Neben unzähligen Unterlagen aus diversen Studien, waren zwei Ordner besonders interessant für ihn.
Der Erste enthielt einige Briefe. Maria war sehr unvorsichtig, denn sie hatte ihre Droh- und Erpressungsbriefe an einen Professor abgespeichert. Schnell war klar, dass sie ihren guten Studienabschluss weniger ihrer Lernbereitschaft zu verdanken hatte, sondern ihrem Körpereinsatz.
Im zweiten Ordner befanden sich dementsprechende Bilder. Vierzig Stück, alle von einem Urlaub am Meer. Zuerst waren es ganz harmlose Fotos, bei denen Maria vor einem Brunnen und in der Hotelanlage stand. Dann gab es aber auch Bikinibilder und sehr intime Schnappschüsse, bei denen sie alles zeigte.
»Dein Vater und Du, ihr werdet uns noch kennenlernen«, murmelte er mit einem verschwörerischen Grinsen.
Das Flugzeug hatte gerade erst die Motoren abgeschaltet, als die ersten Passagiere aus ihren Sitzen hochsprangen.
»Meine Damen und Herren, im Namen von Air Berlin heiße ich sie herzlich willkommen auf Kreta. Bitte bleiben Sie noch so lange sitzen, bis das Anschnallzeichen über Ihnen erloschen ist. Die Ortszeit ist neun Uhr zehn und es erwartet Sie ein sonniger, wolkenloser Tag. Aktuell haben wir 28 Grad, als Tageshöchstwerte werden über 35 Grad vorhergesagt. Vielen Dank, dass Sie mit uns geflogen sind, im Namen der gesamten Crew wünsche ich Ihnen einen schönen Aufenthalt auf Kreta.«
Nur wenige lauschten der Ansage des Piloten.
In einer der hinteren Reihen saß Ryan am Fenster und blickte auf das etwas entfernte Flughafengebäude.
Ihr habt es alle so eilig, dachte er mit einem Lächeln auf den Lippen. Vermutlich würden die meisten Personen eine oder zwei Wochen auf der Insel bleiben, da zählte jede Minute. Ryans Rückflug war noch nicht gebucht. Sein Chef rechnete mit vier Wochen, bei Bedarf könnte er aber auch länger bleiben.
Ryan war auch beruflich mit Griechenland verbunden, er arbeitete als Chauffeur des griechischen Botschafters in Wien. Der Botschafter schätzte ihn sehr, weshalb er auch großes Vertrauen in ihn setzte. Denn der Grund seiner Reise nach Kreta war nicht, um sich zu erholen. Dieses Mal ging es um ein sehr persönliches Anliegen.
Er strich sich mit beiden Händen durch seine kurz geschorenen dunkelblonden Haare und schnappte sich seinen Schnellhefter, dessen Inhalt er inzwischen auswendig konnte.
Die Türen wurden geöffnet und die Fluggäste drängten ins Freie.
Als einer der Letzten, stand Ryan auf der Gangway zum bereitstehenden Bus. Warme Luft blies ihm entgegen. Obwohl es erst kurz nach neun Uhr morgens war, brannte die Sonne schon mit voller Intensität und trieb Ryan die Schweißperlen auf die Stirn. In Wien flog er bei Regen und kühlem Wetter ab, nun schwitzte er in seiner langen Jeans, Hemd und Lederjacke. Dabei wusste er nur zu gut, wie das Wetter Mitte Juni auf Kreta war.
Die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht. Ryan blinzelte und stieg die Treppen hinab, als er neben dem Flughafenbus einen schwarzen Jeep sah, dessen hintere Scheiben verdunkelt waren. Neben der geöffneten Fahrertür stand Ryans bester und längster Freund, Tákis, in schwarzer, knielanger Hose und schwarzem Trägerleibchen.
Der groß gewachsene, muskulöse Mann war fünfunddreißig Jahre und damit ein Jahr jünger als Ryan. Mit seiner kräftigen, durchtrainierten Statur und den langen, tiefschwarzen Haaren machte er fast einen bedrohlichen Eindruck.
Tákis und Ryan kannten sich seit ungefähr dreißig Jahren. Es war damals einer der ersten Urlaube von Reinhard Kurzmann, wie Ryan dem Reisepass nach hieß. Mit seinen Eltern, die als Lehrer immer ausgedehnte Sommerferien machten, verbrachte er mehrere Wochen auf Kreta und lernten dabei Tákis' Familie kennen. Die beiden Kinder waren trotz der Sprachbarriere vom ersten Tag an unzertrennlich. Es folgten weitere regelmäßige Urlaube, Ryan lernte Griechisch, Tákis Deutsch und die Freundschaft vertiefter sich mit den Jahren. Tákis hatte Ryan inzwischen auch schon mehrmals in Wien besucht und Ryans Urlaube fanden fast ausschließlich auf Kreta statt. Als Tákis Vater vor sechs Jahren bei einem vermeintlichen Unfall ums Leben kam, war Ryan ein Monat lang auf Kreta gewesen, um seinem Freund beizustehen. Zusammen mit Tákis' jüngeren Geschwistern, eine Schwester und ein Bruder, lebte er damals bei der Familie Komotini in Melidoni. Mama Komotini sagte am Ende seines Aufenthalts etwas zu Ryan, was für ihn die größte Ehre war:
»Du bist mehr als nur ein Freund, Du bist ein Bruder von Tákis, ein Teil unserer Familie.«
Für eine Frau wie Mama Komotini, der die Familie heilig war, war das die größte Anerkennung, die sie aussprechen konnte.
Ihr letztes persönliches Treffen war schon fast ein Jahr her, als Tákis‘ Schwester Eleni in Heraklion heiratete. Bei der Hochzeit hatten Tákis und Ryan beschlossen, einen Plan auszuarbeiten, um den Mörder von Tákis‘ Vater zur Rechenschaft zu ziehen.
Ryan ging auf Tákis zu, breitete die Arme aus und strahlte ihn freudig an.
»Als Du gemeint hast, Du holst mich ab, habe ich eigentlich an die Ankunftshalle gedacht.«
»Überraschung!«, meinte Tákis ebenso erfreut mit tiefer Stimme und umarmte ihn fest.
»Eleni hat möglich gemacht und die Wagen ist geliehen von dem Hotelbesitzer, wo Du wohnst, mein Bruder«, fuhr Tákis fort. Ryan genoss es, ihn Deutsch sprechen zu hören, vor allem, wegen seiner kleinen Fehler. Er wusste aber, dass Tákis‘ Deutsch bei Weitem besser war, als sein Griechisch.
Neben Tákis tauchte eine weitere Person auf, die Ryan ebenfalls bestens bekannt war.
Es war Despina, die Freundin von Tákis. Die leicht mollige Frau war um einen Kopf kleiner als Tákis. Die schulterlangen, dunkelbraunen Locken trug sie offen, das dunkelblaue Top wirkte zu klein für ihre großen Brüste. Ihre Sommersprossen im Gesicht waren aufgrund ihres dunkleren Teints fast nicht zu sehen. Auch sie grinste Ryan erfreut an.
»Willkommen auf Kreta!« Sie schnappte sich Ryan und zog seinen Kopf zu sich um ihn auf beide Wangen zu küssen.
»Hallo, mein wilder Lockenkopf. Es ist so schön, wieder hier zu sein.«
Despina machte einen Schritt zurück und betrachtete die beiden Männer.
»Ich glaube, Bärte sind wohl im Moment sehr angesagt, oder?«, meinte sie ironisch.
Ryan strich über seinen dunkelblonden Dreitagesbart, den er regelmäßig und sorgfältig stutzte. Tákis‘ schwarzer Bart war ebenfalls recht kurz, er trug ihn nur um die Mundpartie und am Kinn.
»Wir sind Männer und Männer tragen Bart«, stellte Tákis fest, »Auch wenn es Dich manchmal stört, mein geliebter Engel.«
»Du würdest genauso denken, wenn es jedes Mal kratzt, wenn …«, Despina sprach nicht weiter, grinste ihren Freund aber vielsagend an.
»Danke, mehr intime Details muss ich im Moment nicht wissen«, unterbrach Ryan das Liebespaar. Dabei wusste er sogar bestens Bescheid, zwischen ihm und Tákis gab es nichts, was sie noch nicht besprochen hätten.
»Lasst uns einsteigen, wir haben nur drei Tage um alles durchzuplanen«, erinnerte Tákis und öffnete Ryan die hintere Tür.
»Und meine Koffer?«, fragte Ryan nach.
»Mein kleiner Bruder Nikos holt sie und wird sie in Hotel bringen. Du hast doch verwendet die Koffer-bänder von mir?«
»Ja, Tákis, habe ich, auf beide Koffer.«
»Dann auf nach Bali.«
Tákis lenkte den Wagen über die Küstenstraße, Despina und Ryan saßen auf der Rückbank und plauderten. Despinas Eltern hatten einen Supermarkt und ein Geschäft mit kretischen Spezialitäten in der kleinen Ortschaft Bali, in denen sie mithalf. Die 29-jährige Frau wohnte zusammen mit Tákis über dem Geschäft in einer kleinen Wohnung.
»Sag mal, Ryan, jetzt kenne ich Dich schon seit fünf oder mehr Jahren, aber nie höre ich etwas von einer Freundin.«
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