Amüsiert registrierte Nadine, die bereits das Zimmer aufräumte und für die nächste Kundschaft vorbereitete, den plänkelnden Ton zwischen Mutter und Sohn. Die beiden schienen sich bestens zu verstehen.
»Ich bin gleich soweit, mein Sohn, entschwinde nur noch schnell ins Bad, um meine Frisur zu richten.«
Bernie nutzte die Gelegenheit, Nadines routinierte Handgriffe zu beobachten. Wie anmutig und ohne jede Effekthascherei sie sich bewegte, einfach bezaubernd! Mit wenigen Schritten war er bei ihr, verschwörerisch raunte er ihr zu:
»Sagen Sie, Nadine, kennen Sie vielleicht den Lieblingsduft meiner Mutter? Sie hat bald Geburtstag, und ich möchte ihr gerne einen Flakon davon schenken.«
»Doch ja, Moment, ich zeige Ihnen gleich, welche Produkte Frau Schmidt ...«
»Da bin ich wieder«, erklang deren Stimme vom Gästebad her.
Bernie legte zwei Finger auf Nadines weiche Lippen.
»Pst, wir sprechen später darüber«, konnte er noch flüstern, bevor seine Mutter zu ihnen trat und einen Blick auf ihre Armbanduhr warf. »Halb zwölf. Erwarten Sie heute Vormittag noch Kunden, Nadine?«
»Nein, die nächste Kundin kommt um halb zwei.« Verwundert sah Nadine zu ihr auf. »Weshalb ...«
»Nun, ich dachte, Bernie und ich könnten Sie zum Mittagessen einladen. Natürlich nur, wenn es euch auch recht ist«, fügte sie hinzu. Sie wandte sich an ihren Sohn: »Vielleicht möchtest du deine Mutter lieber für dich allein haben?« Und zu Nadine: »Oder Sie haben schon etwas vor?«
»Nein, überhaupt nicht!«, riefen die beiden wie aus einem Mund, sahen sich verdutzt an und lächelten sich zu.
»Dann ist ja alles klar!« Bernie atmete auf. »Wie lange brauchen Sie denn, Nadine?«
»Wenn ich auch noch kurz ins Bad entschwinden dürfte?«, fragte sie schelmisch, hängte ihren fliederfarbenen Arbeitskittel an einen Bügel und eilte davon.
»Aber sicher!«, kam es nun von Mutter und Sohn, was erneut vergnügtes Gelächter auslöste.
Bernie sah sich in dem kleinen, feinen Kosmetiksalon um, der in dezenten Mauve- und Silbertönen eingerichtet war. »Sehr geschmackvolles Ambiente, passt zu Nadine.«
»Das hast du schon herausgefunden?«, neckte ihn seine Mutter.
»Klar doch, starke Farben sind nichts für ihren zarten Typ! Warum hast du mir nicht früher verraten, welch köstliche Blume hier im Verborgenen blüht, ich hätte dich öfter abgeholt«, frotzelte er.
Dora gab ihm einen zärtlichen Nasenstüber. »Hab ich doch, aber du hast nur mit einem Ohr zugehört; selber schuld, mein Lieber!«
Nadine kam aus dem Bad und schlüpfte in ihre Pumps. »Wenn Sie mögen, können wir gehen.«
»Bitte sehr, meine Damen!« Bernie hielt den Damen dienstbeflissen die Tür auf.
»Danke sehr, mein Herr!« Nadine machte eine betont gnädige Kopfbewegung in seine Richtung. Im Stillen verglich sie Bernies und Erics Verhalten miteinander: Eric behandelte sie wie ein Sexhäschen, nannte sie auch ständig Häschen – oder sogar Luder – fiel ihr soeben ein. Wie sexistisch von ihm!
Bernie hingegen war aufmerksam und so ritterlich zu ihr, als wäre sie eine Kronprinzessin. Seine Bewunderung legte sich wie Balsam um ihre geschundene Seele. Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und schritt beschwingt neben ihm zum Auto.
Sandra saß zappelig an ihrem Schreibtisch und fixierte die Eingangstür schräg gegenüber, wo vor gut dreißig Minuten Alexander Röhricht hätte auftauchen sollen. Im Kalender hatte sie eine Erstbesprechung mit einer neuen Kundin eingetragen.
Da Herr Freiburg sich abgemeldet hatte, blieb nur der Junior übrig. Der hatte sich zwar als nahezu trinkfest erwiesen, doch solche Unmengen wie am vergangenen Abend setzten sicher auch ihm zu. Er hat viel mehr getrunken als ich, am Ende liegt der gute Mann noch im Bett und schnarcht selig vor sich hin, das wäre ein Fiasko!
Denn Frau Dr. Lotte Eberhard war pünktlich erschienen. Sie wollte demnächst eine Praxis für Kleintiere eröffnen und erwartete kompetenten Rat, welche Versicherungen sie dafür benötigte. Insbesondere läge ihr daran, sich vor allfälligen Haftpflicht- und Schadensersatzansprüchen ihrer Kunden zu schützen, falls mal einer ihrer vierbeinigen Patienten nicht so gedeihen oder genesen sollte, wie dessen Herrchen oder Frauchen es erwartete. Enttäuschte Tierhalter neigten dazu, in solchen Fällen ihren Tierarzt dafür verantwortlich zu machen, hatte die junge Frau ihr erklärt.
Nachdem Sandra ihre Stammdaten und Zusatzinfos im Rechner eingegeben hatte, bat sie Frau Dr. Eberhard, im Besprechungszimmer Platz zu nehmen und schenkte ihr Mineralwasser ein.
Das war über eine Viertelstunde her. Soeben öffnete die junge Frau die Tür und streckte ihren braunen Pagenkopf ins Empfangsbüro. »Ist Herr Röhricht noch nicht eingetroffen?«
Sandra zog die Schultern hoch und verneinte bedauernd.
Was war mit dem Junior los? Seit Wochen war es schier zum Verzweifeln mit ihm. Er schien nicht nur seinen Ehrgeiz, sondern auch jeden Halt verloren zu haben.
»Es tut mir sehr leid, Frau Dr. Eberhard. Ich hoffe, dass ihm nichts passiert ist. Darf ich Ihnen einen neuen Termin vorschlagen?« Sie öffnete den Kalender im Computer und scrollte drei Tage weiter nach rechts. »Wie wäre es mit Montagvormittag? Falls Herr Röhricht bis dahin nicht genesen ist, könnte Eric Freiburg, unser erfahrener Seniorchef, Sie fachkundig beraten.«
Die Miene der neuen Kundin drückte lebhaften Zweifel aus. »Ich frage mich, ob ich hier überhaupt gut beraten bin. Vielleicht sollte ich gleich einen anderen Versicherungsmakler wählen.«
»Geben Sie uns noch eine Chance«, bat Sandra eindringlich, »Kommen Sie Montag um neun, Sie werden er nicht bereuen!«
»Na gut, aber ich warne Sie, wenn es dann nicht hundertprozentig klappt, ist Freiburg & Röhricht bei mir untendurch.«
Wenn der Junior uns noch öfter versetzt, kann ich mir demnächst sowieso einen neuen Job suchen. Tapfer hielt Sandra dem Blick der Dame stand, als sie im bestimmten Ton sagte: »Sie werden uns aus Überzeugung weiterempfehlen, so wie viele Kunden vor Ihnen!«
»Vorsicht, ich nehme Sie beim Wort!« Die Tierärztin hob den Zeigefinger, schlüpfte in ihre Jeansjacke und verabschiedete sich.
Sandra seufzte laut auf und schrieb eine Gesprächsnotiz in die Akte der versetzten Kundin, bevor sie die Datei schloss und die Handynummer vom Juniorchef anwählte.
Tuut, tuut, tuut ...
Auch Herr Freiburg war nicht erreichbar, deshalb sprach Sandra auf seinen Beantworter, er möge sich möglichst bald bei ihr melden, da sein Partner weder im Büro erschienen sei noch sich abgemeldet habe. Schwankend zwischen Ärger und Sorge widmete sie sich ihren übrigen Aufgaben. Es blieb alles an ihr hängen. Bald würde die nächste Kundin auftauchen und ihr die Hölle heiß machen, weil keiner der Chefs anwesend war.
Auf einmal lärmte und polterte es im Treppenhaus, gleich darauf krachte die Tür des altersschwachen Aufzugs gegen die Wand, dass es durchs ganze Haus hallte.
Sandra verzog das Gesicht, als sie ein paar wüste Verwünschungen vernahm. Das klang verdächtig nach Alexander, aber was war mit dem Mann los?
Die schleifenden Schritte kamen näher, die Bürotür wurde aufgerissen und der Junior wankte auf sie zu. Seine geröteten Augen waren eingefallen, aus der Nase floss Blut; sein ursprünglich weißes Hemd und die zu Fäusten geballten Hände waren ebenfalls blutverschmiert.
Entsetzt sprang Sandra auf. »O nein, wer hat Sie denn so übel zugerichtet?«, schrie sie und starrte ihn an.
»Dem hab ich's aber gegeben! Dieser Lars hat eine Lektion gekriegt, die er nicht so schnell vergessen wird«, ächzte Alexander, bevor er wie ein gefällter Baum umfiel.
Einen schrecklichen Moment lang glaubte Sandra, der ungewohnt stille Mann zu ihren Füßen sei tot. Ihre Knie gaben nach, sie begann zu hyperventilieren, schlug die Hand vor den Mund und zwang sich, tief ein- und auszuatmen, um nicht wie eine Besessene loszuschreien. Ihr Puls galoppierte, während sie aufschluchzend vor Herrn Röhricht zu Boden sank.
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