Sie hob ihr Gesicht und sah herausfordernd zu den Gomas.
»Dazu muss ich aber erst einmal wissen, was ich tun muss!«, rief sie vorlaut in die Runde.
»Keine Sorge, das weiß Janis sehr gut! Er wird es dir schon zeigen!«, lachte dessen Vater laut und im nächsten Moment, stimmten alle Erwachsenen mit ein. Nur Janis lachte nicht, er zwinkerte ihr einfach nur zu.
Solana wurde hochrot und sprang auf, dann lief sie aus dem Saal, ohne sich noch einmal umzublicken. Sie rannte geradewegs in den Raum der Ruhe und warf sich auf eines der riesigen Sitzkissen, die überall auf dem Boden verteilt lagen.
Der Raum war nicht sehr hoch und hatte felsige Wände, an denen kleinere Rinnsale zwischen größeren Felsritzen herunterplätscherten. Das Wasser wurde durch eine Lichtquelle von oben angeleuchtet und schimmerte durch die Algenablagerungen grün. In der Mitte des Raumes trafen die Bächlein in einem runden Becken zusammen, das von kleineren Fackeln umrahmt war. Dort konnte man sich für gewöhnlich im Wasser entspannen.
Solana sah mit tränenblinden Augen in das Becken. Sie schämte sich, vor allen so bloßgestellt worden zu sein. Als sie hörte, wie sich leise Schritte näherten, blickte sie absichtlich weiterhin starr zum Becken. Jemand setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern.
»Du darfst dir nichts dabei denken – du weißt doch, dass es immer gleich abläuft«, hörte sie Janis liebevoll flüstern. Solana nickte.
»Ja, aber …«
Janis drückte sie fester an sich. Er fasste mit seiner Hand unter ihr Kinn und drehte sanft ihr Gesicht zu sich, damit er ihr in die Augen sehen konnte.
»Jetzt erwischt es eben uns beide. Wir wussten doch ohnehin, dass es irgendwann dazu kommen würde. Wir mögen uns doch beide sehr oder?« Solana nickte stumm.
»Schau Solana …, hätte mein Vater nichts dagegen gehabt, dass ich Lia liebe, dann wäre sie nicht aus Verzweiflung in den Höhlenschacht gesprungen und wäre mit Sicherheit jetzt an deiner Stelle. Dann würdest du womöglich Cyrill als Mann bekommen. So aber hätte sie mit ihm die Verschmelzung vollenden müssen.«
Bei diesem Gedanken schüttelte sich Solana.
»Brr, da steigt es mir kalt auf! Ich glaube, da würde ich auch in den Schacht springen!«
»Allerdings bin ich mir sicher, dass sie nicht selbst gesprungen ist!
Cyrill hat sie ganz bestimmt gestoßen, weil sie ihn verschmäht hatte«, gab Janis bitter von sich.
»Bist du dir sicher, dass du sie bekommen hättest, denn du warst von Anfang an mir zugesprochen?«
Kurzes Schweigen bei Janis.
»Ja, da bin ich mir ganz sicher, denn wir hätten jede Schmach ertragen. Du hättest dann als Ersatz für mich, Cyrill bekommen, denn er wäre dann an meine Stelle getreten. Wenn ich diese Hinterlist meines Vaters rechtzeitig erkannt hätte, dann wäre es nicht soweit gekommen!«
»Ihr hättet euch nie bekommen! Wie wolltet ihr das Erreichen?«
»Wir hätten heimlich das getan, was uns beiden jetzt bevorsteht, dann hätten sie unsere Liebe akzeptieren müssen, oder uns beide töten. Aber unsere Chance wäre groß gewesen. Schließlich tötet man keine werdende Mutter und ich bin mir sicher, dass sie sich in den Monaten bis zur Geburt damit abgefunden hätten.«
In Solana stieg leichte Enttäuschung hoch, dass sie für Janis eigentlich nur als Ersatz diente.
Jedoch besann sie sich rasch der Gegenwart.
»Ich will aber noch nicht so schnell«, jammerte sie und erneut kullerten dicke Tränen über ihre Wangen.
»Ich möchte noch kein Kind, es muss auch furchtbar wehtun. Ich hörte, wie Frauen sich erzählten, dass jedes Mal, wenn sie am Gebärzimmer vorbeikamen, sich manche Frauen die Lunge fast aus dem Hals schreien.«
»Wer sagt denn, dass wir gleich eines machen können? Vergiss nicht, ich weiß zwar, wie es geht, aber ausprobiert habe ich es noch nicht. Denk an Ela! Sie hat es mit ihrem Mann schon mindestens fünf Mal probiert und noch immer haben sie kein Kind.
Jetzt haben sie nur noch zwei Versuche miteinander, und wenn es dann immer noch nicht geklappt hat, kann sie ein anderer zur zweiten Frau haben.
Übrigens hat sie mich gestern gebeten, mich in diesem Fall ihrer anzunehmen, und wenn es dir nichts ausmacht, dann sage ich ihr zu.«
»Von mir aus kannst du mit ihr ein Kind machen und mich in Ruhe lassen«, schmollte Solana. »Du brauchst keine Angst haben! Ich werde versuchen, es so hinzubekommen, dass du nicht schon bei den ersten Malen befruchtet wirst«, beruhigte sie Janis.
Solana sah ihn dabei skeptisch an.
»Kannst du das denn überhaupt?« Janis nickte.
»Ich weiß, dass es geht, aber probiert habe ich es natürlich noch nicht. Jetzt mach dir bitte nicht mehr so viele Gedanken!
Es ist doch erst in elf Nächten so weit«, schmunzelte er und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Wange.
Solana durchfuhr ein angenehmes Kitzeln und sie war sehr überrascht, denn das hatte Janis bisher noch nie getan. Als er Anstalten machte aufzustehen, hielt sie ihn fest.
»Janis, versprich mir, dass du mir nie wehtun wirst«, flüsterte sie mit ängstlicher Stimme. Janis drückte sie erneut an sich.
»Meine kleine Solana, aber natürlich verspreche ich es dir.«
Erneut gab er ihr einen Kuss auf die Wange und drückte sie noch fester an sich, doch diesmal blieb das Kitzeln in ihrem Körper aus.
Sie blieben noch eine ganze Weile eng umschlungen auf den Kissen sitzen und sahen schweigend den grünen Wasserspielen zu, die von den Wänden liefen.
Leises gluckern durchbrach die Stille, bis die Tür aufging und Mata eintrat. Sie ging auf beide zu und lächelte vielsagend.
»Ach, hier seid ihr«, hörten sie Mata sagen. Solana, ich brauche dich einen Moment. Übrigens Janis – dein Vater sucht dich.«
Jetzt standen sie beide auf und Janis verließ den Raum und jeder ging vorerst wieder seinen eigenen Weg.
Die Zeit verging und der besagte Tag, an dem Solana das erste Mal zusammenkommen sollten, rückte immer näher.
Da schlich Solana sich eines Morgens aus ihrem Zimmer und tappte den dunklen Korridor entlang in Richtung der Zimmer, die für sie bis jetzt stets verboten gewesen waren.
Leise öffnete sie die erste Tür einen Spalt und schlüpfte hindurch. Sie horchte in die Stille, und als sie nichts hörte, zündete sie die Fackel an der Wand an. Jetzt konnte sie erkennen, dass sie sich in einem kleinen Raum befand, an dessen Hinterseite ein großer Tisch stand. An einem der Tischenden lag ein schweres Kissen – dick genug, um sich im Sitzen daran anzulehnen. Auf einem kleineren Tisch daneben waren fein säuberlich zusammengelegt mehrere Tücher neben einer großen Schüssel gestapelt.
Auf einem weiteren Beistelltisch stand ein größerer Korb. Solana wurde schlagartig klar, dass dies der Raum war, in dem die Kinder geboren wurden.
Sie beeilte sich, das Zimmer zu verlassen und geräuschlos die Tür hinter sich zu schließen. Im Dunkeln betrat sie das nächste Zimmer. Sie staunte nicht schlecht über das, was sie da sah: Die Felswände des ganzen Raumes waren mit Brettern versehen, auf denen mehrere Ballen mit Leinenstoff lagen, also dem Material, das die Gomas auch für ihre Bekleidung verwendeten.
Woher kam diese Menge an weichen, flauschigen Stoffen? Solana war sprachlos. In der Kammer befand sich auch eine Truhe, verborgen in einer dunklen Nische. Neugierig ging sie darauf zu und klappte den Deckel hoch. Sofort bekam sie große Augen.
In der Truhe lagen Männerkleider aus dunklem Stoff – und so etwas hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen. Wem das wohl gehörte? Daneben befanden sich Schuhe aus einem harten Material, ganz anders als die aus weichem dicken Stoff, die sie und das ganze Volk trugen.
Plötzlich hörte Solana Schritte. Rasch schloss sie die Truhe geräuschlos, huschte zur Tür und löschte die Fackel. Im nächsten Moment stand Janis neben ihr.
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