„Heute jedoch war etwas anders als in all den Jahren, in denen ich ihn jetzt schon betreue“, erklärte er.
„Es ist das erste Mal, dass ich glaube, etwas wie einen Hoffnungsschimmer in seinen Augen gesehen zu haben. Etwas, das bisher immer fehlte. Auch in den Zeiten, in denen es scheinbar wieder mit ihm zu Ende ging.“
Heiders Stimme wurde immer leiser, während er von Steinbergs endlosem Kampf zwischen Leben und Tod berichtete. Stefan konnte an seinem Kehlkopf ablesen, mit welchen tiefen Gefühlen die Worte über seine Lippen kamen.
Auch wenn Heider versuchte, es zu verbergen, erkannte Stefan, dass er den Tränen nahe war.
Er erfuhr noch, dass Heider hier ursprünglich nicht mehr als seinen Zivildienst ableisten wollte, und nur die Verbundenheit zu Steinberg ihn damals hier hielt. Seitdem war die Pflege von Steinberg oder Heinz, wie er ihn inzwischen nannte, seine einzige Aufgabe, die er bis zu dessen letzter Minute erfüllen wollte. Und mit welcher Hingabe er sich dem Wohl dieses Menschen widmete, das konnte man in seinen Augen deutlich lesen.
Bevor sich Stefan an jenem Tag von Heider verabschiedete, musste er ihm noch versprechen, den alten Mann wieder zu besuchen. Stefan gab ihm seine Handynummer und sagte, er solle ihn am nächsten Tag anrufen, damit sie einen Termin dafür vereinbaren könnten.
Noch völlig benommen von diesem Besuch verließ Stefan die Residenz und machte sich auf den Weg zum Eingangstor, wo eine hilfsbereite Dame Stefans Chipkarte in ein Lesegerät schob, das den Ausgang freigab. Dann fuhr er nach Hause.
Die morgendliche Begegnung mit Heinz Steinberg beschäftigte Stefan noch den kompletten Tag und auch die anschließende Nacht hindurch.
Gegen ca. 15.00 Uhr rief Gerhard an und fragte, ob er ihn in die Liste seiner Mandanten aufnehmen und auf welchen Streitwert er sich einrichten solle. Doch wie Stefan inzwischen herausgefunden hatte, hatte niemand vor, ihn zu verklagen. Wenn er Gerhards Hilfe benötigte, dann allenfalls um ein paar Strafzettel für ihn zu regeln.
Stefan fasste sich am Telefon kurz, teilte Gerhard mit, dass sie auf der völlig falschen Fährte gewesen waren und er ihm irgendwann, wenn er wüsste, woran er wäre, die ganze Geschichte in Ruhe erklären würde.
Selbstverständlich würde er sich bis dahin einen eigenen Billardqueue zulegen und intensiv trainieren.
Unentwegt fragte er sich, wer dieser Heinz Steinberg war. Warum wollte er ausgerechnet ihn sehen? Und was hielt diese arme Seele in unserer Welt gefangen, das ihn so lange hinderte, endlich seinen weltlichen Frieden zu finden.
Die E-Mails von Heider trafen alle an der elektronischen Adresse ein, die Stefan ausschließlich für sein Buch und für seine Leser eingerichtet hatte. Bestand ein Zusammenhang zu diesem Buch, den er nur nicht erkannte?
Er entschied sich dafür etwas zu tun, das jedem normalerweise völlig unsinnig erschienen wäre, aber von dem er sich trotzdem so etwas wie eine Erleuchtung erhoffte. Eine Erkenntnis, die ihm bis dahin verborgen geblieben war.
Er klappte sein Laptop auf und begann sein eigenes Buch zu lesen.
Was hatte er damals geschrieben, das ihn in eine solche Situation brachte? Warum wollte ihn dieser alte Mann unbedingt sehen?
Obwohl niemand sein Buch besser kannte als er selbst, begann er es Zeile für Zeile noch einmal durchzugehen. So absurd es auch schien, versuchte er seine eigene Geschichte zu verstehen. Es ging dabei um seine esoterischen Ansichten, die sich wie ein roter Faden durch eine fiktive Geschichte ziehen sollten. Ein ganz normaler Roman, von einem ganz normalen Menschen geschrieben.
Eigentlich wollte er damals nur irgendetwas schaffen, was noch da sein würde, wenn er selbst schon lange das Zeitliche gesegnet hätte.
Es war schon merkwürdig, wie sich Menschen im Laufe eines Lebens entwickelten. Er selbst entwickelte seine Interessen von der Logik immer weiter weg zu den esoterischen und paranormalen Phänomenen.
Wie die meisten von uns versuchte er schon als Kind die Welt verstehen zu lernen.
Mechanische Logik, physikalische Grundgesetze und erklärbare mathematische Zusammenhänge waren für ihn alles, was das Leben ausmachte.
Alles, was man zusammenbauen, auseinandernehmen und verstehen konnte, übte auf ihn eine unglaubliche Faszination aus. Zum Leidwesen seiner Eltern wollte er viele Sachen einfach ganz genau wissen. Er zerlegte Plattenspieler oder Radiogeräte, um herauszufinden, wie diese funktionierten. Alles, was Menschen entwickelten und zusammenbauten, konnte man auch wieder auseinandernehmen und feststellen, wie alles zusammenspielte.
Als Autor seiner Geschichte war er an diesem Abend allen anderen ein kleines Stück voraus. Er wusste, welche Stellen er lesen musste und welche er einfach überspringen konnte. Schon sehr früh wurde ihm klar, dass es nicht besonders viele Leser gab, die in der Lage sein würden, dem roten Faden der Esoterik, den er in seine Story eingewebt hatte, zu folgen.
Anders als in der legendären Fernsehserie „Raumpatrouille“ rund um das Raumschiff Orion, bei der sich die außerirdischen Bösewichte sogenannter Telenose-Strahlen bedienten, baute seine Geschichte auf einer erweiterten Form der Logik auf.
Wenn unsere Welt tatsächlich nur aus einer Form der Illusion bestünde, dann gäbe es zwangsläufig, wie bei jeder Illusion, bestimmte Punkte, die für alle Menschen gleich wären. Unsere modernen Magier sowie auch die des alten Ägyptens machten sich diese Punkte immer wieder zunutze. Wenn sich alle im selben Augenblick auf dem gleichen Punkt konzentrierten, dann war es möglich die Richtung gezielt vorzubestimmen.
Die Bösewichte in seiner Geschichte suchten diese Knotenpunkte in einer Computersimulation und übertrugen ihre Erkenntnisse auf unsere reale Welt. Sie standen zwar noch am Anfang ihrer Arbeit, aber die von ihnen ausgehende Gefahr war bereits deutlich zu erkennen.
Ein dafür eingesetzter Telepath musste also nicht komplette Abläufe in die Gedanken der Menschen implementieren, sondern nur leichte Veränderungen an den Knotenpunkten vornehmen.
Stefan wusste, dass diese Geschichte von vielen seiner Leser fast genauso belächelt wurde, wie das Bügeleisen auf der Steuerkonsole der Orion, aber ihm bereitete die Erfahrung, ein Buch zu schreiben, zunehmend Spaß. Gleichzeitig folgte er einem inneren Zwang, was er jedoch niemals einem Menschen erzählt hatte.
Und wer weiß? Was, wenn wir alle wirklich nicht mehr sind als das Produkt unserer eigenen Gedanken? Würden wir es überhaupt wissen wollen?
Unwillkürlich stellte er sich die Frage, ob Steinberg, der mit Gewissheit nicht mehr in der Lage war ein Buch selbst zu halten, geschweige es zu lesen, „Im Netz der Gedanken“ überhaupt kannte. Gehörte er zu den wenigen, die es verstanden, zwischen den Zeilen zu lesen? Wenn ja, warum wollte er den Autor unbedingt kennenlernen?
Alles, was Stefan damals geschrieben hatte, war schließlich frei erfunden und entstammte lediglich seiner Fantasie. Seine Gedanken waren zwar nicht so frei wie die Fantasie eines Kindes, aber die Story war wenigstens ein Produkt dessen, was er aus seiner Kindheit in die Welt der Erwachsenen hatte mitnehmen können..
Irgendwann schlief er beim Lesen seiner Geschichte ein.
Paolosaß in seinem Büro in der Villa und studierte den ersten Bericht aus Berlin.
Giovanni hatte das Reisebüro für ein paar Tage geschlossen und seine beiden Mitarbeiterinnen beurlaubt.
Auf dem Schild der Eingangstür stand: „Wegen Krankheit geschlossen.“
Frau Hellwich und Frau Waldmann hatten anfangs protestiert, weil sie glaubten, diese freien Tage vom Urlaub abgezogen zu bekommen, aber nachdem Giovanni ihnen mitgeteilt hatte, dass dies nicht der Fall sei, hatten sie es plötzlich eilig nach Hause zu fahren.
Der Bericht in Paolos Händen war sorgfältig erstellt und war als verschlüsselte E-Mail vor einer Stunde ein getroffen.
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