Carolin sitzt wie versteinert in dem Autositz und starrt auf das Garagentor.
„So, alles klar?“, raune ich und lasse den Motor ausgehen. Es bereitet mir eine gewisse Genugtuung, sie dermaßen vorzuführen. Und sie hatte gedacht ich bekomme nie heraus, wo sie ihr neues Domizil aufgeschlagen hat.
„Woher weißt du, wo ich wohne?“, fragt sie so leise, dass ich sie fast gar nicht verstehe.
„Von Tim! Was meinst du denn? Du hast dich letzte Nacht wer weiß wie heftig abgeschossen, bist beinahe bei wer weiß wem gelandet und warst den ganzen Tag kaum in der Lage zu irgendwas. Ich habe Tim angerufen und mir erklären lassen, wo ich dich in deinem maroden Zustand hinbringen soll. Er hatte die Wahl zwischen Marcels Wohnung oder seiner. Er hat sich dafür entschieden, dass ich dich zu seiner bringen soll“, erkläre ich ihr mürrisch.
„Das war mein Panikraum“, jammert sie betroffen.
Ihre Worte gehen mir durch und durch. Wie kann sie glauben, so etwas zu brauchen?
„Den du nicht brauchst. Zumindest nicht wegen mir. Also reg dich ab“, brumme ich aufgebracht und erneut schnürt mir die Wut die Luft ab. Was geht in dem Mädchen plötzlich vor sich, dass sie mich so als Feind sieht und warum regt mich das so auf?
„Tut mir leid“, sagt sie leise und krallt sich an ihrer Tasche fest, als wäre das ihr Rettungsboot.
Die ganze Situation, ihre traurige Gestalt in dem großen Auto und ihre gehauchten Worte lassen mich nicht kalt. Und das sie meint, einen Panikraum für sich erschaffen zu müssen, erst recht nicht.
„Was tut dir leid?“, frage ich und meine Stimme hat schnell alle Wut verloren. Alles drängt mich danach, sie in die Arme zu ziehen und vor der Welt zu beschützen.
„Alles!“, seufzt sie auf. „Das ich so viel getrunken habe, dass ich euch so viel Stress mache, dass mein Leben so drunter und drüber ist und ihr das alles mitbekommt.“
Ich sehe sie fassungslos an. „Genau das muss dir nicht leidtun“, murre ich aufgebracht. Warum macht sie sich darum Sorgen? Es gibt ganz andere Sachen, die ihr zu denken geben sollten und es schmerzt mich, dass sie das nicht tut.
„Aber dass du dir eine männerfreie Zone schaffst, um gleich mit dem Erstbesten wieder loszuziehen, und dass du deinen Freunden nicht sagen wolltest, wo du wohnst und uns nicht einbeziehst, wenn du Probleme hast … und ich hatte dich mal um eine einzige Sache gebeten - dass du mich nicht ignorierst. Und genau das tust du. Ich verstehe dich nicht. Du machst mit deinem Typen Schluss und brichst auch gleich mit mir, warum auch immer? Und am wütendsten macht mich, dass du jedem anderen ohne weiteres deine Zeit schenkst und mit denen sogar in die Kiste springst“, fahre ich sie an und kann einfach das Tier in mir nicht mehr zurückhalten.
Sie sieht mich entsetzt an. „Bin ich doch gar nicht“, sagt sie und scheint es auch noch ernst zu meinen.
„Ach nein? Und was ist mit Tim? Und letzte Nacht wolltest du auch lieber mit diesem Typ mitgehen als mit Ellen. Und das wegen mir ! Damit du nicht auf mich treffen musst! Nah Danke.“ Ich kann mich nicht mehr zurückhalten. Alles bricht aus mir hervor, was mich die letzten Tage quälte.
Carolin nickt nur verstehend, greift nach dem Türöffner und steigt kurz darauf aus.
Die Dämmerung wird langsam von der aufsteigenden Nacht vertrieben. Ich sehe ihr unschlüssig hinterher.
„Tut mir leid“, sagt sie erneut und wirkt völlig niedergeschlagen. Leise drückt sie die Autotür zu und geht gebeugt wie ein Häufchen Elend um den Mustang herum. Dabei beginnt sie in ihrer Handtasche zu wühlen. Scheinbar sucht sie ihren Schlüssel.
Ich sehe sie nur an und kann das Gefühl nicht unterdrücken, dass sie beständig in mir auslöst. Ihre Hände zittern und dann fällt ihr auch noch die Tasche aus der Hand. Sie steht nur da und starrt auf den Boden.
Ich schiebe meine Tür auf und steige aus. Der Inhalt ihrer Tasche ergießt sich vor meinem Auto über das Pflaster und sie bückt sich und beginnt nach den ersten Teilen zu greifen.
„Manometer, nicht zu fassen!“, knurre ich, um sie nicht merken zu lassen, wie sehr mich ihre hilflose Art berührt.
Meine Worte machen sie wohl wütend. Sie beginnt alles in die Tasche zu pfeffern. Gerade als ich mich bücke, um ihr zu helfen, streicht sie sich fahrig über die Wangen. Ihre Hand greift nach einem Kajalstift und einem Feuerzeug und ich sehe die Feuchtigkeit auf ihrem Handrücken blitzen.
Verdammt, sie weint doch nicht etwa?
Ich will schnell ins Auto zurückkehren, den dumpfen Motor aufbrummen lassen und wegfahren. Aber ich greife nach ihrer Zigarettenschachtel, die vor meinen Füßen liegt und reiche sie ihr. Dabei versuche ich ihr ins Gesicht zu schauen, um meine Befürchtung bestätigt zu sehen. Ist sie vielleicht doch nicht so kalt? Ist das auch bei ihr alles nur Fassade?
Sie dreht den Kopf weg und steht auf. Sie schwankt leicht und schließt die Augen, was einen Sturzbach über ihre Wangen treibt.
„Hey komm, weine doch nicht“, raune ich leise und mache einen Schritt auf sie zu. Sie sieht auf und ich kann nicht anders. Ich ziehe sie in meine Arme und halte sie nur fest.
Ihre Finger krallen sich in mein T-Shirt und sie schluchzt ungehalten auf.
Ich weiß nicht, was ich tun soll. Mein Kopf sagt mir, dass ich gehen sollte. Und zwar schnell. Aber etwas in meinem Bauch will sie einfach nur für immer so festhalten. Doch mir ist klar, dass das nicht in unsere Welt passt. Nicht in ihre Männerfreie und nicht in mein Beziehungsfreie. Wir sind mittlerweile zwei Gestrandete auf einer Insel der Unmöglichkeiten.
„Geht’s wieder?“, frage ich leise und schiebe sie von mir weg.
Sie nickt und lässt ihre Hände sinken.
Uns wird gerade beiden klar, dass es auf dieser Insel keine Möglichkeit gibt zusammenzufinden. Aber es fällt mir trotzdem schwer, sie sich selbst zu überlassen und ich streiche eine Träne von ihrer Wange.
Sie sieht auf und macht einen energischen Schritt zurück, das Unmögliche auf dieser Insel mir damit klar vor Augen führend.
Ich hebe die Hände, um ihr zu signalisieren, dass ich auch nicht vorhabe, weiter zu gehen.
„Danke fürs Fahren“, sagt sie und dreht sich schnell zur Tür um.
„Das ist selbstverständlich unter Freunden “, sage ich unmissverständlich und fange ihren Blick auf.
„Ich bin auch froh, dass ich euch habe“, sagt sie leise.
„Ach ja?“ Das kann ich ihr kaum glauben.
„Ja, Ellen, Daniel und du … ihr seid Gold wert“, sagt sie etwas lauter, geht zur Tür und schließt auf. „Tschüss und danke.“ Sie sieht mich nicht mehr an und ich eile in mein Auto. Es gleicht einer Flucht. Schnell werfe ich den Motor an und setze vom Hof, während sie im Haus verschwindet. Ich muss schnell wegfahren, sonst kann ich es nicht mehr. Es fällt mir so schon unglaublich schwer.
Die ganze Autofahrt hindurch versuche ich herauszufinden, was mit mir los ist. Vielleicht machen die Drogen mich langsam völlig konfus oder ist es, weil mein Leben immer nur so unglaublich beschissen läuft? Kann es nicht einmal etwas besser werden?
Erneut kriecht diese kalte Wut in mir hoch, die mich seit einigen Tagen wieder so fest umklammert hält.
Ich fahre wieder zu Ellen und Daniel. Nach Hause will ich nicht. Wenn ich Pech habe, sind unsere Eltern schon da. Ich habe keine Lust, denen mit dieser Wut im Bauch zu begegnen. Das kann schnell böse enden.
Daniel macht mir die Tür auf und raunt: „Und, abgeliefert? Dauerte lange!“
„Ich habe sie nach Hause gebracht.“
„Das habe ich mir schon gedacht und ist auch gut so. Die war echt noch ziemlich fertig“, sagt Daniel und klingt mir viel zu mitfühlend.
Wir gehen zur Küche.
„Dann soll sie nicht so viel saufen. Ich weiß sowieso nicht, was das soll. Dass die sich nicht ein bisschen zusammenreißen kann. Die ist erst siebzehn und führt sich auf, als wäre sie schon fünfundzwanzig.“
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