Heider suchte einen Tisch etwas abseits des lebhaften Geschehens aus und forderte seinen Gast auf, Platz zu nehmen. Höflich fragte er, was er ihm zu trinken besorgen könne, und Stefan entschied sich in Anbetracht der Uhrzeit für einen Kaffee, obwohl er in diesem Moment auch einen kräftigen Cognac vertragen hätte. Dann zog Heider mit dem freundlichen Gesichtsausdruck eines Kellners, der sich ein großzügiges Trinkgeld erhoffte, los und verschwand im Gastraum, durch den sie gerade gekommen waren.
Neben den vielen alten Leuten, die dort verweilten, fiel Stefans Blick auf den einzigen Menschen, der optisch wohl am ehesten in diese künstlich erschaffene südländische Oase passte. Er saß am Nebentisch, schaute mit leerem Blick in eine Zeitung und war Stefan bereits beim Reinkommen aufgefallen, weil er sich anscheinend mehr für die anderen Gäste als für seine Lektüre interessierte. Circa 40 Jahre alt, schwarzes lockiges Haar und braun gebrannte Haut. Die kurzen Ärmel spannten sich straff über muskelbepackte Oberarme, wie Stefan sie zuvor nur einmal am Strand von Miami Beach beobachtet hatte. Nur dass der Kerl damals einen unappetitlichen Stringtanga getragen hatte, während der Mann am Nebentisch eine ordentliche Bundfaltenhose sowie ein modisches weißes Poloshirt sein Eigen nannte. Stefans neugierige Blicke erwiderte dieser, wie man annehmen könnte, südeuropäische Krankenpfleger mit einem stummen Kopfnicken, was wie eine Begrüßung wirkte. Gleichzeitig schien ihm dieser kurze Blickkontakt jedoch unangenehm zu sein. Sofort widmete er sich wieder seiner Zeitung, und auch Stefan wandte sich von ihm ab, um die gesamte Exklusivität der Restauration zu erfassen.
Während er seit ein paar Sekunden einer Rommé spielenden Seniorengruppe zusah, nahm er auch schon den Duft von frischem Kaffee wahr. Herr Heider stellte zwei große französische Kaffeetassen sowie ein Sahnekännchen und eine Zuckerdose auf den Tisch und lächelte Stefan breit an.
Er erkannte, dass dieser von dem, was er hier zu sehen bekam, immer noch völlig irritiert war.
Voller Stolz erzählte Heider von noch drei weiteren Restaurants, die sich ebenfalls auf dem Gelände befänden. Das erste existiere nahe dem Haupthaus und fühle sich der deutschen Küche verpflichtet. Es habe alles zwischen Aal und Zwiebelrostbraten auf der Speisekarte.
Obwohl der Letztere nach Stefans Wissen ursprünglich aus Österreich stammte, benutzte Heider diese Formulierung, die er offensichtlich dem abendlichen Werbefernsehen entnommen hatte. Entgegen seinem Naturell verzichtete Stefan darauf, ihn auf diesen Fauxpas hinzuweisen. Stefan glaubte zwar zu wissen, dass der Zwiebelrostbraten aus Österreich stammt, verzichtete aber darauf, Heider auf seinen Irrtum hinzuweisen.
Ein weiteres Restaurant habe sich den Liebhabern der italienischen Kost verschrieben und befände sich weiter hinten auf dem Grundstück, welches eine Gesamtgröße von 14.000 Quadratmetern umfasse. Zu guter Letzt gäbe es noch ein sogenanntes internationales Restaurant, in dem die Speisekarte täglich zwischen verschiedenen Ländern wechsele.
Egal, ob griechisch mit viel Ouzo zur Verdauung oder französisch mit einem milden Rotwein zur Abrundung eines Gourmetabends, werde dort den Gästen alles geboten, was die internationale Küche hergebe. In einer Woche könne man dort eine kleine gedankliche Rundreise an die schönsten Urlaubsorte der Welt unternehmen, fügte Heider stolz hinzu.
Auf die Frage, wie viele Bewohner es in der Anlage gäbe, erfuhr Stefan, dass es insgesamt 1.442 Betten gab, von denen zurzeit ca. 1.350 belegt waren.
Dazu kämen noch 420 Privatwohnungen für das medizinische und sonstige Personal.
Herr Heider versorgte Stefan mit einigem Hintergrundwissen zur Anlage, ohne jedoch auf den alten Mann zu sprechen zu kommen. „Viele Leute reißen sich heutzutage das Erbe ihrer Eltern oder Großeltern unter den Nagel und schieben diese dann in Einrichtungen wie diese ab. Viel zu selten kommt es dabei vor, dass jemand in der Lage ist, seinen Anverwandten wenigstens den Luxus zu ermöglichen, den er selbst eines Tages genießen möchte. Ob Sie es glauben oder nicht, aber nur ca. 40 % der hier lebenden alten Menschen verfügen über gut situierte Angehörige. Die sind naturgemäß viel zu geizig für Einrichtungen wie diese. Bei den restlichen 60 % der Leute, die hier untergebracht sind, sparen sich die Familien die monatlichen Kosten hierfür buchstäblich vom Munde ab, nur um sich ihrer Alten zu entledigen. Einen nicht unerheblichen finanziellen Anteil steuern die Initiatoren und Eigentümer der Anlage selbst bei. Alles, was Sie hier sehen, wurde aus privaten Mitteln finanziert.“
Heider rührte, während er dies erzählte, die ganze Zeit mit abwesendem Blick in seinem Kaffee herum, ohne auch nur einen einzigen Schluck davon zu trinken.
Stefan machte diese Ansprache in dem Moment sehr betroffen, und er schwor sich, noch am selben Abend seine Mutter anzurufen. Er wollte nur kurz Hallo sagen und ihre Stimme hören. Sie einfach wissen lassen, dass er an sie dachte, und sich bei dieser Gelegenheit auch nach ihrem Befinden erkundigen.
„Zu welcher Gruppe gehört die Familie von Herrn Steinberg?“, fragte Stefan, ohne zu zögern.
„Zu keiner der beiden“, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Herr Steinberg hat keine Familie, die sich um ihn kümmern könnte. Er war nie verheiratet und infolge dessen hat er auch keine Kinder. Es gab, soweit ich weiß, in sehr frühen Jahren nur einmal eine Frau, die er sehr liebte. Aber die wurde zu einem der vielen Opfer, die der Zweite Weltkrieg gefordert hat. Er spricht nicht gerne über sie.
Eines Tages jedoch, wir glaubten wieder einmal, dass sein langes Leiden ein Ende finden würde, tat er es doch und vertraute sich mir an. Sie hieß Annelie und war jüdischer Abstammung. Damals übermannte ihn sein schlechtes Gewissen, weil er nicht in der Lage war zu verhindern, was zu jener Zeit nicht zu verhindern war. Während er für die bösartigsten Mächte, die jemals unser Land regierten, als Sanitäter irgendwo in Italien täglich um sein eigenes Leben fürchten und andere Leben retten musste, wurden sie ihrer habhaft. Sie versteckte sich seit seiner Einberufung damals in der Wohnung seiner Mutter, deren Mann, also der Vater von Heinz, bereits im Ersten Weltkrieg als Flieger über der Nordsee abgeschossen wurde. Annelie und die Mutter sollen sich sehr nahegestanden haben. Also versuchte diese alles, um die zukünftige Schwiegertochter zu schützen. Bis irgendein wahnsinniger SS-Offizier einen Grund dafür fand, sie gemeinsam mit Annelie nach Majdanek in Polen zu verfrachten, wo beide die verheerenden Massenvernichtungsanlagen dieses Konzentrations- und Arbeitslagers nicht überlebten.“ Nach diesem kurzen Einblick in Steinbergs Vergangenheit versuchte Stefan einen weiteren Anlauf. „Wer finanziert dann Herrn Steinbergs Anwesenheit hier?“ Heider lächelte durch einen schmalen Schlitz seines Mundes, wobei man seine strahlend weißen Zähne bewundern konnte. „Niemand! Gerüchten zufolge soll er selbst einst die Wege für diese Residenz geebnet haben. Inwiefern dies tatsächlich der Wahrheit entspricht, habe ich nie herausgefunden. Die Leitung der Seniorenresidenz obliegt seit Anfang an einer freundlichen, inzwischen älteren Dame. Die eigentlichen Eigentümer sollen, wie gesagt, in Italien zu Hause sein. Ich habe meines Wissens jedoch nie einen von denen hier gesehen. Und wenn Sie mich fragen, dann hat auch niemand der Führungsebene hier in Berlin diese Leute je zu Gesicht bekommen.
Es wird gemunkelt, dass nur Heinz wüsste, wer dahinter steckt, aber niemand, mich eingeschlossen, würde ihn jemals danach fragen.“
„Wie lange lebt er selbst schon hier?“, wollte Stefan wissen.
„Seit 1972 soll er bereits in der Anlage wohnen.“
Heider erzählte davon, dass der alte Steinberg der Medizin immer wieder neue Rätsel aufgäbe und es ihm einfach nicht vergönnt wäre seinen Frieden zu finden.
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