»Nein, kannst du nicht. Was, wenn eine von uns dabei ihren Traummann findet und du warst nicht dabei?« Sabrina hakte sich bei ihr ein und schaute sie aus großen Augen an.
Anna seufzte. »Wenn ich jetzt zusage, lasst ihr dann das Thema für eine Weile fallen?«
»Für eine Weile.« Tanja kicherte.
Besser als nichts. Anna nickte genervt. »Gut. Ich bin dabei. Ich schulde euch die Anmeldegebühr, oder? Wie viel macht das?«
»Für Frauen gratis, sonst hätten wir auch nicht mitgemacht«, sagte Sabrina.
Na immerhin musste sie kein Geld für diesen Unsinn ausgeben. Hastig ließ sie den knallpinken Umschlag in ihrer Tasche verschwinden, ehe noch jemand danach fragte. In einem Slawistenseminar war es leider mehr als wahrscheinlich, dass jemand die Sendung kannte. Sie musste davon ausgehen, dass jeder das Logo sofort erkennen würde.
Verdammt, vermutlich würde so gut wie jeder am gesamten Institut einschalten und ihr dabei zusehen, wie sie sich in einer Datingshow blamierte, zu der sie eigentlich gar nicht gehen wollte.
Dozenten inklusive.
Nervös lief sie zwischen ihren Freundinnen eingekeilt zum Hörsaal und versuchte den Gedanken daran zu verdrängen, wie alle sie anstarren würden. Der voraussichtliche Drehtermin lag zwar kurz vor Semesterende und danach müsste sie die Leute nicht wiedersehen, aber trotzdem würde es ein Spießrutenlauf, davon war sie überzeugt. Abschlusssemester hin oder her.
»Ihr hättet das echt nicht tun sollen, ohne mich zu fragen.« Sie sagte es aber mehr zu sich und so leise, dass ihre Freundinnen es auch ignorieren konnten. Immerhin würde sie sich nicht alleine blamieren, sondern zusammen mit den anderen beiden.
Nicht, dass das wirklich irgendetwas besser machte.
Hoffentlich schaute wenigstens der Betreuer ihrer Masterarbeit kein russisches Trash-TV. DAS würde sie definitiv nicht überleben.
Sie war sich nicht sicher, was sie getrunken hatte und vor allem wie viel, bevor sie für diesen Irrsinn unterschrieben hatte. Wie kamen eigentlich die Verantwortlichen beim Fernsehsender auf die Idee, ihre Show auf Europatour zu schicken?
Soweit sie wusste, wurde ihre Sendung ohnehin weltweit ausgestrahlt und bisher waren die Kandidaten aus dem Ausland immer angereist. Menschen aus den USA, aus Spanien, aus Israel und Deutschland. Sogar aus Japan kamen sie zu ihr. Nicht umgekehrt.
Wieso änderte der Sender also auf einmal ein Konzept, das bisher immer aufgegangen war? Sie verstand es nicht.
»Nora, das wird großartig«, hatten sie gesagt. »Du wirst neue Orte und neue Menschen kennenlernen«, hatten sie gesagt. »Es wird dir viel Spaß machen, du wirst schon sehen!«
Was sie sah, waren dieselben Fernsehstudios mit demselben aus Moskau mitgebrachten Personal, das sie auch in Ostankino umsorgte und an das sie schon gewöhnt war. Mit Kulissen, die so naturgetreu versuchten, ihr Originalset nachzubauen, dass sie bis auf Kleinigkeiten gar keinen Unterschied feststellte. Oder man hatte einen Teil der Originalkulissen eingeflogen – so genau wusste sie es auch nicht.
Und Arbeit im Akkord. Das Einzige, woran Nora erkannte, dass sie nun in Frankfurt drehten und nicht mehr in Moskau oder wie vor einigen Tagen während dieser vermaledeiten Tour in Berlin, war der unvermeidliche Flug zwischen den einzelnen Städten.
Das würde sich auch auf den folgenden Stationen ihrer Europatour nicht ändern. Paris, London, Lissabon. Und Tel-Aviv, das streng genommen gar nicht zu Europa gehörte, aber wer fragte sie schon?
Sie würde von all den Städten nur die Flughäfen und Hotels sehen. Und eben die unvermeidlichen Fernsehstudios.
Gelangweilt las sie sich die vier ausgefüllten Interviewbögen durch, um sich vorzubereiten. Drei Bräute, ein Bräutigam.
Überraschend, dass in einer Stadt voller Banker und reicher Russen nur diese vier sich angemeldet hatten: Die Frauen allesamt Studentinnen aus der unaussprechlichen deutschen Großstadt. Er ein großer Geschäftsmann, deutlich älter als die Mädchen und ohne irgendwelche Sonderwünsche in Bezug auf das Alter und das Aussehen seiner Wunschkandidatin.
Ungewöhnlich. Normalerweise wollten so reiche Schnösel immer eine gebildete Blondine mit großem Busen und zwei Köpfe größer als sie selbst. Und am besten gerade frisch aus der Schule, alles über 25 galt bereits als zu alt.
Der hier wollte die große Liebe finden.
Ob Nora ihm das glauben sollte?
Sie las sich seine Lebensgeschichte durch und setzte den Vermerk »extra gemeine Fragen stellen« unter ihre Notizen. Erfahrungsgemäß hatten alle Kandidaten, die sowas behaupteten, in Wahrheit etwas zu verbergen und den Rechtschreibfehlern – und der krakeligen Schrift – zufolge war dieser hier beim Ausfüllen des Bogens nicht mehr ganz nüchtern gewesen. Das konnte eine lustige Sendung werden – zumindest für sie.
Noras Magen knurrte und sie stellte fest, dass die große Pralinenschachtel neben ihr auch schon leer war. Dabei hatte sie die heute erst vom Kameramann geschenkt bekommen. Hoffentlich bekamen weder ihr Ehemann noch ihr Diätberater mit, dass sie sich nicht ganz so strikt an den Ernährungsplan hielt, wie es von einer Fernsehmoderatorin ihres Ranges und ihrer Bedeutung erwartet wurde.
Wenn sie die Schachtel unauffällig verschwinden ließ, konnte sie außerdem auf gute Führung plädieren und sich so von ihrem Mann einen Kuchen erschleichen.
Allein beim Gedanken an das süße Gebäck knurrte ihr Magen noch heftiger, – aber sie konnte die Arbeit erst als beendet betrachten, wenn sie alle vier Anmeldebögen durchgearbeitet hatte.
Und anders als beim männliche Kandidaten waren die Bögen der drei Mädchen detailliert ausgefüllt. Für ihren Geschmack fast schon zu detailliert.
Nora seufzte. Immerhin war der Job gut bezahlt und brachte ihr Sendezeit ein. Auch wenn sie ihre zweite Fernsehshow vermisste. Dort hatte es wenigstens Kuchen gegeben.
»Alle am gleichen Tag?« Auch der Inhalt des zweiten knallpinken Briefumschlags war nicht gerade ermutigend für Anna. Im Gegenteil. Vorsichtig breitete sie die zartrosa Bögen vor ihren Freundinnen aus. Nachdem sie noch so tun konnte, als hätte sie die Bestätigung mit dem voraussichtlichen Sendezeitraum nie erhalten, konnte sie einen Brief mit dem konkreten Drehtermin und einem beigelegten Passierschein für ein Frankfurter Fernsehstudio schlecht ignorieren.
»Deine Einladung ist also auch ankommen?« Sabrina schaute ihr über die Schulter und versuchte, mitzulesen.
»Du könntest deine Mutter als Unterstützung auswählen. Oder eine andere Freundin von dir. Oder den Paul aus dem Übersetzungskurs …« Tanja biss sich auf die Unterlippe.
»Nein, ich … ich will meine Mutter da nicht mit reinziehen. Sie weiß noch nichts davon und ich habe keine Ahnung, wie ich ihr das erklären soll, wenn sie mich im Fernsehen sieht. Vielleicht mache ich mit ihr an dem Tag einen Ausflug, dann muss sie nie etwas davon erfahren.«
Konnte sie nicht eventuell doch noch einen Rückzieher machen? Wie schmerzhaft war es eigentlich, sich selbst ein Bein zu brechen? Und wie lange dauerte es, bis das wieder verheilt war?
»Dann müssen wir eben alle drei ohne Unterstützung rein. Wir schaffen das schon.« Sabrina lächelte aufmunternd.
»Wieso fragst eigentlich DU nicht einfach den Paul? Wenn Anna ihn schon nicht will?« Tanja knuffte Sabrina in die Seite.
»Und was, wenn Paul nicht möchte? Er will ganz sicher nicht als euer schwuler vermeintlich bester Freund im russischen Fernsehen herumgezeigt werden. Das bringt nur Ärger. Ihr wisst, wie Russland in der Hinsicht drauf ist. Und wir wissen nicht, ob er sich vor seiner Familie schon geoutet hat. Sowas tut man einfach nicht.« Anna verschränkte die Arme. »Also ich ziehe das alleine durch. Ihr könnt ja schauen, was ihr zwei macht.« Sie schnappte sich ihre Unterlagen und stand auf.
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