Sie räumte ein paar Akten von der Couch und dem Sessel. Dann verschwand sie kurz in der Küche und kehrte mit einer Flasche Wein zurück.
„Wenn die leer ist, gehe ich schlafen“, verkündete sie freundlich.
„Dann werde ich möglichst langsam trinken“, gab er lächelnd zurück und ließ sich auf der Couch nieder.
Er machte seine Drohung wahr. Die Stunden zogen dahin und Valea bemerkte es kaum. Wieder musste sie feststellen, dass dieser Mann ein fesselnder Gesprächspartner war.
Natürlich sprachen sie zunächst über ihre Arbeit, glitten darüber in die Psychologie und landeten dann bei der Psyche von Mördern.
Valea hatte inzwischen schon mit einigen Mördern Kontakt gehabt. Und natürlich brannte noch immer das Entsetzen in ihr über den Leichenfund in den Vereinigten Staaten.
Rothenstein lauschte ihren Erzählungen über diesen Fall ohne einen Kommentar dazu abzugeben.
„Ich weiß nicht, ob man diese Menschen als Monster bezeichnen kann“, meinte Valea nachdenklich. „Manche Leute tun es, weil diese Täter sich abnorm verhalten. Aber die meisten Psychopathen sind nicht widernatürlich hässlich und nur selten missgebildet. Und darauf zielt dieser Begriff ja eigentlich ab. Sie ticken einfach nur anders.“
„Früher wurden viele Menschen als Monster bezeichnet“, erinnerte Rothenstein. „Alles, was nicht ins damalige Weltbild passte, wurde dem Reich des Bösen und der Monster zugeschrieben.“
„Sie meinen die Hexenverfolgungen?“ Valea seufzte. „Die armen Frauen. Verfolgt, gefoltert und getötet, weil die Kirche mit ihrer Berufung nicht einverstanden war.“
„War es so?“, fragte er.
Valea hob die Schultern.
„Ich habe mich nicht so intensiv damit beschäftigt. Meines Wissens wurden vor allem Hebammen und Heilerinnen verfolgt, weil sie in den Augen der Männer damit zu viel Macht und Einfluss besaßen.“
„Hm, das ist ein weit verbreiteter Irrtum“, widersprach Rothenstein. „Im Gegenteil. Die Kirche war sogar diejenige, die letztendlich gegen die Hexenverfolgungen angegangen ist. Die Inquisition im Mittelalter war erstrangig gegen Häretiker gerichtet.“
Das war Valea tatsächlich neu.
„Und wer hat die Hexen verfolgt?“
„Das gemeine Volk. Und zwar schon immer. Man könnte sagen, seit es Menschen gibt, gibt es auch die Angst vor Hexen. Die Kirche hat sich sicherlich auch beteiligt, schon allein deshalb, um die Kontrolle über das Volk nicht zu verlieren, und weil sie schon immer Angst vor dem Übernatürlichen und vor Menschen mit magischen Fähigkeiten hatte.“
„Weil solche Menschen böse sind?“
Er hob die Schultern.
„Was auch immer man hineininterpretieren will. Sie werden alles finden: Weiße Hexen, Schwarze, Graue, Junge, Alte, Männer, Frauen. Wie es gerade passte.“
„Sie meinen, dass man immer nach Sündenböcken gesucht hat. Und das waren dann Menschen mit Handicaps oder besonderen Fähigkeiten.“
Er nickte. „Darauf läuft es hinaus.“
„Hm, dann ist es ja nur gut, dass diese Verfolgungen ein Ende haben.“
„Glauben Sie?“ Er nahm einen Schluck Wein und lehnte sich zurück. „Es gibt immer noch viele Völker, die ihre Hexen haben – und natürlich ihre Monster.“
Valea lächelte. „Ja, ich weiß. Afrika war da sehr inspirierend. Die Menschen dort haben eine ausgeprägte Fantasie, was ihre Fabelwesen angeht. Dagegen sind wir Europäer ja beinahe langweilig.“
Er lachte. „Finden Sie? Was für Monster kennen Sie?“
„Keins“, lächelte Valea. „Zumindest bin ich noch keinem begegnet.“
„Die europäische Mythologie ist reich an Monstern“, behauptete Rothenstein. „Doch viele sind in Vergessenheit geraten. Welche würden Ihnen spontan einfallen?“
„Mir? Ach du je. Sie wissen, das ist wirklich nicht mein Interessengebiet. Ich bin Realistin. Außerdem haben Sie mich bei unserem letzten Gespräch bereits mit diesem Thema bombardiert. Ich bin also gespoilert. Aber gut, was fällt mir ein? Hm, Hexen würde ich spontan nicht dazu zählen. Den Teufel vermutlich, Höllenhunde, Werwesen – ich habe keine Ahnung. Doch das ist alles Aberglaube. Meine Monster sind dagegen leider sehr real. Und sie sind schlimm genug.“
Sie zeigte auf die Bilder.
„Einige der Fotos zeigen die Folgen von Tierangriffen. Doch diese beiden dort stammen von den Attacken eines Mannes, der wie ein Tier über seine Opfer hergefallen ist. Das Ergebnis ist dasselbe, doch die Motivation eine völlig andere. Für mich sind nicht Hexen oder Wölfe oder Leoparden die Monster, sondern Menschen, die sich so atypisch und zerstörerisch verhalten.“
„Hm, nehmen wir mal rein hypothetisch an, eine Hexe würde ihre Magie dazu gebrauchen, Menschen so herzurichten wie dieser menschliche Mörder. Wie würden Sie sie dann bezeichnen?“
Valea seufzte. „Rein hypothetisch – unter der unrealistischen Annahme, dass es Magie gibt –, und wenn ich davon ausgehen kann, dass Hexen sterbliche menschliche Wesen sind, die normalerweise nach unseren Regeln leben, dann wären sie wohl auch psychopathische Monster.“
Sie sah nachdenklich zu den Bildern. „Wie gut, dass es nur eine Hypothese ist. Die echten Monster sind schlimm genug.“
Er lächelte. „Was auch immer echte Monster sind.“
Sie unterhielten sich noch lange über dieses Thema und erst als er sein Glas zur Seite stellte und sagte: „Jetzt ist es doch tatsächlich so weit gekommen, dass die Flasche leer ist.“, registrierte sie, dass es schon früher Morgen war.
Sie erhoben sich zeitgleich.
„Schlafen Sie wohl, Dr. Noack“, verabschiedete er sich. „Ich freue mich bereits jetzt auf unsere nächste Unterhaltung.“
Valea schlief an diesem Tag bis weit in den Vormittag hinein und träumte zum ersten Mal in ihrem Leben von Hexen, Werwölfen und anderen Monstern. Als sie erwachte, fühlte sie sich trotzdem wohl. Das Gespräch beschäftigte sie, wie immer, noch lange. Nicht, dass sie wirklich an Mythengestalten glaubte. Doch allein die Tatsache, dass ein so gebildeter Mann wie Roman Rothenstein sich so ausgiebig mit diesem Thema beschäftigte, dass sie bereits zwei lange Diskussionen darüber geführt hatten, war bedenkenswert.
Und noch eines ließ sie immer wieder grübeln. Warum hatte sie ihm nichts von ihrer eigenen Erfahrung berichtet? Es hätte hineingepasst. Geister waren auch erwähnt worden, doch sie hatte geschwiegen. Warum? Weil sie sich selbst und ihrer Wahrnehmung nicht traute? Nein, sie wusste, dass sie Mara und Daniel gehört hatte. Doch wer würde ihr das glauben?
Roman Rothenstein? Wohl kaum. Sein Interesse an dem Thema war echt, doch ob er an solche Dinge tatsächlich glaubte, wagte sie doch stark zu bezweifeln. Zudem war sie nicht bereit, mit ihm über intime Dinge zu reden. Roman Rothenstein war ein Fremder. Ein interessanter und informativer Gesprächspartner, ja. Aber fremd.
Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr wurde ihr klar, dass sie auch in dieser Nacht nichts über ihn erfahren hatte. Irgendwie hatte er es sehr geschickt vermieden, dass das Gespräch auf ihn kam. Sie nahm sich vor, ihn beim nächsten Mal nicht so einfach davonkommen zu lassen – wann immer das auch sein würde. Möglicherweise würde es länger dauern, da sie im nächsten Monat eine Stelle in England antrat. Ob er sie dort finden würde? Sie hatte nur kurz überlegt, ihn darüber zu informieren, doch dann hatte sie es unterlassen. Sie war viel zu neugierig, ob er sie tatsächlich noch einmal besuchen wollte – und welchen Aufwand er dafür betreiben würde.
Staffordshire, England
Kein Tatort war wie der andere, doch eines hatten sie alle gemeinsam: Man fühlte das Entsetzen in der Luft liegen. Zumindest empfand es Valea jedes Mal so.
Der Friedhof des kleinen englischen Dorfes war natürlich prädestiniert dafür. Die Siedlung lag mitten in den Midlands und gehörte eindeutig zu den ärmeren Gemeinden der Grafschaft Staffordshire. Valea hatte auf der Herfahrt nur einige wenige ärmliche Cottages gesehen, die versteckt zwischen den Feldern lagen. Nur der Turm der kleinen Dorfkirche ragte deutlich sichtbar heraus und wirkte wie ein Leuchtturm als Wegweiser.
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