„James, bitte reich mir den Korb von Mr. Troughton.“
Emsig klaubte ich die Sachen zusammen, denn auch der Inhalt des Korbes war durch das abrupte Anhalten heruntergefallen und ein Teil der Sachen lag etwas verstreut am Boden. Ich reichte ihr den Korb heraus, sie nahm ihn an sich und stellte ihn bedächtig auf die Erde.
„Hier, nehmen Sie, dann verschwinden Sie und lassen uns weiterfahren.“
„Danke, Mam, das ist ja schon mal ein Anfang.“
„Ein Anfang?“ schrie meine Mutter ihn an, „was wollen Sie denn noch?“
„Nun, Mam, der Korb ist bald so leer wie unsere Bäuche im Moment und wir brauchen noch etwas für, sagen wir, schlechte Zeiten.“
„Sie ungehobelter Klotz“, zischte meine Mutter, „wir haben keine weiteren Sachen dabei, die für Sie nützlich sein könnten.“
Das war freilich nicht ganz die Wahrheit, dachte ich, denn immerhin hatten wir eine stattliche Menge Bargeld von etwa siebzig bis einhundert Pfund mit dabei. Die eine Hand des Räubers, die vor kurzem noch den Hut zurechtgerückt hatte, wanderte nun unmissverständlich an den Schaft seines Revolvers, und um seine Geste zu untermauern, sagte der Mann mit leicht schneidendem Unterton:
„Bitte, Mam, ein paar Farthing, für die Armen, Gestrandeten und Benachteiligten.“
Farthing? Dass sind wohl eher bescheidene Diebe und im selben Atemzug erinnerte ich mich an unsere Wechselgeldbörse, in welcher tatsächlich nur das Kleingeld aufbewahrt wurde. Ich kramte die Börse heraus und öffnete sie umsichtig, es befanden sich nach kurzer Prüfung etwa zehn bis fünfzehn Pfund in Penny und Viertel Pennys in der Börse. Das war insofern eine stattliche Summe, dachte ich, wenn man bedenkt, dass die Gehälter einfacher Arbeiter oder Dienstboten, etwa der einer Haushaltsdame, siebzig Pfund im Jahr betrugen. Meine Mutter drehte sich, nun ein wenig eingeschüchtert von der Geste des bärbeißigen Mannes, zu mir um und ich hielt ihr die Wechselgeldbörse entgegen. Augenscheinlich verstand sie mein Ansinnen, so vom “großen Geld“ abzulenken, sie ergriff die Börse und fing elendig zu schimpfen und zu jammern an.
„Sie ausgepichter Tagedieb, dass Sie sich nicht schämen, uns um unser letztes Geld zu bringen, unser Angebinde scheint Ihnen ja nicht auszureichen, dann nehmen Sie es und werden glücklich damit!“
Schließlich warf sie es mit aller Entschlossenheit vor den abgetakelten Landstreicher auf den Boden. Dieser schien so verblüfft, dass er einen Schritt rückwärts machte, wobei ihm der Filzhut ein wenig verrutschte, dann hob er sorgfältig die Börse auf und erkundete deren Inhalt. Offensichtlich erfreut von den vielen Münzen, sah ich, wie er einen Mundwinkel abschätzend und wohlwollend zugleich nach oben zog.
„Hey Kumpel, komm für heute reicht`s.“
Er fasste sich mit der Hand fast schon vornehm an den Hut, die eben noch den Revolver berührt hatte, und entgegnete:
„Gute Reise und … nichts für ungut Mam.“
Sogleich stieg Mutter ein und nachdem wir ein raspelndes, scharrendes Geräusch hörten, vermutlich war es der kleine Baum, der bei Seite gezogen wurde, war der Weg frei, unvermittelt setzte Harris das Gespann mit einem zünftigen Peitschenknall in Bewegung. Wir saßen da und starrten einander an,… ich stammelte, immer noch aufgeregt von der Situation:
„Du warst … du warst großartig, Mutter, dein Mut, deine Entschlossenheit …!“
„James“, erwiderte Sie, „das Meisterstück hast du abgeliefert, auf die Idee mit dem Kleingeld wäre ich nie gekommen. Nur gut, dass die Gier auf eine schnelle Beute, den letzten Verstand bei den Herrschaften auch noch außer Kraft gesetzt hat.“
Wir fielen uns in die Arme und hielten uns lange fest, solange wie selten zuvor. Wir waren beide stolz aufeinander und froh zugleich, diesem Überfall auf glimpfliche Weise entgangen zu sein. Ich fühlte mich matt und ausgelaugt und das obwohl die weitere Reise ruhig verlief. Der Tag begann zu dämmern, während es zunehmend nach Regen roch. Ich versuchte, mich abzulenken, und während meine Gedanken drohten, sich zu verselbständigen, versuchte ich ein Wortspiel, bei dem ich überlegte, welche Worte mir alles für Geld einfallen und dann hing ich ein anderes mit dem gleichen Buchstaben für Unwetter hinten dran. So kamen Wörter heraus wie: Taler-Taifun oder Zaster-Zyklop, … Monetärer Monsun, … Banknoten-Blizzard, … am besten gefiel mir, Banknoten-Blizzard. So schmunzelte ich vergnügt in mich hinein und war froh, dass ich meine Gedanken wieder im Griff hatte. Die weitere Reise verlief ruhig und ohne weitere Zwischenfälle, als wir am Abend glücklich das Wayside Inn in Birmingham erreichten.
Zweite Szene - Gegensätze
Am Tag zuvor…
Der Ruf meiner Mutter, der zur Eile mahnte, drang gedämpft durch die Scheiben zu mir in das obere Stockwerk des Hauses, „James, beeil dich!“
Hier in Annan, etwa drei Fußstunden von der schottischen Stadt Dumfries entfernt, hatte ich siebzehn Jahre meines Lebens verbracht. Ich war das Älteste von drei Kindern und meine Kenntnisse von der Welt waren wohl eher spärlich. Das sollte sich nun ändern, denn jetzt, jetzt war es endlich soweit. Alles war aufregend, denn an diesem ersten April 1822, zu dieser für mich ersten großen Reise, ging es nach London, um ein Studium der Jurisprudenz am Sommerset Haus zu beginnen. Mein Onkel Edward hatte sich bereit erklärt, mich bei sich aufzunehmen, ein glücklicher Umstand, denn erst vor kurzem war er von Glasgow nach London umgezogen.
Das Rufen meiner Mutter wurde eindringlicher: „James!!“
„Ich komme!!“,rief ich zurück.
Sie war eine fleißige, resolute, starke, aber auch feinfühlige Frau, groß gewachsen, sportlich mit zartem, fein geschnittenem, freundlichem Gesicht, nicht eitel und doch von einer natürlichen Anmut. Unseren Vater, der vor zwei Jahren bei einem Reitunfall ums Leben gekommen war, vermissten wir alle schmerzlich und ich bewunderte meine Mutter, wie sie mit Klugheit und viel Übersicht unsere Gerberei am Laufen hielt. Die Gerberei, mit etwa fünfzehn Arbeitern, lag etwas außerhalb der Stadt, mit einem direkten Zugang zum Fluss, denn für diese Tätigkeit waren große Mengen Wasser erforderlich. Ein glücklicher Umstand war, dass wir keine armen Leute waren, denn schon unsere Großeltern, Gavin und Mary, lebten und arbeiteten als Farmer und Gerber und brachten es, gepaart mit Fleiß und Geschick, zu einem auskömmlichen Wohlstand. Dieser ermöglichte es auch meinem Onkel Edward, schon früh von zu Hause auszuziehen, um auf der Universität in Edinburgh Theologie zu studieren. Offensichtlich war er derart begabt, weil er schon mit dreizehn Jahren von daheim fortging, um mit achtzehn Jahren seinen Abschluss zu machen, was für eine berufliche Entwicklung! Freilich mit seinem älteren Bruder John als Begleiter, der sich dem Studium der Medizin widmete. Aber dennoch, ich war mächtig stolz auf meinen Onkel, oder vielleicht ein wenig neidisch, weil er schon so früh selbstständig war? Ich glaube ich habe es genossen, noch einige Jahre länger in meinem behüteten Elternhaus zubringen zu dürfen. Da war zum einen mein guter Freund Edwin, mit dem ich die Gegend unsicher gemacht und so manche Streiche ausgeheckt hatte. Oder auch mein alter Lehrer Adam Hope, der zwar übermäßig apodiktisch war und, Gott ist mein Zeuge, gegenüber seinen Schülern häufig Gebrauch von seinem Riemen machte. Diesen hielt er immer präsent, indem er ihn, durch die Reihen der Schüler gehend, an seinem Daumen herabhängen ließ. Ach, und war er noch so streng, er würde mir fehlen. Auch Onkel Edward wurde schon von ihm unterrichtet und trotz seiner, damals schon, drakonischen Art sprach er heute in den höchsten Tönen von ihm. Vor drei Jahren bekam er endlich seine erste Anstellung, auf die er so sehnsüchtig gewartet hatte. Zum Glück ereilte ihn gerade noch rechtzeitig der Ruf des bekannten und hochangesehenen Theologen Dr. Thomas Chalmers, der es unter den Geistlichen in England zu einem bedeutenden Leumund gebracht hatte. Rechtzeitig deshalb, weil Onkel Edward beinahe, so hatte ich mitbekommen, vor Verzweiflung fast als Missionar nach Persien gegangen wäre. Trotz alledem ist es wohl immer eine schwere Sache, neben einem großen, berühmten Manne zu arbeiten. Man wird ihm nachstreben, aber auch wenn man versucht, ihn zu erreichen, wird sich das Gefühl aufdrängen, im Hintergrunde, ja im Schatten zu stehen. Vermutlich wusste mein Onkel darum, denn obgleich er mit großem Fleiß und Strebsamkeit diese neue Aufgabe ausführte, schien sie für ihn nur bedingt befriedigend zu sein. Als ihn letztes Jahr endlich der Ruf erreichte, Minister der nationalschottischen, sogenannten kaledonischen Gemeinde in London zu werden, schlug sein Herz wohl höher denn je. Und so wie ich ihn kenne, war es für ihn etwas Besonderes, fast schon wie ein göttlicher Ruf, nun nach London umwechseln zu können. Den Werdegang meines Onkels habe ich mit großer Nachdrücklichkeit und Interesse verfolgt und ich muss gestehen, dieser Lebenslauf hat mich nachhaltig beeindruckt und geprägt. Insofern stellte London für uns beide ein Neubeginn dar, für mich als Student freilich in bescheidenerer Angelegenheit. Denn meine Profession war die Theologie eher nicht, da ich fest überzeugt war, dass eine Beförderung der menschlichen Moral nicht nur mit theologischer Bildung beizukommen sei, sondern auch und vor allem mit Einhaltung von Recht und Gesetz. Wenngleich, das gebe ich zu, über das Strafmaß und angesetzte Urteile trefflich gestritten werden kann, ich wusste das aus einigen alten Gerichtsakten, die ich mir besorgt hatte.
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