Jasmin Lenz war nicht nur ein fröhlicher Mensch, sondern auch ein dankbarer. Bereits zwei Tage später erschien sie abends vor Valeas Tür, bewaffnet mit einer Flasche Wein und einer riesigen Tüte Chips.
Valea, die ausnahmsweise einmal früher zu Hause war, blickte überrascht in die fröhlichen Augen.
„Ich hoffe ich störe nicht, Dr. Noack.“ Jasmin schwenkte die Weinflasche. „Aber ich wollte mich noch einmal bei Ihnen entschuldigen und mich für Ihr Verständnis bedanken.“
Valea zögerte nur einen kurzen Moment, dann öffnete sie die Tür und ließ Jasmin Lenz in ihr Leben ein.
Bereits nach kurzer Zeit stellten die Frauen fest, dass sie trotz des Altersunterschieds und trotz ihrer konträren Charaktere einen guten Draht zueinander hatten. Die Chemie stimmte und schon bald trafen sie sich regelmäßig.
Valea genoss Jasmins Fröhlichkeit und wurde ihrerseits für diese ein Ruhepol in ihrem quirligen Leben. Die junge Frau war voller Experimentierfreude und scheute sich nicht, alles auszuprobieren. Natürlich ging dabei auch einiges schief und Valea fand sich schnell in der Rolle, Jasmins Scherben einzusammeln und Trost und Rat zu spenden, wann immer es von Nöten war. Sie nahm es gerne hin, denn Jasmin brachte sie zum Lachen. Außerdem entpuppte sich ihre neue Freundin als intelligent und wissbegierig.
Forensik kam für sie nicht in Frage, darüber waren sich beide einig. Doch sie hatte keine Schwierigkeit, an einer der Kliniken in Huntsville einen Praktikumsplatz zu finden, und Valea hörte von verschiedenen Seiten, dass die junge Frau fleißig und strebsam war.
Die Besuche wurden seltener, da Jasmin Schichtdienst hatte. Doch sie sahen sich immer noch regelmäßig, und Valea befand sich in der ungewohnten Situation, ab und zu ausgehen zu müssen. Jasmin war da gnadenlos. Sie genoss gemeinsame Abende auf der Couch und vor dem Fernseher. Aber genauso gerne zog sie durch Kneipen und Discos, um dort Freunde zu treffen und zu tanzen.
Einige wenige Male ließ sich Valea dazu überreden, doch wohl fühlte sie sich dabei nicht wirklich. Sie brauchte keine Menschen um sich. Gelegentliche Besuche von Jasmin reichten ihr. Aber ihre neue Freundin war hartnäckig und nötigte sie immer wieder dazu.
Nach wenigen Monaten war klar, dass Valea sie nicht mehr missen wollte.
Jasmin war eine fröhliche kleine Klette, die Licht in ihren Alltag brachte und immer für Überraschungen gut war.
Walsend, Texas
Der Regen prasselte beständig auf das Pflaster und die gelben Straßenlaternen spiegelten sich auf dem schwarzen Bürgersteig. Die kleine Stadt Walsend vermittelte einem das Gefühl, hundert Jahre in der Vergangenheit zu leben. Sie hätte auch in Europa liegen können. Die Straßen waren schmal und wiesen uraltes Kopfsteinpflaster auf. Auch die Häuser waren alt und aus Stein gebaut. Untypisch für diese Gegend, doch sehr beliebt. Die Nähe zu Huntsville tat ihr Übriges. Wer hier wohnte, gehörte zu den Besserverdienern.
Valea starrte durch die Windschutzscheibe auf die andere Straßenseite und murmelte einen leisen Fluch.
Jetzt würde sie zum dritten Mal an diesem Tag nass werden, und das wegen eines Telefongesprächs, das noch nicht einmal für sie relevant war.
Sie seufzte und stieß schwungvoll die Wagentür auf. Dann rannte sie los.
Vor einer großen dunklen Tür hielt sie und suchte nach der Klingel. Als sie keine fand, klopfte sie energisch.
Fast sofort öffnete sich ein Schiebefenster, das sie bei der schlechten Beleuchtung übersehen hatte.
„Sie wünschen?“, fragte eine dunkle Männerstimme.
Valea räusperte sich.
„Äh, ich suche eine Freundin, die hier zu Besuch ist. Ich habe eine sehr wichtige Nachricht für sie.“
„Sind sie Mitglied?“
„Nein. Aber ehrlich, ich will mich nicht einschleichen. Die Nachricht ist wirklich dringend, und ich verspreche Ihnen, ich bleibe so kurz wie möglich.“
„Einen Moment.“
Das Schiebefenster wurde verschlossen.
Valea trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. Mittlerweile war sie völlig durchnässt. Nach endlos scheinenden Minuten wurde die Tür aufgeschlossen und sie trat erleichtert ein.
Neugierig spähte sie durch das Halbdunkel. Der Türsteher war ein hochgewachsener junger Mann, der sie skeptisch von oben bis unten betrachtete.
Valea konnte ihm das nicht übelnehmen.
Während er einen Smoking trug und wie geschniegelt aussah, steckte sie in verwaschenen Jeans und einem schmuddeligen Parka, der beständig vor sich hin tropfte. Ihr Freizeitoutfit nach getaner Arbeit.
„Tut mir leid, dass ich nicht clubgemäß angezogen bin“, meinte sie entschuldigend. „Aber heute Abend ging bei mir alles drunter und drüber.“
„Sie können ihre Jacke dort an der Garderobe abgeben. Darf ich fragen, wen sie suchen?“
„Natürlich. Jasmin Lenz. Soweit ich weiß, ist sie seit zwei Jahren ein begeistertes Mitglied.“
Valea konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken, während sie ihren Parka auszog.
„Können Sie mir einen Tipp geben, wo ich sie eventuell finden kann? Oder können Sie sie vielleicht ausrufen lassen?“
Der Türsteher schüttelte den Kopf.
„Tut mir leid, das geht nicht. Die Mitglieder sind weitgehend anonym hier, und Ausrufe würden die Intimsphäre verletzen. Ich weiß aber, dass Miss Lenz noch anwesend ist. In welchen Räumlichkeiten kann ich Ihnen aber nicht sagen.“
Valea zuckte die Schultern.
„Na, dann werde ich sie wohl suchen müssen. Ich beeil mich auch.“
„Darf ich sie noch um Ihren Führerschein bitten?“
Valea stutzte. „Warum?“
Der Türsteher setzte ein unverbindliches Lächeln auf.
„Nun, sie sind noch kein Mitglied, und deshalb muss ich darauf bestehen. Sobald Sie uns wieder verlassen, werden Sie ihren Ausweis selbstverständlich zurückerhalten.“
Valea zog achselzuckend ihre Börse heraus und händigte das Gewünschte aus.
Dann stieg sie gespannt eine Wendeltreppe nach unten.
Jasmin hatte ihr ja schon oft von diesem Club vorgeschwärmt. Hauptinteresse der Mitglieder war Sex, und angeblich gab es keine Tabus. Dies war eine absolut neue Welt für Dr. Valea Noack, und bisher hatte sie auch noch nie den Wunsch verspürt, dieses Milieu kennenzulernen. Doch an diesem Abend musste sie sich wohl oder übel dazu entschließen. Es ging immerhin um Jasmins Zukunft und ihre Freundin hatte ihr das Versprechen abgerungen, sie sofort zu benachrichtigen.
Als sie die Kellerräume betrat, blieb sie erst einmal verblüfft stehen.
Der Saal vor ihr war riesig und großzügig mit Stühlen, Tischen, Couchs und einer zentralen Bar ausgestattet. Alles wirkte gediegen und edel, aber nicht überladen. Nie hätte sie in einem Keller solch luxuriöse Größe vermutet. Und er schien gut besucht zu sein. An allen Tischen saßen Gäste und freizügig bekleidetes Personal. Jasmin konnte sie allerdings nirgendwo entdecken.
Als etwas gegen ihre Beine stieß, blickte sie nach unten und gewahrte einen riesigen schwarzen Hund, der interessiert an ihrer Hose schnüffelte.
Lächelnd hielt sie ihm ihre Handfläche vor die Nase.
„Hallo, mein Hübscher. Magst du meinen Geruch? Das wundert mich wirklich. Ich stinke bestimmt fürchterlich nach Chemikalien, Blut und Leichen.“
Der Hund schaute auf und ihr direkt in die Augen.
Verblüfft registrierte sie, dass diese von einem tiefen Blau waren.
„Na so was“, lächelte sie. „Ein blauäugiger, schwarzer Riesenhund. Das gefällt mir.“
Sie hockte sich nieder, so dass sie mit dem riesigen Hundekopf auf einer Höhe war und kraulte den haarigen Hals.
Der Hund legte den Kopf etwas zur Seite und blinzelte sie an. Ein zufriedenes Grollen drang aus seiner Kehle.
Valea lachte.
„Du lässt dich wohl gerne verwöhnen, was? Aber ein so hübscher Kerl wie du findet da bestimmt immer jemanden, der dazu bereit ist.“
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