Freies Land, ohne Sicht auf Mauern und Menschen.
Europa hatte seine schönen Seiten und auch wilde Landschaften. Doch alles war klein und eng. Das hatte sie zum ersten Mal gespürt, als sie aus Afrika zurückgekehrt war, doch sie hatte diesem Gefühl damals keine Bedeutung zugemessen. Ihre neue Berufung stand zu der Zeit im Vordergrund und forderte sie ganz und gar.
Inzwischen waren jedoch acht Jahre vergangen. Acht Jahre, in denen sie sich zielstrebig und erfolgreich einen guten Ruf in der forensischen Fachwelt erarbeitet hatte. Sie hatte nicht vor, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen, doch ihr Blick wurde weiter und berührte inzwischen auch andere Dinge außerhalb ihrer Arbeitswelt.
Mugai Ryū brachte ihr die Ruhe und Gelassenheit, doch ihr Körper verlangte nach mehr Bewegung. Nach Luft und freier Sicht. Ihre kurze Reise durch die weiten Landschaften Amerikas hatten eine Sehnsucht in ihr berührt, die sie nach Afrika tief vergraben hatte, und die sich jetzt langsam wieder in ihr Bewusstsein drängte.
Das Angebot aus Huntsville kam dieser Sehnsucht daher entgegen.
Letztendlich war es die Neugierde und die Lust auf eine neue Herausforderung gewesen, die sie hatte zustimmen lassen, den Lehrstuhl anzunehmen. Zu ihrer Überraschung war man ausnahmslos auf alle ihre Bedingungen eingegangen.
Sie durfte lehren, sie durfte Fälle übernehmen, sich weiterbilden (was natürlich sowieso erwartet wurde), aber vor allem durfte sie über ihre Zeit frei verfügen. Anscheinend hegte niemand daran Zweifel, dass sie dieses Privileg nicht zu ihrem Vorteil ausnützen würde. Und das hatte sie natürlich auch nicht vor. Die Bezahlung war mehr als gut, und ihr war klar, dass so manche ihrer Kollegen vor Neid erblassen würden, wenn sie wüssten wie gut.
Doch das war nebensächlich. Wichtig war ihre Arbeit.
Sie betrachtete die Landschaft unter sich und lächelte zufrieden.
In ihr lag ein gutes Gefühl. Sie war sich sicher, richtig entschieden zu haben.
Huntsville, Texas
Nie hätte Dr. Valea Noack vermutet, dass sie einmal eine Freundin haben würde.
Natürlich besaß sie Freunde. Bekannte, um es besser zu formulieren. Menschen, mit denen sie sich gut verstand, die sie mochte und von denen sie gemocht wurde.
Doch der einzige Mensch, dem sie sich voll und ganz anvertraut hatte, dem sie auch Peinlichkeiten, Ängste und Wünsche offenbarte, war Daniel gewesen. Ihr Held. Ihr Seelenverwandter.
Jasmin Lenz fiel sehr überraschend in Dr. Noacks Leben. Und sie tat es auf bizarre Weise, die normalerweise nicht darauf ausgelegt war, Freundschaften zu fördern.
Jasmin Lenz kotzte Dr. Valea Noack in den Schoß.
Die Ursache: Ein aufgeschnittener Leichnam, der sich bereits seit einer Woche in Verwesung befand.
Valea hatte die junge Frau schon länger im Blick, da ihre Gesichtsfarbe während der Autopsie nach und nach eine ungesunde Schattierung annahm. Sie gehörte zu einer Gruppe Studenten, die Einblick in die Welt der Forensik nehmen wollten. Alle hatten bereits Anatomiekurse hinter sich und selbst an Leichen herumgeschnitten. Doch verweste Leichen waren eine Klasse für sich. Es gehörte manchmal sehr viel Selbstbeherrschung dazu, den Anblick, aber vor allem auch die Gerüche zu ertragen. Und überraschend viele angehende Ärzte stellten fest, dass dieser Berufszweig ihre Sinne überforderte.
Jasmin Lenz gehörte eindeutig dazu.
Die junge Frau war hübsch, groß und schlank und entsprach mit ihren langen blonden Haaren, die sie natürlich unter einem weißen Haarnetz verborgen hatte, ganz dem amerikanischen Cheerleader-Image. Dazu kam ihre Neigung, unentwegt zu plappern. Zumindest am Anfang der Demonstration. Ihr Redefluss versiegte auffallend schnell, und dann setzte besagte Gesichtsverfärbung ein.
Valea konnte genau sehen, wann die Studentin aufgab und die Augen verdrehte. Ihr Ruf ließ alle anderen zusammenfahren.
„Gary, Achtung, Zweite von links.“
Ihr Assistent hatte die Situation bereits erfasst und war schon im Sprung, als Jasmin Lenz mit einem japsenden Laut in die Knie ging. Er fing sie gerade noch rechtzeitig auf und ließ sie vorsichtig auf den Boden gleiten.
Valea seufzte und sah zu, wie er die junge Frau kurz checkte und dann auf die Arme nahm, um sie hinaus zu tragen.
Kichern wurde laut und Valea räusperte sich.
„Verkneifen Sie sich bitte ihre Schadenfreude und konzentrieren Sie sich. Sensible Nasen sind keine Schwäche, sondern können durchaus von Nutzen sein!“
Ihre ruhige Stimme brachte sofort alle zum Schweigen und Valea fuhr mit ihren Erklärungen fort, bis Gary wieder auftauchte. Die Übergabe erfolgte einvernehmlich.
Valea unterdrückte ein zufriedenes Lächeln. Gary Lee war ein ausgesprochen zuverlässiger Assistent und sie hatten sich auf Anhieb verstanden. So ein Glück hatte sie auf ihren bisherigen Arbeitsplätzen nur selten gehabt. Wäre Jasmin ein Mann gewesen, so hätte Valea Gary die Betreuung überlassen, doch bei Frauen war sie gefragt.
Also marschierte sie in den Nebenraum und hockte sich auf einem Stuhl neben Jasmin, die in stabiler Seitenlage auf einer Liege lag, gerade als diese die Augen aufschlug und sich im hohen Bogen übergab. Das Ergebnis landete auf Valeas Schoß und ließ diese irritiert blinzeln. Das war ihr noch nie passiert. Dann sah sie in die erschrockenen hellblauen Augen der jungen Frau und konnte ein schräges Grinsen nicht unterdrücken.
„Spaghetti wäre nicht meine erste Wahl“, meinte sie dann trocken. „Aber ich bin froh, dass es nichts mit Fisch war.“
Jasmin Lenz schlug sich erschrocken die Hände auf den Mund.
„Oh mein Gott, wie peinlich“, piepste sie und ihre wächserne Blässe wich einem Scharlachrot.
„Bleiben Sie liegen“, lächelte Valea. „Es gibt Schlimmeres als das. Und wie Sie ja sehen, trage ich einen Schutzanzug. Allerdings werden Sie jetzt kurz warten müssen, bis ich Ihnen etwas zu trinken geben kann.“
Entschlossen entledigte sie sich ihres Schutzoveralls, den sie prinzipiell bei ihren Autopsien trug und packte ihn in eine Plastiktüte. Dann organisierte sie ein großes Glas Wasser und reichte es Jasmin, die es sofort dankbar an die Lippen setzte.
„Geht es jetzt besser?“
„Ja, vielen Dank, Dr. Noack.“
„Dann helfe ich Ihnen mal auf.“
Kurz darauf saß Jasmin auf der Liege und betrachtete Valea mit einem verlegenen Lächeln, aber auch deutlicher Neugier in den Augen.
„Sie sind echt cool, Dr. Noack. Stimmt es, dass Sie aus Deutschland kommen?“
Valea nickte. „Ja, ich bin noch nicht lange hier. Erst wenige Monate.“
„Oh, dann kennen Sie wahrscheinlich noch nicht viele Leute. Wo wohnen Sie denn?“
Valea überlegte, ob sie sich über so viel Neugierde ärgern sollte, doch Jasmin Lenz trug ein entwaffnendes Lächeln im Gesicht und versprühte eine Lebensfreude, die ihr sehr gefiel.
„Ich wohne einige Meilen von hier entfernt auf dem ehemaligen Cummings-Anwesen. Und nein, viele Bekannte habe ich noch nicht“, gab sie zu. „Aber sehr nette Arbeitskollegen.“
„Das ist doch nicht dasselbe“, grinste Jasmin. „Es geht dabei um quatschen, ausgehen und Spaß haben.“
Valea musste lachen.
„Mag sein, Miss Lenz, aber noch fehlt es mir nicht. – Mögen sie aufstehen? Die Autopsie ist noch nicht vorbei.“
Die junge Frau verzog das Gesicht.
„Oh je. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das etwas für mich ist. Ich fand ja schon normale Leichen grenzwertig.“
„Man kann sich daran gewöhnen“, lächelte Valea. „Aber dafür muss man es erst einmal aushalten. – Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“
Sie half der Studentin auf die Beine und führte sie wieder in den Autopsieraum.
Jasmin Lenz wirkte nicht glücklich, aber sie hielt durch und ertrug die Witzeleien ihrer Kommilitonen überraschend heiter. Nichts schien ihre Fröhlichkeit zu erschüttern und Valea freute sich darüber. Lebensfrohe Menschen gab es viel zu selten.
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