In den Wochen nach diesem Kampf wurde Takeo von quälenden Fragen gepeinigt: Warum musste er seinen Freund töten? Hätte er es vermeiden können, wenn er einfach geflohen wäre? Wie viele weitere Samurai würden ihn herausfordern, die sich gegen ihn, den Unbesiegbaren, beweisen wollten? Kann er sich jemals sicher fühlen? Ist er dazu verdammt, bis an sein Lebensende kämpfen zu müssen? Immer wieder tauchten die Bilder vom Tod seines Freundes Isamu auf. Und es sollte nicht der letzte Kampf gegen einen Freund sein.
Der Kampf der Unbesiegbaren
Masaru dachte oft an die Worte Yuudais, die dieser am letzten Schulungstag zu ihnen sprach: „Der vierte Grad ist nicht der höchste, den Ihr erreichen könnt. Einer von Euch wird noch in diesem Jahr eine Entdeckung machen, die nicht nur sein Leben völlig verändert, sondern auch das der Menschen, die mit ihm in Verbindung stehen. Irgendwann in ferner Zukunft wird es sogar die ganze Welt verändern.“ „Einer von Euch“, wer war mit „einer von Euch“ gemeint? War er es oder vielleicht doch Takeo? Sollte er das dem Zufall überlassen? Nein, das konnte er nicht. Nur er selbst durfte dieser eine sein. Nur er, sonst niemand. Wie wahnsinnig steigerte sich Masaru in diesen Gedanken hinein.
Und nun entschied sich Masaru zu einem Vorhaben, das Takeo verzweifeln ließ: Er forderte seinen ehemaligen Schüler heraus. Nicht Neid war Masarus Antrieb, wie das bei Isamu der Fall war. Er war getrieben von seinem unbändigen Verlangen, der mächtigste Samurai des Landes zu sein. Macht, Ruhm und Ehre – alles andere seines Lebens ordnete er dem unter. Zwar wäre er vielleicht ohnehin derjenige, der die große Entdeckung machen würde. Er konnte aber nicht ausschließen, dass nicht er, sondern Takeo dazu berufen wäre, die von Yuudai prophezeiten Veränderungen in Gang zu bringen. Doch was würde geschehen, wenn wirklich Takeo der Auserwählte wäre? Er könnte nicht mit der Schande leben, nur Zweiter zu sein. Masaru wollte kein Risiko eingehen. Lieber würde er sterben, als mit anzusehen, wie ein anderer diese Macht ausübte, die er selbst um jeden Preis anstrebte.
So geschah das Unvermeidliche: Ein Kampf auf Leben und Tod zwischen den beiden besten Kämpfern des Landes. Diese Auseinandersetzung sollte nicht innerhalb eines Ortes stattfinden, wie die gegen Isamu. Sie würde auf einem Platz fernab von jeder Öffentlichkeit ausgetragen werden. Die Kämpfer hatten sich auf eine Lichtung geeinigt, die sich mitten im Wald am Fuße der Berge befand. Beide Samurai hatten sich zuvor das gegenseitige Versprechen gegeben, im Falle eines Sieges für eine würdige Bestattung des Unterlegenen zu sorgen.
Takeo stand in der Waldlichtung und wartete auf seinen Gegner. Je länger Takeo am vereinbarten Ort stand, desto mehr wuchs seine innere Spannung. Erinnerungen an seinen Kampf gegen Isamu stiegen in ihm hoch. Warum musste er nun ausgerechnet noch gegen Masaru kämpfen, den Einzigen, der neben ihm selbst als der Unbesiegbare galt?
Takeos Gedanken wurden unterbrochen, weil er bemerkte, dass sich etwas zwischen den Bäumen bewegte. Dann sah er seinen Gegner auf sich zukommen, auf den er schon seit über einer Stunde wartete. Masaru war von imposanter Gestalt. Auch Takeo war eine stattliche Erscheinung, doch Masarus Körpergröße überragte ihn noch um drei Fingerbreiten.
Takeo nahm einige tiefe Atemzüge und konzentrierte sich auf die bevorstehende Herausforderung. Nach einer kurzen Begrüßung gingen beide Kämpfer in Position. Die knisternde Anspannung wurde vom ersten Hieb Masarus unterbrochen, den Takeo geschickt abwehrte. Beide Schwerter waren in Kopfhöhe gekreuzt und spiegelten mit ihren glänzenden Oberflächen die hell scheinende Sonne. Masaru trat einen Schritt zurück. Sofort darauf schnellte er vor und versuchte einen Stich auf die linke Seite seines Gegners zu setzen. Aber auch diesen Angriff machte Takeo unwirksam, indem er Masarus Stoß von oben mit seinem Katana blockierte.
Gegen eine kurze Folge von Attacken hatte Takeo sich erfolgreich verteidigt. Nun ging er seinerseits zum Angriff über. Doch auch Masaru leistete hervorragende Abwehrarbeit. Beide Kämpfer schienen die versuchten Hiebe des Gegners vorauszuahnen und wählten immer genau die passenden Gegenmaßnahmen. Nachdem der Kampf auf diese Weise gut zehn Minuten lang hin und her ging, erhöhten beide das Tempo und die Schlagkraft. Es entstand ein wahrer Wirbel aus Schwertschlägen. Die gegenseitigen Angriffe wechselten zwischen kraftvollen Hieben und blitzschnellen kurzen Stößen ab. Keinem der beiden gelang es, seinen Gegner zu treffen oder diesen in eine unterlegene Position zu drängen. Alle Bewegungen waren von kraftvoller Ästhetik gezeichnet und enthielten dennoch eine pfeilschnelle Leichtigkeit. Und ausgerechnet solch einem Kampf wohnten keine Zuschauer bei. Niemand konnte Anteil nehmen an einem Ereignis, das es noch nie in dieser Form gegeben hat und auch in Zukunft vielleicht nie mehr geben wird. Dieser Kampf sollte nur demjenigen in Erinnerung bleiben, der ihn überleben würde. Doch keiner der beiden Samurai dachte in diesem Augenblick daran, anderen Menschen später einen „Beweis“ für diese Begebenheit geben zu können.
Nachdem Takeo und Masaru bereits über 20 Minuten gekämpft hatten, spürten sie eine starke Erschöpfung. Nun war es wichtig, mit den Kräften zu haushalten. Beide Samurai stellten sich darauf ein, die außerordentlich hohe Belastung auch noch über eine längere Zeit durchstehen zu können. Deshalb nahmen sie das Tempo ein wenig heraus. Beide verteidigten weiter hochkonzentriert und suchten immer wieder nach Möglichkeiten, ihren Gegner mit einem schnellen Konterangriff zu überraschen und zu überwältigen. Doch was sie auch versuchten, der andere wehrte alle Angriffe erfolgreich ab.
Masaru setzte wiederholt Schläge in Schulterhöhe an und zog dabei sein Katana von rechts oben schräg hinunter nach links. Einige dieser Schläge wehrte Takeo so ab, dass sich die Klingen beider Kämpfer kreuzten. Dann jedoch reagierte er überraschenderweise völlig anders: Mit voller Wucht schlug er mit seinem Katana gegen Masarus Schwert und drehte sich anschließend blitzschnell mit seinem gesamten Körper um die eigene Achse. Dadurch veränderte sich seine Position. Takeo stand nun frontal zu Masarus linker Schulter. Mit einem kräftigen Hieb zielte er auf Masarus Rücken. Doch dieser wich dem Schlag mit einer dreiviertel Drehung aus. Takeo setzte mit weiteren schweren Schlägen nach. Fing Masaru nun an zu wanken? Es hatte kurzzeitig den Anschein. Doch dann musste Takeo sich selbst einigen Attacken erwehren, die ihn vom Gegenteil überzeugten. Er hatte nun keine Idee mehr, wie er Masaru überraschen konnte. Schließlich hatte er hier seinen Lehrmeister vor sich, der ihm alle Künste des Schwertkampfes beigebracht hatte. Während unzähliger Lehrstunden hatten die beiden sämtliche Manöver immer und immer wieder geübt. Takeo war ein wahrer Meister im Schwertkampf. Jedem Gegner war er überlegen – jedem, außer Masaru.
Nun dauerte der Kampf schon über eine Stunde und niemandem war es bisher gelungen, auch nur einen einzigen Treffer zu landen. Die Kräfte der beiden Samurai schwanden zusehends und das Tempo verlangsamte sich immer mehr. Takeo dachte, während er kämpfte, darüber nach, worin überhaupt der Sinn dieser Auseinandersetzung liegen sollte: Zwei Samurai, die offensichtlich die besten Kämpfer des gesamten Landes sind, bemühten sich darum, den anderen zu töten. Beide waren absolut gleich stark und keiner konnte irgendeinen Vorteil erzielen. Sollte der Kampf solange weitergehen, bis bei einem die Kräfte und die Konzentration so weit nachließen, dass er einen verhängnisvollen Fehler machte? Und wenn das passierte, was sollte das beweisen? Warum in aller Welt sollte überhaupt einer der beiden sterben?
Mitten in diesen Gedanken bemerkte Takeo eine Veränderung in Masarus Gesichtszügen. Wollte dieser ihm etwas mitteilen, ohne dabei zu sprechen? Plötzlich hatte Takeo das Gefühl, Masaru verstanden zu haben. Laut rief er: „Halt ein!“ Beide Samurai hörten sofort auf zu kämpfen. Takeo blickte Masaru in die Augen. Dann fragte er etwas zögernd: „Was geschieht hier gerade?“ Masaru entgegnete ihm mit halblauter Stimme: „Lass uns die Waffen niederlegen und miteinander reden.“ Takeo zeigte sich mit diesem Vorschlag einverstanden und steckte sein Katana in seinen Gürtel.
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