‚ Ich werde sterben!'
Erst als erneut Salzwasser über sie schwappte, sah sie hustend auf. In weiter Ferne, zwischen den Wellenbergen kaum erkennbar, erschien ein weißer, beinahe leuchtender Fleck. Schon Augenblicke später war der Fleck zu einem großen, geblähten Segel herangewachsen, das in der Abendsonne, die stellenweise durch die Wolkendecke brach, gelb-orange leuchtete.
Beim Anblick des Schiffes, dessen Bug sich unermüdlich durch das aufgewühlte Meer schob, war ihre Müdigkeit verschwunden. Aufregung überkam sie.
Das Schiff kam immer schneller auf sie zu. Ohne einen weiteren Gedanken an ihr Handeln zu verschwenden, begann Gwyn zu schreien; verzweifelt versuchte sie mit all ihrer verbliebenen Kraft das Rauschen des Meeres zu übertönen: „Hilfe! Bitte! Hilfe!“
Allmählich wurde das Mädchen in den gewaltigen Schatten des Schiffes getaucht. Der Anblick, der sich Gwyn bot, war das Gigantischste was sie je gesehen hatte.
Beinahe ehrfürchtig verstummte sie einen kurzen Augenblick, ehe sie ihre Hilfeschreie wiederholte.
Plötzlich blickten zwei Männer über die Reling. Als Gwyn sie bemerkte, hob sie langsam den Kopf und löste ihre verkrampfte Hand von der Tischplatte. Doch ihr Arm war so schwer, dass sie ihn kaum noch anheben konnte. Sie starrte nur kraftlos auf die verschwommenen Umrisse der Männer. Für einen kurzen Augenblick waren sie verschwunden, doch dann erschienen weitere Gestalten an der Reling.
Zwei von ihnen sprangen ins Wasser und schwammen zu ihr.
Gwyn bemerkte kaum noch, wie die Männer sich an der Holzplatte festhielten. Einer zog sie in seine Arme. Die Erschöpfung übermannte sie und ihr wurde schwarz vor Augen.
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Kapitän Wilde zitterte und stützte sich auf einen noch bestehenden Teil der Reling. Seine weißgepuderte Perücke hatte er verloren. Sein eigenes dunkelbraunes Haar hing ihm wirr ins Gesicht. Das inzwischen eingetrocknete dunkelrote Blut einer Wunde hob sich deutlich von seinem blassen Gesicht ab. Auch auf seiner Uniform war Blut.
Seine dunklen Augen schweiften über Deck.
Die ‚Ventus’, eines der Schmuckstücke der Royal Navy, sah aus, wie nach einer verlorenen Schlacht: der hintere Mast, der Besanmast, war zersplittert und lag quer über Deck. Große Teile der Reling waren verschwunden oder standen in alle Richtungen ab. Alle Beiboote waren zerstört. Es grenzte an ein Wunder, dass sich das Steuerrad – stark beschädigt- noch auf seinem Platz befand. Das Bemerkenswerte aber war, dass der Kompass offensichtlich keinen Schaden genommen hatte.
Überall an Deck lagen die Leichen der tapferen Männer, die den Sturm nicht überlebt hatten und die Körper derer, die noch um das Überleben kämpften.
„Käpt´n, schnell Sir, Mr. Alester!“, rief Thunder plötzlich. Der Matrose war einer der wenigen, die noch einmal glimpflich davon gekommen waren. Außer einer leicht blutenden Wunde am Hinterkopf schien er unversehrt.
Julian Alester wurde aus den Trümmern der Reling und mehrerer Kisten befreit. Der erste Offizier der 'Ventus' blutete aus Nase, Mund und Ohren; seine Augen waren geöffnet, starrten den jungen Kapitän an und doch in weite Ferne.
Wilde unterdrückte nur mit Mühe ein Seufzen, bevor er sich zu seinem Offizier hinabbeugte, um seine Lider zu schließen, dann wandte er sich ab. Die meisten Leichen waren vor das Achterdeck gebracht worden. Wildes Blick schweifte kurz zu den toten Besatzungsmitgliedern. Auch Gray hatte den Sturm nicht überlebt.
Dann hob er den Blick hinauf zur Großen Kabine. Die Tür war aus ihren Angeln gerissen worden und hing verkeilt im Türrahmen.
Rechts neben der Tür war das Milchglas mehrmals gesprungen, das linke fehlte gänzlich.
'Oh großer Gott!'
Der junge Kapitän hastete zwei Stufen auf einmal nehmend die kurze Treppe hinauf zum Achterdeck. Erst jetzt waren ihm seine Passagiere wieder in den Sinn gekommen.
Vor dem Türrahmen blieb er wie angewurzelt stehen. Sein Blick war starr geradeaus gerichtet. Die verglaste Heckwand fehlte. Auch die Zierbalustrade war fort. Nur langsam senkte er den Blick. In der Heckkabine stand knöchelhoch das Wasser. Nur an den Außenwänden der einzelnen Kajüten, die in den Raum hineinragte, hatten sich einige Stühle, Bücher und Navigationsinstrumente gesammelt. Der Großteil des Mobiliars, einschließlich des schweren Eichentisches, fehlte.
'Das darf doch nicht wahr sein!'
Plötzlich blieb sein Blick an der linken Wand der Kajüte haften und seine Augen weiteten sich.
Dr. Steward lag bewusstlos zwischen mehreren Stühlen und losem Holz.
'Verdammt!'
Wilde rief drei Männer zu sich, bevor er über die verkeilte Tür in die Achterkabine stieg und den Arzt vorsichtig befreite.
Er war sehr blass; Blut lief ihm, von einer Verletzung über seinem Haaransatz, über das Gesicht.
Im ersten Moment hielt der junge Kapitän ihn für tot, aber dann sah er, wie sich Dr. Stewards Brustkorb leicht hob und senkte.
„Bringt ihn vorsichtig in seine Kabine“, befahl Wilde mit heiserer Stimme.
Erst als sich die Männer daran machten, den verletzten Arzt vorsichtig anzuheben, dachte Wilde an Gwyneth.
Mit ungewohntem Unbehagen, sah er sich suchend um. Doch das Mädchen war nirgends zu entdecken. Er stieg über die Stühle bis vor die Tür zu ihrer Kabine. Energisch klopfte er gegen die Tür.
"Miss Steward?", fragte er, bevor er die Tür zu öffnen versuchte. Als sie nicht nachgab, stemmte er sich gegen das raue Holz. Langsam öffnete sich die Tür einen Spalt breit. Die Kabine war verwüstet, doch von dem Mädchen war nichts zu sehen.
Langsam trat Wilde wieder hinaus aufs Achterdeck.
Einige leicht verletzte Männer- unter ihnen Larsen und Moody- hievten gerade den umgefallenen Mast von ihren Kameraden, um denen zu helfen, denen man noch helfen konnte.
Nach einem letzten prüfenden Blick über Deck, rief Wilde schließlich Moody zu sich, der das Unterdeck nach dem Mädchen absuchen sollte.
Wilde beaufsichtigte die weiteren Maßnahmen, bis der Matrose neben ihm salutierte. „Sir, keine Spur von der kleinen Miss. Sie is' wie vom Erdboden verschluckt!“
Der Kapitän nickte knapp und schloss seufzend die Augen.
'Gott sei ihrer Seele gnädig…'
Mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust trat Wilde wieder in die Heckkabine.
Während der Lärm der Mannschaft immer leiser wurde und schließlich nur noch das Rauschen des Wasser, durch das er schritt, zu hören war, überlegte Wilde fieberhaft, wie er dem Arzt gegenübertreten sollte.
Vor der Tür der Kajüte atmete er noch einmal tief durch und nahm Haltung an. Dann öffnete er langsam die Tür.
Auch seine Kabine war verwüstet. Glasscherben lagen auf dem Boden, der Tisch und die beiden Stühle waren umgefallen. Die Bücher waren aufgeschwemmt. Auch in diesem Raum stand das Wasser.
Dr. Steward lag im Bett. Man hatte sich bereits um seine Verletzungen gekümmert.
Der Arzt drehte seinen Kopf und stöhnte. Wilde beugte sich zu ihm nach unten, wandte sich aber schon nach einem kurzen Moment wieder seufzend ab.
'Wie soll ich ihm sagen, dass das Mädchen weg ist. Gott steh mir bei!'
Langsam öffnete Steward die Augen. Er sah sich verwirrt um. Seine Augen blieben schließlich an Wilde haften.
„Wo…Wo ist Gwyn!“, ächzte er, das Gesicht schmerzverzerrt.
Der Kapitän fühlte sich, als hätte man ihm einen Schlag in die Magengrube versetzt. Er schluckte trocken; sein Blick war starr auf den Boden gerichtet.
„Nun…Sir…es ist…“, begann Wilde unschlüssig und widerstand nur mit Mühe dem Wunsch, die Kabine fluchtartig zu verlassen.
„Wo ist meine Nichte?“, fragte Steward, immer noch heiser, aber mit deutlich mehr Nachdruck in der Stimme.
„Nun, Sir…“, Wilde suchte fieberhaft nach den richtigen Worten.
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