Das Grollen verstummte und ehe Valea sich’s versah, hatte der Hund seine Pfoten auf ihre Schultern gestellt.
Von dem plötzlichen Gewicht überrascht kippte sie nach hinten gegen das Treppengeländer. Kichernd wehrte sie den Hund ab, der spielerisch nach ihrem Arm schnappte.
„Cato, benimm dich!“, kam ein barscher Befehl.
Frau und Hund blickten wie ertappt auf.
Vor ihnen stand ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann, etwa Ende Dreißig, der streng auf den Hund sah. Dieser zog sofort den Schwanz ein und machte ein paar Schritte rückwärts.
Der Mann hielt Valea die Hand hin.
„Ich hoffe, er hat Sie nicht allzu sehr belästigt.“
Valea erhob sich mit seiner Hilfe.
„Oh nein, ganz und gar nicht. Er ist wirklich ein netter Kerl.“
„Finden sie?“ Er warf dem Hund einen belustigten Blick zu. „Normalerweise ist er der Schrecken der Gäste. Er sollte gar nicht hier herumlaufen. – Sie sind zum ersten Mal hier, Miss …?“
„Noack“, half Valea. „Valea Noack. Jawohl, bin ich, und ich bin auch kein Mitglied.“
Er betrachtete sie ausgiebig.
„Und wie haben sie Lex überredet, sie hereinzulassen?“
„Sie meinen diesen reizenden Türsteher? Ich habe ihm erzählt, dass ich dringend meine Freundin suche.“
„Soso, und das hat er ihnen geglaubt?“
Valea blitzte ihn empört an.
„Natürlich, schließlich ist das ja auch die Wahrheit. – Wer sind sie eigentlich? Der Club-Detektiv?“
Der Mann lachte leise.
„Nein, ich bin Raz Gor.“
„Oh.“ Valea war peinlich berührt. „Jasmin hat mir von Ihnen erzählt. Sie sind der Besitzer dieses Etablissements, nicht wahr? Tut mir leid.“
Raz Gor nickte und Valea hätte schwören können, dass es in seinen blauen Augen spöttisch blitzte. Nachdem sie sich von ihrer ersten Überraschung erholt hatte, betrachtete sie ihn etwas genauer.
Raz Gor war etwa einen Kopf größer als sie und sah zweifellos sehr gut aus. Seine braunen Haare waren kurzgeschnitten und wirkten gepflegt. Genauso wie sein gesamtes Äußeres. Überhaupt strahlte seine ganze Haltung Selbstbewusstsein und Autorität aus.
Valea war sich überhaupt nicht sicher, ob sie ihn sympathisch fand oder eher beängstigend.
„Nun, Miss Noack, ich will Sie nicht von ihrer dringenden Suche abhalten. Wenn Sie ihre Freundin gefunden haben, lade ich Sie gerne noch zu einem Glas ein.“
Valea zögerte.
„Das ist ja sehr nett von Ihnen, aber ich schätze, ich verschwinde lieber so schnell wie möglich von hier, sonst werde ich noch von Ihrem Türsteher gesteinigt.“
Raz Gor lachte wieder leise.
„Ich denke, er wird darüber hinwegsehen, wenn ich ihn darum bitte.“
Valea errötete leicht.
„Äh, ... natürlich. Ja also, dann … bis später.“
Etwas hastig zog sie sich von Raz Gor zurück. Innerlich schalt sie sich wütend. Wie konnte sie sich nur so dumm benehmen, beinahe wie ein Schulmädchen. So etwas war ihr schon jahrelang nicht mehr passiert, dafür war sie viel zu selbstbewusst. Aber irgendetwas an diesem Mann verunsichert sie. Kurz blitzte Roman Rothensteins Gesicht vor ihr auf. War es diese überhebliche Selbstsicherheit, die sie von ihm kannte?
Sie schüttelte das unwohle Gefühl ab, und durchstreifte den Raum, um nach Jasmin Ausschau zu halten.
Aber diese war nirgends zu sehen.
Schließlich betrat sie die Nebenräume.
Waren in dem großen Raum allenfalls schmusende Pärchen und trinkende Singles zu finden, so ging es in den anderen Räumen schon härter zu Sache.
Unangenehm berührt beobachtete Valea die mehr oder weniger bekleideten Gäste, die teilweise recht hemmungslos miteinander umgingen. Es war viel nacktes Fleisch zu sehen und die Geräusche, die an Valeas Ohren drangen, ließen sie ihre Schritte beschleunigen. Sie war nicht prüde, doch eine solch ungezügelte Sexualität war nicht ihr Ding.
Erst nach einiger Zeit merkte sie, dass sie nicht alleine war.
Cato, der riesige Hund, klebte ihr dicht an den Fersen.
Valea seufzte und hockte sich vor ihm nieder.
„Na, mein Freund? Spielst du Leibwächter? Wie wäre es, wenn du mir hilfst und Jasmin suchst? Jasmin Lenz, etwa einen Meter siebzig groß, blond und ein hemmungsloses Plappermaul. Das würde mir hier eine Menge Peinlichkeit ersparen.“
Cato sah sie mit schiefgelegtem Kopf an. Dann drehte er um und trabte zu einer Tür. Dort blieb er stehen und sah sie auffordernd an.
Valea starrte zurück. Sie war sich überhaupt nicht sicher, wie sie dieses Verhalten deuten sollte.
„Teufel noch mal“, murmelte sie. „Wenn du mich wirklich zu Jasmin bringst, dann werde ich nie wieder über Lassie oder sonst welche Hundeserien schimpfen.“
Sie erhob sich und ging auf die Tür zu. Als sie diese geöffnet hatte, lag vor ihr ein langer Gang mit weiteren Türen zu beiden Seiten. Die Wände waren mit rotem Samt tapeziert, der Boden mit einem ebenso roten Teppich ausgelegt. Eine diffuse Beleuchtung erhellte den Korridor.
Cato eilte schnurstracks auf eine Tür zu und hockte sich davor.
Valea blickte erst auf die Tür und dann auf den Hund.
„Also gut“, meinte sie dann leise. „Vielleicht bin ich ja bescheuert, aber ich glaube dir einfach, okay? – Du hast nicht zufällig noch einen Vorschlag parat, was ich jetzt machen soll?“
Cato sah sie nur unverwandt an.
Valea seufzte.
„Dachte ich‘s mir doch. In der wichtigsten Phase kneifst du.“
Zaghaft klopfte sie an die Tür.
Als keine Antwort ertönte, drückte sie leise die Klinke herunter und öffnete sie.
Vorsichtig spähte sie in den Raum.
Er war relativ klein, gemütlich mit Sofa und Tisch sowie einem flauschigen Teppich eingerichtet, und wurde von einem großen Bett beherrscht.
Und auf dem Bett lag eine völlig nackte Jasmin, über ihr ein ebenso unbekleideter Mann.
Der Mann hielt die junge Frau eng umschlungen an sich gepresst und hatte sein Gesicht in ihrem Hals vergraben. Jasmin hatte die Augen geschlossen und zeigte einen völlig verzückten Gesichtsausdruck. Peinlich berührt wollte Valea sich zurückziehen, als der Mann seine Haltung änderte.
Sie hatte das Gefühl, dass ihr das Blut in den Adern stockte. Deutlich sah sie einen dünnen Blutfaden am Hals ihrer Freundin entlanglaufen. Direkt von der Stelle, an der der Mann seinen Mund an ihren Hals presste.
Bevor Valea sich fassen konnte, spürte sie kräftige Hundekiefer an ihrem Knöchel, die sie sanft, aber energisch zurückzogen.
Innerlich völlig erstarrt schloss sie leise die Tür und ließ sich mit weichen Beinen zu Boden rutschen. Dort holte sie erst einmal tief Luft.
Cato hockte direkt vor ihr und ließ sie nicht aus den Augen.
Valea starrte ihn an und versuchte ihre Gedanken zu sortieren.
Also gut. Ganz offensichtlich hatte sie da etwas sehr Ungewöhnliches gesehen. Andererseits hatte Jasmin ihr ja von ausgefallenen Sexpraktiken erzählt. Dass dabei auch gebissen wurde, war zwar neu, doch Jasmin schien es genossen zu haben.
Valea seufzte tief und sah wieder auf den Hund.
„Also gut“, meinte sie, „ich weiß noch nicht so ganz genau, was die beiden da machen, aber Jasmin scheint es dabei ja ganz gut zu gehen. Belassen wir es erstmal dabei, okay?“
Catos Antwort war ein Hecheln.
„Nichtsdestotrotz ist die Nachricht an sie dringend, darauf hat sie selbst bestanden. Also muss ich sie stören. Sprich, ich werde noch mal klopfen, aber dieses Mal lauter. Einverstanden?“
Der Hund legte sich auf den Bauch. Valea beschloss, dies als ein Ja zu deuten, und rappelte sich hoch.
Energisch klopfte sie gegen die Tür.
„Jasmin, ich bin’s, Valea. Darf ich mal stören?“
Ein erstickter Ruf war zu hören. Oder war es ein Fluch?
Es dauerte noch etwa eine Minute, dann wurde die Tür aufgerissen und der Mann stürzte heraus, bekleidet mit einer Jeans und nacktem Oberkörper.
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