Katherina Ushachov - Zarin Saltan

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Ein begehrter Junggeselle – drei Konkurrentinnen – Ein magisches Eichhörnchen //
Als die Slawistikstudentin Anna von ihren besten Freundinnen heimlich bei einer russischen Datingshow angemeldet wird, ahnt sie nicht, dass sie dort dem Kaviarzar Viktor begegnet. Ganz überraschend wählt er sie aus und Anna ist damit nur einen Schritt entfernt von einem Leben wie im Märchen. Doch Neid und Missgunst lassen den Traum bald zum Albtraum werden und sie braucht jede Hilfe, die sie bekommen kann. Selbst wenn diese magisch ist und die Helfer merkwürdig anmuten. //
"Zar Saltan" in neuem Gewand – im 8. Band der Märchenspinnerei erzählt Katherina Ushachov die altbekannte Geschichte von Feindschaft, Eifersucht und Oberflächlichkeiten in einem modernen Setting neu und lässt dabei jene Figur zu Wort kommen, die im Original untergeht: die Zarin.

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Trotzdem brachte sie kein Wort heraus, nur undeutliches Gestammel.

Weil er dort saß.

Der sie so merkwürdig angesehen hatte und dabei stockbesoffen gewesen sein musste.

Alles in Anna schrie danach, ihm zu misstrauen. Sie hatte ihn bei vermutlich recht halbseidenen Geschäften beobachtet. Und dazu hatte er getrunken. Reichen Männern, Businesstypen, sollte man sowieso nicht trauen. Sie alle suchten angeblich nach der großen Liebe und heirateten dann Dummchen mit künstlichen Titten, die sich von ihnen freiwillig aushalten ließen.

Immerhin war er nicht so viel älter als sie, zehn Jahre waren auch in ihrer Vorstellung noch im Rahmen des Vernünftigen. Sie hatte sich den Altersunterschied größer vorgestellt.

Anna zwang sich, durchzuatmen und sich zurückzulehnen. Es war nur eine Fernsehsendung. Nichts Verbindliches.

Viktors Geschichte war traurig. Natürlich. Aber im Prinzip war jede Geschichte bei »Liebling, lass uns heiraten« traurig und nicht immer wahr. Sie musste standhaft bleiben, auch wenn er aufrichtig bedrückt wirkte, als die Moderatorin seine tote Ehefrau erwähnt hatte.

Tanja war die Erste, die das Brautzimmer verlassen und sich ins Rennen begeben durfte. Sie erzählte irgendeine ihrer lustigeren Bettgeschichten und durfte sich von Moderatorin Nora anhören, dass sie im Grunde genommen eine Schlampe war. Das war nichts Neues.

Für Nora waren alle Mädchen entweder Schlampen, hatten etwas zu verbergen oder waren verklemmt. Vermutlich war es der Job der Moderatorin, Kandidatinnen niederzumachen.

Tanja schien es jedenfalls nicht zu stören.

Anna fragte sich, wie viel davon am Ende in der Sendung landen würde. Sie saßen hier den ganzen Tag, aber wenn sie es richtig im Kopf hatte, ging die Sendung nicht mal eine ganze Stunde.

»Was erwartest du dir von einer Beziehung, Tanja?« Nora lächelte süffisant.

Tanja überlegte kurz und runzelte dabei die Stirn. »Ich möchte in erster Linie Hausfrau sein und meinen Mann bekochen. Und in zweiter Linie möchte ich eine Starbäckerin auf Youtube werden, viele teure Küchengeräte gesponsert bekommen und mit meinen Rezepten die ganze Welt beglücken.«

Das Geräusch, das Nora von sich gab, klang verdächtig nach einem abfälligen Kichern, das sie jedoch mit einem Räuspern kaschierte. »Liebe Tanja, ich glaube, wir haben genug gehört. Zeig uns doch noch deine Überraschung.« Sie lächelte süßlich.

Die besagte Überraschung war natürlich typisch Tanja: Zusammen mit Viktor verzierte sie einen großen Kuchen mit buntem Zuckerguss aus dem Spritzbeutel, Streuseln und Schokoblümchen aus dem Supermarkt.

Sie hielten ihn fünf Sekunden lang stolz in die Kamera, ehe Tanja ihn fachkundig zerteilte und die Stücke auf Porzellanteller legte. Drei für die Moderatorinnen, einen für Viktor und natürlich einen für sich.

Anna seufzte. Kuchen. Wie sollte sie gegen Kuchen ankommen? Tanja gehörte zu den russischen Frauen, die noch genauso häuslich waren wie ihre Mütter und gerne stundenlang in der Küche oder am Backofen werkelten. Annas Gebiet war das nicht. Und wieso bekam sie eigentlich kein Stück ab?

Tanja grinste selbstgefällig, stolzierte lächelnd und winkend an sämtlichen Kameras vorbei und verschwand aus Annas Blickfeld.

Zeit für Nora, Violetta und Regina, über Tanjas Kompatibilität mit Viktor zu fachsimpeln. Laut Vertrag war das gleichzeitig der Moment, in dem auch Anna mit der Kamera sprechen sollte, es würde später übereinander geschnitten werden.

»Also … Tanja ist meine Studienkollegin und der Kuchen sah wirklich lecker aus.« Sie kam sich ziemlich dämlich dabei vor, aber sie wollte nicht über ihre Freundin lästern. Und außerdem konnte sie so ausblenden, dass Violetta mit quäkender Stimme erklärte, gerade Tanjas umtriebiges Leben und ihre Erfahrung im Bett würde sie zur perfekten Sexualpartnerin für Viktor machen.

Sabrina dagegen jammerte, dass sie mit fünfundzwanzig noch keine einzige erzählenswerte Geschichte hatte und noch Jungfrau sei. Und das, kaum dass sie sich auf der unbequem aussehenden Kandidatensitzbank gegenüber von Viktor niedergelassen hatte.

Nora nahm sie in die Mangel und versuchte, mehr aus ihr herauszuquetschen und sie in Widersprüche zu verstricken, aber wo es nichts zu erzählen gab, da gab es auch keine nennenswerten Widersprüche zu finden.

»Warum bist du eigentlich hierhergekommen? Was versprichst du dir von der Sendung? Der Bräutigam wirkt auf mich nicht gerade wie einer, der dir dabei helfen möchte, endlich Erfahrungen im Bett zu sammeln. Falls du in dieser Frage nicht lügst.« Sie sah Sabrina eindringlich an.

Die wurde rot. »Warum sollte ich lügen?« Ihre Stimme klang etwas schrill. »Ich möchte doch nur ein ordentliches Leben. Ein schönes, ordentliches Leben. So wie es sich gehört!«

Nora hob die Augenbraue. »Ordentlich? Aufgeräumt? Du putzt laut deinem Anmeldebogen neben dem Studium, das klingt nach einer ungesunden Fixierung auf Sauberkeit. Kindchen, eine saubere Wohnung ist nicht alles. Ich hatte mal einen Ehemann, der räumte alles pedantisch weg, aber glaubst du, er war ein guter Ehemann? Von seinem Sauberkeitswahn wurde mir irgendwann schlecht.«

Sabrina schnaubte und erzählte nichts mehr.

Bei der Überraschung packte sie einen weiteren Grund dafür aus, dass niemand ihr glaubte - sie führte einen orientalischen Bauchtanz vor, bei dem sie ihren nahezu nackten Körper zu verführerischer Instrumentalmusik lasziv an Viktor rieb.

Der blickte sie mit einer Mischung aus Verblüffung und Bedauern an, aber so genau war das auf dem kleinen Bildschirm nicht zu erkennen.

Anna seufzte. Damit stand fest, dass Viktor Sabrina auswählen würde. Acht von zehn Kandidaten wählten die Braut, die einen Bauchtanz vorführte. Sie hatte die Silvestersonderfolge gesehen, in der Nora diese Statistiken mit dem Publikum geteilt hatte. Anna konnte auch einfach aufstehen und gehen. Niemand würde etwas verpassen und sie würde sich eine Enttäuschung ersparen.

Sie starrte auf das zerknüllte Skript in ihren Händen. Ach ja, etwas in die Kamera sagen. »Ich wünsche Sabrina viel Erfolg. Sie ist ein guter Mensch.« Sie zwang sich zu einem Lächeln und stand auf.

Sofort kam eine freundlich lächelnde Angestellte in das Zimmerchen und versperrte ihr den Weg. »Wo wollen Sie hin, Fräulein?«, fragte sie auf Russisch.

»Ich, ähm … also ich wollte nur …«

»Auf Toilette? Das ist etwas ganz Natürliches. Ich begleite Sie dorthin und wieder auf Ihr Zimmer, damit Sie sich nicht verlaufen. Die Gänge sind etwas unübersichtlich.« Sie nahm Anna bei der Hand und stöckelte mit ihr die Flure entlang.

Anna blieb nichts anderes übrig, als sich mit hochrotem Kopf auf die Besuchertoilette im Fernsehstudio eskortieren zu lassen. Hastig spritzte sie sich Wasser ins Gesicht, kämmte ihre Haare mit den Händen und betätigte zur Tarnung die Spülung.

Die strahlende Angestellte begleitete sie zurück zu ihrem pastellfarbenen Zimmer und setze sie vor den Bildschirm.

»Nur noch ein oder zwei Minütchen, dann sind Sie an der Reihe, Fräulein. Aufgeregt?«

Anna nickte. »Sehr.«

»Alles wird gut. Die drei Moderatorinnen bellen zwar, doch sie pflegen eigentlich nicht zu beißen. Aber verrate niemandem, dass ich das gesagt habe!« Die Angestellte umarmte Anna aufmunternd, klopfte ihr leicht auf den Rücken und huschte davon.

Nora und die anderen zwei Moderatorinnen zogen noch ein bisschen über Sabrina her und Regina redete irgendetwas von der Jungfrau im Mond und dem Saturn im achten Haus, was Anna nicht verstand - und sie bezweifelte, dass es auch nur das Geringste bedeutete.

Eine andere Angestellte betrat ihr Zimmerchen. »Es wird Zeit. Komm mit.« Sie half Anna auf und zog sie mit sich.

Ein letztes Mal ging es in die Maske, um das vom Wasser in Mitleidenschaft gezogene Make-up nachzubessern. »Mädchen, was hast du getan?« Die Maskenbildnerin schlug theatralisch die Hände über dem Kopf zusammen, ehe sie noch einmal mit diversen Pinseln über Annas Gesicht glitt.

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