»Mit einer Bohne? Ja, das ist der rechte Weg. Ich habe es selbst probiert.«
»Hast du? Nach welcher Methode?«
»Du nimmst eine Bohne und spaltest sie. Dann schneidest du die Warze bis Blut kommt. Mit diesem bestreichst du eine Hälfte der Bohne bei Neumond auf einem Kreuzwege, machst ein Loch und begräbst sie. Dann verbrennst du die andere Hälfte. – Siehst du nun, die mit Blut getränkte Hälfte zieht, um die andere wieder mit sich zu vereinigen, und zieht so lange, bis die Warze heraus ist, was gewöhnlich ganz glatt zu stände kommt.«
»Richtig, Huck, so ist es! Aber sicherer ist es noch, wenn man dazu sagt:
»Hinunter Bohne! Warze fort!
Frei von dir bin ich hinfort!«
So macht es Joë Harper, und er ist schon nahe bei Cronville und fast überall gewesen. – Aber sage mir, wie vertreibst du Warzen mit einer toten Katze?«
»Nun siehst du, du trägst die Katze auf einen Friedhof, um Mitternacht, zum frischen Grabe eines Bösewichts. Um Mitternacht wird ein Teufel erscheinen, vielleicht werden es auch zwei oder drei sein. Man kann sie nicht sehen; höchstens hört man etwas wie Windesrauschen; vielleicht hört man sie auch mit einander schwatzen. Wenn diese Kerle den Bösewicht dann wegführen, wirfst du ihnen die Katze nach und sagst: ›Teufel, folge dem Toten! Katze, folge dem Teufel! Warze, folge der Katze, mit dir bin ich fertig!‹ Das vertreibt jede Warze!«
»Das klingt gut! Hast du es jemals versucht, Huck?«
»Nein, aber die alte Mutter Hopkins sagte es mir.«
»Dann muss es wohl wahr sein. Man sagt, sie sei eine Hexe.«
»Man sagt! Wie, Tom! Sie ist eine und ich weiß es! Sie verhexte Papa. Er sagte es. Er begegnete ihr eines Tages und sah, dass sie im Begriff war, ihn zu verhexen. Er raffte einen Stein auf und hätte sie sicher damit getroffen, wenn sie ihm nicht plötzlich aus dem Wege gegangen wäre. Gut, in derselben Nacht fiel er von einem Schuppen, auf dem er betrunken lag, und brach den Arm.«
»Das ist schrecklich! Aber wie konnte er wissen, dass sie ihn behexen wollte?«
»Das kann dir Vater ganz genau sagen. Er meint, wenn sie einen recht starr ansehe, so ist man sicher, verhext zu werden, und ganz besonders, wenn sie dazu murmele. Denn wenn sie murmele, bete sie das Vaterunser rückwärts!«
»Sage, Huck, wenn willst du es mit der Katze probieren?«
»Heute Nacht! Ich rechne, die Teufel werden heute den alten Roß Williams holen.«
»Aber er wurde am Sonnabend begraben. Holten sie ihn denn Samstags Nacht nicht?«
»Wie du nur sprichst! Ihre Macht reicht nicht bis Mitternacht und dann beginnt der Sonntag und ich glaube, dass sie an Sonntagen sich geziemend ruhig verhalten!«
»Richtig! Daran hatte ich nicht gedacht. Darf ich mitgehen?«
»Natürlich! Wenn du dich nicht fürchtest.«
»Mich fürchten? Unmöglich! Willst du miauen?«
»Ja, und dann miaue aber auch, wenn du kommen kannst! Das letzte Mal miaute ich so lange um euer Haus herum, bis der alte Hays Steine nach mir warf und die verdammte Katze zu allen Teufeln wünschte. Als Antwort warf ich ihm einen Ziegelstein durchs Fenster, aber sage es nicht!«
»Nein. Jene Nacht beobachtete Tante mich so scharf, dass ich nicht miauen durfte. Aber diesmal soll es sicher geschehen! Was hast du da?«
»Nichts als eine Zecke.« (Schaflaus.)
»Woher?«
»Vom Wald.«
»Was willst du dafür?«
»Ich weiß nicht. Sie ist mir nicht feil.«
»Wie du willst. Immerhin ist es nur eine winzige Zecke.«
»O, jedermann kann etwas bemängeln, was ihm nicht gehört. Mir gefällt sie; sie ist für mich gut genug!«
»Bah! Es gibt Zecken zum Auflesen. Ich könnte Tausende haben, wenn ich wollte.«
»Warum hast du denn keine? Du weißt ganz gut, dass du keine kriegen kannst! Das ist eine prachtvolle, frühzeitige Zecke, die erste, die ich in diesem Jahre gesehen!«
»Höre, Huck, willst du meinen Zahn dafür?«
»Lass sehen!«
Tom zog ein Papierchen aus der Tasche und entfaltete es. Huckleberry betrachtete den Zahn aufmerksam. Die Versuchung war groß. Endlich sagte er: »Ist er echt?«
Tom zog die Lippe zurück und zeigte die Lücke.
»Abgemacht, es gilt!«
Tom sperrte die Zecke in das vormalige Gefängnis des Kneipkäfers, in die Zündhütchenschachtel, und die Jungen trennten sich, jeder mit dem Gefühle, einen guten Schick gemacht zu haben.
Bei dem kleinen Schulhause angekommen, trat Tom lebhaft ins Zimmer, wie wenn er es sehr eilig gehabt hätte. Er hing seinen Hut an einen Nagel und nahm mit anscheinender Lernbegierde Platz. Der Lehrer war, von dem eintönigen Summen überwältigt, in seinem hölzernen Armsessel eingeschlafen, und erwachte, durch Toms Eintritt im Schlummer gestört.
»Thomas Sawyer!«
Tom wusste aus Erfahrung, dass, wenn er bei seinem vollen Namen gerufen wurde, etwas nicht in Ordnung war.
»Herr Lehrer!«
»Komm' hierher! Warum bist du, wie gewöhnlich, wieder zu spät?«
Tom war im Begriff, seine Zuflucht zum Lügen zu nehmen, als er zwei gelbe Zöpfe über einen Rücken herabhängen sah, den er, wie durch elektrische Liebessympathie, sogleich erkannte, und neben dieser Gestalt war der einzige leere Platz auf der Mädchenseite. Augenblicklich antwortete er: »Ich habe mich verspätet, weil ich mit Huckleberry Finn zu reden hatte.«
Des Lehrers Pulse stockten, er schien nach Luft zu schnappen. Das Gesumme der Schüler schwieg. Die Kinder wunderten sich, ob der tollkühne Junge den Verstand verloren habe. Der Lehrer rief: »Was, was hast du getan?«
»Ich verweilte, um mich mit Huckleberry Finn zu unterhalten!«
Das war klar und keine Missdeutung möglich.
»Thomas Sawyer, das ist das überraschendste Geständnis, das mir jemals vorgekommen. Da reicht die Rute auf die Hände nicht aus, um einen derartigen Fehltritt zu sühnen. Ziehe die Jacke aus!
Der Lehrer bearbeitete ihn so lange, bis seine Kräfte und der Rutenvorrat erschöpft waren.
»So, jetzt packe dich auf die Mädchenbank! Und lass dir diese Strafe zur Warnung dienen!«
Das Gekicher, das sich im Zimmer ringsum vernehmen ließ, schien den Jungen zu verblüffen. Aber das war's nicht. Es war das überwältigende, nie geahnte Glück, neben der unbekannten Angebeteten sitzen zu dürfen. Er nahm Platz. Das Mädchen rückte hastig, den Kopf zurückgeworfen, von ihm weg. Seitenstöße, Geflüster und Winke gingen durch die Schule. Tom saß, die Arme auf dem Pulte, ruhig und schien seine ganze Aufmerksamkeit dem vor ihm liegenden Buche zuzuwenden.
Nach und nach wandte sich die Aufmerksamkeit seiner Mitschüler von ihm ab, und das gewohnte Schulgesumme ließ sich wieder vernehmen. Der Junge sandte verstohlene Blicke nach dem Mädchen. Sie merkte es, schnitt ihm eine Fratze und kehrte ihm eine Minute lang den Rücken. Als sie sich langsam wieder umwandte, lag ein Pfirsich vor ihr. Sie stieß ihn zur Seite. Tom schob ihn sanft wieder zurück. Sie ließ ihn liegen. Tom kritzte auf seine Schiefertafel: »Sei so gut und nimm! Ich habe noch mehr!« Das Mädchen überlas die Worte und blieb stumm.
Gelegentlich fing Tom, die Tafel mit der linken Hand schirmend, etwas zu zeichnen an. Eine Zeitlang schien das Mädchen gleichgültig, nach und nach aber verrieten verschiedene Bewegungen ihre natürliche Neugierde. Tom zeichnete fort, scheinbar ohne sie zu beachten. Sie suchte über seine Hand weg zu schielen, – ohne Erfolg. Zuletzt flüsterte sie: »Lass mich sehen!«
Tom zeigte eine ungeheuerliche Karikatur eines Hauses mit zwei Giebeln und Korkziehern, die den Rauch aus den Schornsteinen vorstellen sollten. Die Aufmerksamkeit des Mädchens war gefesselt und sie vergaß alles andere.
Читать дальше