sonntagsgottesdienst lief. Erstaunlich viele Kinder nahmen daran teil. Wie Fred wusste, waren die nicht der frohen Botschaft wegen dort, sondern weil danach der Kinderzirkus auf demselben Hof beginnen würde. Viele waren aus dem Ort selbst. Anders als in vielen anderen Dörfer wurden hier noch regelmäßig welche geboren und blieben später weiterhin im Dorf. Fred fragte sich, woran das wohl lag. Waren die Leute hier fruchtbarer? Gut genährt sahen sie auch alle aus. Kein Wunder, bei seinen Puffern. Das musste es sein.
Fred war es wurst, was sich im Zirkus tat. Er marschierte hinüber und tippte Soraya auf die Schulter. »Ich brauch dich mal ganz dringend. Komm einfach mit, frag nicht«, empfahl er ihr.
»Luna?«, fragte sie und sah ihn mit ihren hellen blauen Augen an. »Oder Marina?« So hieß das Kalb, dem sie ins Leben verholfen hatte. Und das die Landkarte des Landkreises auf dem Fell hatte. Ungefähr jedenfalls.
Fred Kühne schüttelte nur den Kopf. »Komm einfach. Du wirst schon sehen.«
Als die Tierarztassistentin hinter die alte Theke blickte und des im Luftstrom abkühlenden Leichnams ansichtig wurde, legte sie ihre ansonsten glatte Stirn in Falten. »Das ist ja ein Mensch«, beobachtete sie. »Und dem kann ich wohl kaum noch helfen. Der sieht irgendwie so tot aus?«
»Du bist die Einzige, die das hier beurteilen kann«, fand Fred. »Die Polizei oder einen Arzt dürfen wir nicht rufen, wenn der Markt weitergehen soll, das verstehst du doch, oder?«
Soraya nickte so bedächtig wie ihr königliches Namensvorbild. »Aber einen Totenschein kriegst du nicht von mir, damit das gleich mal klar ist, Fred.«
»Vielleicht lebt er ja noch«, machte der einen letzten Versuch, sie zu einer Art Leichenschau zu bewegen.
Die junge Frau trat näher und kniete vor dem Toten nieder. »Schöner Mann«, fand sie. »Schade drum, nicht?« Sie sah Fred strahlend an. Der verzog keine Miene, er stand nicht auf Männer, und so wandte Soraya sich dem Corpus wieder zu und hielt Händchen mit dem schönen Toten. Eine ganze Weile lang. »Also, einen Puls fühle ich da nicht«, stellte sie fest.
Bei ihren Tieren hätte sie jetzt die Schnauze aufgeklappt und hineingesehen. Das schickte sich bei einem, der wie Brad Pitt aussah, irgendwie nicht. Stattdessen zog sie ein Augenlid hoch. »Tut sich nichts«, beobachtete sie. »Die Pupille ist total entspannt und zieht sich nicht zusammen. Ich glaube, der ist tot.«
»Und woran?« Fred wollte es jetzt genau wissen.
»Hm. Wohl nicht an einer Kolik oder Staupe.« Sie sah sich die Bisse an Arm und Bein und den Hals an. »Irgendwas scheint ihn gebissen zu haben. Oder gestochen. Oder beides. Tollwut dauert aber drei Wochen, bevor man tot ist. An dem Biss ist er jedenfalls nicht verblutet.«
Sie hatte sich inzwischen bis zum Kopf hochgearbeitet. »Hat wohl ordentlich eins übergezogen bekommen. Gab es gestern nicht spät abends noch ein Handgemenge?«
Davon wusste Fred nichts. Er war früh ins Bett gegangen, um eins, um morgens alles zum Backen vorzubereiten und zu sehen, ob im Café Kühne, das nur zu Feierlichkeiten geöffnet hatte, alles in Ordnung war.
Die jüngere Frau besah sich den Kopf genauer. Die Tonscherbe steckte trotz des Transportes durch Fred Kühne immer noch fest im Kopf des Opfers. Sie trat auf die andere Seite, zog ein Tempotaschentuch aus ihrer Handtasche und griff damit zu. Die Scherbe saß fest. Sie ruckelte ein wenig hin und her, bis die Scherbe auseinanderbrach und sie das größere Bruchstück in der Hand hielt. Aus der Wunde trat jetzt Blut aus, in einem kleinen Rinnsal. Es musste sich hinter dem Tonstück gestaut haben, dachte sie.
»Was soll ich jetzt hiermit machen?«, fragte sie Fred Kühne.
Der sah sich das Teil aus der Distanz an. »Gib es Hermann oder seinem Sohn Lars, die kennen sich mit so etwas aus«, schlug er vor.
Soraya trat zurück von der Leiche.
»Also, der ist tot, damit du’s weißt«, bemerkte sie. »Ich muss jetzt wieder, die Kirche ist gleich aus, mein Kleiner will in den Zirkus.« Das sorgsam eingewickelte Bruchstück stopfte sie in ihre Handtasche.
Ihr Kleiner war etwas über zwanzig und zwei Köpfe größer als sie und hatte selbst bereits ein Söhnchen. Das verstand zwar im Zirkus nichts, gab dem jungen Vater aber einen guten Anlass, mal wieder Zirkusluft schnuppern zu dürfen. Der jungen Oma war das von Anfang an klar gewesen.
Fred Kühne schloss die Tür zur alten Flüsterecke. Jetzt musste jemand rausfinden, was passiert war. Ob es ein Unfall war oder ob tatsächlich jemand Brad Pitt eins mit einer teuren Vase übergezogen hatte. Was sehr schlimm gewesen wäre. Denn die Vasen auf dem Markt waren ziemlich einmalig und immer ein großer Verlust, wenn sie kaputtgingen. Es war zwar mal ein Japaner da gewesen, der kaputte Vasen mit einer Goldpaste wieder geklebt hatte und sie dann für fünfstellige Beträge verkauft hatte. Allerdings war das nicht hier im Dorf gewesen, sondern außerhalb, fiel Fred Kühne ein. In Japan oder so. Das Dorf brauchte dringend einen, der das auch konnte.
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