Entschlossen lenkte er sein Auto in eine Parklücke, die bei seinem Eintreffen (wieder einmal) direkt vor dem Grundstück frei wurde und machte sich zu Fuß auf den Weg zum Eingangstor.
Von welcher Güte die Arbeit des darin lebenden Anwalts sein mochte, darüber bestand inzwischen kein Zweifel mehr.
Zumindest wusste dieser Anwalt offensichtlich sich seine Leistungen mehr als ordentlich honorieren zu lassen. Zudem verstand er es meisterlich, seine Besucher bereits beim Eintreffen mit kostspieliger Eleganz zu beeindrucken.
Anders als erwartet, existierte jedoch nirgends eine goldene Namenstafel, die auf eine Anwaltskanzlei schließen ließ. Diese Namenstafeln gaben im Allgemeinen bereits erste Hinweise auf die zu erwartende Gebührenrechnung.
Das Hauptgebäude befand sich auf dem hinteren Teil des Anwesens, während eine akkurat gepflegte Rasenfläche den erforderlichen Rahmen dazu bildete. An zwei Bäumen konnte man Überwachungskameras entdecken, die offensichtlich zum Schutz der gesamten Anlage installiert worden waren. Schnell ging Stefan seine Checkliste noch einmal im Kopf durch.
,Wollte er dieses Grundstück tatsächlich betreten? Sich wirklich dem Gespräch mit jemandem aussetzen, der gesellschaftlich so deutlich in einer höheren Liga spielte, von der er eigentlich so gut wie nichts wusste?‘
In dem Moment, als er darüber nachdachte, bemerkte er den ins Mauerwerk eingelassenen Klingelknopf, der in der Sonne glänzte. Immer noch zögerte er, ihn zu betätigen. Nach einer eingelegten Zigarettenpause und genauer Inspizierung des Grundstücks drückte er ihn dann doch und harrte der Dinge, die da kommen würden. Bereits nach wenigen Sekunden kam eine Frau in Schwesterntracht ans Tor und fragte freundlichst, was sie denn für ihn tun könne.
Völlig verwirrt von diesem Anblick teilte Stefan ihr mit, dass er einen Termin mit einem gewissen Herrn Steinberg hätte.
„Einen Moment bitte. Ich hole Herrn Heider.“
Noch bevor Stefan auch nur ein Wort sagen konnte, verschwand sie mit ihren Stöckelschuhen, deren Absätze rhythmisch auf den Gehwegplatten trommelten, wieder im Gebäude. Stefan wartete geduldig, und noch während er darüber nachdachte, wie Absatzschuhe und Schwesterntracht zusammenpassten, tauchte ein kräftiger, fast hünenhafter Mann von ca. 40 Jahren auf, der ihn mit den Worten „Hallo, ich bin Bernd Heider. Ich freue mich, dass sie hier sind“, empfing.
Er trug genau wie Stefan eine Stoffhose und dazu ein grünes Poloshirt, dessen kurze Ärmel sich um den Bizeps eines Bodybuilders spannten. Die zur Begrüßung entgegengestreckte Hand erinnerte Stefan allerdings eher an die Pranke eines Bären, und er konnte nur noch mit ansehen, wie seine eigene komplett darin verschwand, um augenblicklich den Kräften eines Schraubstocks ausgesetzt zu werden.
„Entschuldigung, aber ich weiß immer noch nicht, was ich hier überhaupt suche“, erwiderte Stefan schüchtern, während er krampfhaft versuchte, das Blut durch eine gezielte Massage wieder in seine Hand zurückzuführen.
„Das erklärt Ihnen am besten Herr Steinberg selbst“, entgegnete Heider, und so folgte Stefan dem Riesen ins Gebäude. ‚Ein Anwalt mit einem eigenen Leibwächter?, dachte Stefan bei sich. ‚Ich muss irgendjemandem doch ziemlich auf den Schlips getreten haben.?
Was er jedoch kurze Zeit später beim Betreten des Gebäudes erblickte, führte sämtliche Theorien der letzten Tage auf einen Schlag ad absurdum.
Noch während die schwere Tür hinter ihm ins Schloss fiel, entdeckte er fast ausschließlich alte Menschen, die sich, teils allein, teils mit einer jüngeren Person an ihrer Seite, durch die Eingangshalle bewegten. Viele saßen in Rollstühlen, während andere die verschiedensten Gehhilfen in Anspruch nahmen.
Stefan fragte Herrn Heider, was das Ganze zu bedeuten habe und wo er sich überhaupt befände.
Heider sah ihn aus seinen riesigen braunen Augen mit einem Ausdruck der Verwunderung an, bevor er antwortete.
„Dies hier ist die Seniorenresidenz ´Preußen´. Haben Sie die Tafel am Eingangstor nicht gesehen?“
„Da war keine Tafel“, erwiderte Stefan, wobei er nervös stotterte.
„Natürlich!!!“, entgegnete der Hüne „Sie haben natürlich vollkommen recht. Ich hatte völlig vergessen, dass sie im Moment gerade erneuert wird. Wissen Sie, wenn man, wie ich, bereits seit über 20 Jahren hier lebt, dann achtet man auf so etwas nicht mehr. Bevor wir uns jedoch auf den Weg zu Herrn Steinberg machen, müssen wir Ihren Besuch bei uns noch registrieren lassen. Haben Sie Ihren Ausweis dabei?“
Wortlos zückte Stefan seinen Personalausweis und übergab ihn einer Frau in einem schlichten grauen Kostüm, die bereits neben ihnen stand und Heider streng ansah. Heider nahm ihr ein Klemmbrett ab, auf dem er den Namen Heinz Steinberg sowie die genaue Uhrzeit notierte.
Mit diesen Unterlagen bewaffnet hastete die dienstbeflissene Mittvierzigerin an ihren Computer, um alle Daten ordnungsgemäß zu erfassen. Bereits nach wenigen Augenblicken, in denen ihm Bernd Heider die Notwendigkeit dieser Sicherheitsmaßnahme erklärte, bekam Stefan nicht nur seinen Personalausweis, sondern auch noch eine Chipkarte in die Hand gedrückt, die er auf jeden Fall beim Verlassen der Anlage wieder abgeben sollte, um ordnungsgemäß auszuchecken. Nur wer sich auscheckte, hatte auch eine Chance, die Anlage später wieder zu besuchen, erfuhr er.
Zwar fand Stefan diese Maßnahme für ein Altersheim etwas übertrieben, ließ aber alles artig über sich ergehen. Schließlich wollte er immer noch erfahren, wer ihn auf welchen Schadenersatz verklagen wollte. Immer noch hatte er die Anwaltstheorie im Kopf.
Verwirrt lief er im Schatten des Hünen an den anwesenden Bewohnern vorbei. Immer wieder drehte sich dieser zu Stefan um und versicherte sich seiner Begleitung.
Die gesamte Residenz war, wie Stefan feststellen musste, noch viel größer als er es von der Straße aus erkennen konnte. Nachdem sie durch unzählige Flure gelaufen waren, öffnete Herr Heider eine kleine Tür, die sie wieder ins Freie führte.
‚Anscheinend doch kein so vermögender Anwalt, sondern einer der sich in einem Altersheim einmieten musste?, mutmaßte Stefan. Sie befanden sich inzwischen in einer Grünanlage, die offensichtlich den hiesigen Bewohnern als Erholungsort diente. Überall saßen Senioren auf Bänken und genossen die letzten Sonnenstrahlen, die der späte Sommer für sie bereithielt. An einem kleinen Tisch, um den vier gusseiserne Stühle standen, saßen alte Männer und spielten Skat, während sich die Damenwelt offensichtlich an dem großzügig angelegten Rosengarten erfreute. Alle hatten einen mehr oder weniger zufriedenen Ausdruck in ihren Gesichtern.
Beim Anblick dieser Bilder verflüchtigte sich auch die gerade erst entstandene Theorie des zur Untermiete lebenden Anwalts rasch. Dieses Heim oder Seniorenresidenz, wie man heutzutage sagte, beherbergte ausschließlich alte Menschen, die der Pflege bedurften.
Stefan fragte sich, ob einer der Männer wohl Herr Steinberg wäre. Oder gehörte er vielleicht zum Personal? War es vielleicht sogar der Chefarzt oder Leiter dieser Einrichtung? So ein Professor Dr. Dr. Irgendwie?
Inzwischen wusste er absolut nicht mehr, woran er war, und was für Überraschungen ihn hier noch erwarten würden.
Herr Heider führte Stefan mit riesengroßen Schritten, denen der kaum folgen konnte, zu einem kleineren Gebäude, bei dem es sich, laut einer im Rasen platzierten Hinweistafel, um die „Pflegestation IIIb“ handelte.
Sofort nach dem Betreten dieser Abteilung konnte Stefan den unverkennbaren Geruch eines Krankenhauses wahrnehmen. Sie gingen an einer, als solche ausgewiesene, Intensivstation vorbei und kamen schließlich zu einer Art Privatwohnung. Laut Herrn Heider sei dies die einzige ihrer Art in diesem Gebäude. Er schob einen Schlüssel ins Schloss und öffnete behutsam die Tür. Dann bat er Stefan herein.
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