Dessen ungeachtet hatte er sich, während der knapp zwei Jahre die er sich in Frankreich im Einsatz befunden hatte, im Kapitalismus ausgesprochen wohlgefühlt. War auch die Gefahr der Entdeckung dauernd gegenwärtig, so entlohnten dafür gewisse Freiheiten.
Denn nicht nur auf Paris beschränkte sich damals sein Wirkungsfeld. Seine Zielpersonen kontaktierte er zudem in Lyon, in Orleans und in Chamonix. Dabei vermittelte ihm diese Mission genügend Erfahrungen, wie man im kapitalistischen Frankreich gut zu leben vermochte.
Am vergangenen Weihnachtsabend hatte er allein in der Wohnung vor dem alten Fernseher gehockt. Missmutig verfolgte er das westlich aufgemotzte Programm, gönnte sich nur einen Glühwein. Zu Silvester ging er bereits eine Stunde vor Mitternacht ins Bett.
Mit Renate traf er sich nach seiner Rückkehr aus der Ukraine Anfang Oktober nur einmal. Obwohl er sich auf sie freute, verbrachten sie nur eine gemeinsame Nacht, die für beide Seiten zudem recht unbefriedigend endete. Sie gaben sich redliche Mühe miteinander. Ihre Gedanken kreisten jedoch um wichtigere Dinge, als sich dem anderen völlig hinzugeben.
Gleich nach dem Mauerfall verschwand Renate sofort in Richtung Westen. Bisher kehrte sie noch nicht zurück.
Er nutzte die freie Zeit und fuhr zum Jahresende über die offene Grenze nach Hamburg. Nur, um sich mal in der Hafenstadt umzusehen. Dabei vermied er sogar, etwas vom Begrüßungsgeld auszugeben. Das tat er nicht etwa aus Geiz. Er wusste einfach nicht, wofür er das rare Westgeld aus dem Fenster werfen sollte.
Jetzt schrieb man schon das Jahr Neunzig und heute kam der erwartete Anruf. Aus den knappen Worten von Oberst Führmann schloss er, dass man ihn mit einer wichtigen Aufgabe betrauen wollte. Auch mit einer längeren Abwesenheit von Schwerin wäre zu rechnen.
Der Hals hatte sich ihm zugeschnürt, als er den Hörer nach seiner Bestätigung auflegte.
Was soll ich tun? Wie verhalte ich mich jetzt? Diese Frage spukte ihm zuvor bereits mehrfach durch den Kopf. Vor allem, wenn er im Fernsehen die schockierenden Berichte über die umsturzähnlichen Veränderungen im Lande betrachtete, drängte sie sich ihm auf. Demzufolge schien es ihm, dass die politische Lage bald noch chaotischer werden würde. Nicht nur, dass die Mauer fiel. Man trug sie in scheinbar hektischer Eile vielerorts schon ab.
Neue Regierungen kamen und gingen. Die gesellschaftlichen Organisationen – einfach aufgelöst. Selbst das Ministerium blieb davon nicht verschont! Die Umwandlung in ein sogenanntes »Amt für Nationale Sicherheit« hatte man bereits vorgenommen. Damit gab es, weil man diesen Dienst inzwischen wieder schrittweise zur Gänze abschaffen musste, das »Ministerium« im Grunde genommen gar nicht mehr.
Die Frage, wie lange die Zentrale im Gebäude in der Normannenstraße in Berlin überhaupt noch bestünde, schwebte unbeantwortet im Raum. Die meisten Bezirksverwaltungen in der Republik wurden ohnehin bereits erstürmt oder chaotisch aufgelöst.
In Anbetracht dessen lag der Gedanke an das Ende nahe. Nach den dramatischen Veränderungen in den letzten Wochen ging alles anscheinend in Richtung Selbstauflösung.
Er raufte sich die Haare. Dann suchte er sich zu beruhigen, goss noch einen Korn ins Glas.
Jetzt musste er die Entscheidung treffen! Seine kindisch anmutende Hoffnung, dass man ihn im Ministerium unter Umständen vergessen habe, galt mit dem Telefonat als hinfällig. Aber, wenn er nicht auf den Ruf aus Berlin wie erwartet reagierte, bedeutete das – Fahnenflucht!
Verdammt, diese beschissene Verpflichtung! Den Eid hatte er damals voller Überzeugung geleistet. In der Gewissheit den Guten anzugehören. Doch da schien er wohl einem Trugschluss unterlegen zu sein.
Zumindest ließ ihn das ein Zwiespalt vermuten, in den er in letzter Zeit zunehmend geraten war.
Beim Rückblick auf zum Teil unsägliche Dinge, die in den vergangenen Jahren auch durch sein Mittun geschehen waren, fühlte er zunehmende Skrupel. Und stellte sich die Integrität des Dienstes dadurch nicht selbst infrage?
Eine Flucht nach dem Westen, als Alternative zur Rückkehr nach Berlin? Diese Frage schwärte voller Ungewissheiten in ihm. Er kannte die Bundesrepublik nicht, käme als Bettler. Nur geschätzte dreitausend Mark lagen auf seinem Sparbuch. Nicht viel, für einen Zuwanderer. Zudem mit seiner Vergangenheit!
Ungeachtet seiner Zweifel packte Bauerfeind in einem Akt verzweifelter Entschlossenheit am Abend das »kleine Marschgepäck«. Neben einigen Kleidungsstücken und dem Waschzeug stopfte er in den Campingbeutel alle seine Papiere.
Auch die aus dem geheimen Versteck.
Die Ungewissheit, wann und ob er überhaupt hierher zurückkehren würde, erschien ihm zu groß!
Am darauf folgenden Morgen, als er aufbrach, herrschte draußen noch Dunkelheit. Zuvor löschte er im Kachelofen die Glut und drehte den Gashahn zu. Nach einem letzten, prüfenden Rundgang durch die Wohnung schloss er die Tür ab.
Ein eisiger Nieselregen fiel. Ohne den Blick zu wenden, marschierte er über schlecht beleuchtete Fußwege zum Bahnhof.
Berlin, Hauptstadt der DDR (6. Januar 1990)
Die Stadt präsentierte sich kalt und schneefrei. Es regnete nicht, wie zuvor noch in Schwerin. Gelegentlich drängte sich die Sonne für einen kurzen Augenblick durch die Wolkendecke.
In der Halle des Lichtenberger Bahnhofs schaute sich Frank Bauerfeind aufmerksam um. Plötzlich entdeckte er einen alten Bekannten.
Kolja Bruhns, der »OibE für den Ural«, stand inmitten von umherhastenden Reisenden. Über der Schulter trug er einen Campingbeutel. Soeben blickte er nach oben zu der großen Anzeigetafel.
Bruhns hatte sich nicht verändert. Stämmig, das dunkle Haar kurz geschnitten sah er aus wie eh und je. Doch in der Menge wirkte er ein bisschen verloren.
Vorsichtig trat Bauerfeind von hinten an ihn heran. »Wartest du zufälligerweise auf mich?«, raunte er und tippte ihm auf den breiten Rücken.
Bruhns fuhr herum, überrascht riss er die Augen auf. Nach kurzem Zögern drückte er Bauerfeinds Hand. »Haben sie dich auch hergeholt?«, fragte er leise und schaute dabei rasch in die Runde.
Sein Gegenüber nickte. »Weißt du, was wir hier machen sollen? Der Oberst klang am Telefon so – konspirativ! «, entgegnete er gedämpft.
Bruhns hob kurz die Schultern, schüttelte daraufhin den Kopf. »Ich hab’ keine Ahnung, worum es geht!«, sagte er nach einem Blick auf seine Armbanduhr. »Aber uns bleibt noch Zeit. Los! Wir setzen uns nach oben, in diese »Tagesbar«. Da können wir reden«
Sie stiegen über die breite Treppe hoch zur Empore und gingen durch die linker Hand gelegene Eingangstür in die Bar. Dort platzierten sie sich selbst an einen der Tische am Ende der langen Fensterfront. Von hier aus konnte man fast die ganze Bahnhofshalle überblicken.
Sie ließen sich in die Sessel fallen. Aufmerksam schauten sie sich im Gastraum um. Nur eine Handvoll Gäste hockten, in der Nähe des Bartresens, in den schwelgenden Polstern.
»Derzeit scheint jeder sein Geld krampfhaft festzuhalten. Um möglichst wenig davon auszugeben«, sagte Bruhns leise.
»Was bei den Preisen, die sie von uns für die vielen, neuen Waren aus dem Westen kassieren wollen auch kein Wunder ist!« Bauerfeind klang knurrig, wobei er durch die Glasfront in die Halle hinabdeutete.
Dort auf den freien Flächen sowie an den Eingängen herrschte Gedränge. Zumeist schwarzhaarige Händler hatten auf Tapeziertischen ihre Artikel ausgebreitet.
Auf sich durchbiegenden Sperrholzplatten bot man bunte, illustrierte Zeitschriften und Tageszeitungen aus dem Westen an. Ebenso Bananen, Orangen. Auch anderes Obst, das man bisher im Osten nur selten oder noch gar nicht kaufen konnte.
Bruhns schüttelte den Kopf und verzog angewidert das Gesicht. »Mann! Wenn ich diesen bunten Schund sehe, den sie uns jetzt überall andrehen wollen, wird mir schlecht! Wo soll das denn nur hinführen?« Er brannte sich eine Zigarette an, nachdem Bauerfeind die ihm entgegen gestreckte Schachtel dankend abgelehnt hatte. »Ich durfte seit Oktober letzten Jahres daheim hocken«, sagte er. »Nur herumgesessen habe ich. Und mir angeschaut, wie sie uns nach und nach platt machen!« Harsch winkte er ab, pustete den Rauch zur Seite. »Doch jetzt mal zu dir, Frank! Wo hast du bis heute gesteckt?«
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