Sie standen beide in einem kleinen Flur mit weißen Wänden. Aus einer Küche, die gut aufgeräumt, ja fast unbenutzt aussah, kamen ein paar Lichtstrahlen, die den Eingangsbereich etwas erhellten. Hinter den Wänden der Wohnung wich der unangenehme Krankenhausgeruch dem frischer Blumen, der die Atmosphäre auflockerte. Sie standen, als Herbststrauß gebunden, dekorativ auf einer halbrunden Glaskonsole, die aus einer der vier Wände ragte. Neben der geöffneten Küchentür zählte Stefan noch drei weitere. Heider öffnete eine davon, diesmal jedoch ohne Schlüssel. Er steckte seinen Kopf kurz ins Zimmer, zog ihn wieder heraus und bat seinen Besucher, einen Moment zu warten, weil Herr Steinberg gerade schliefe.
‚Eine Unverschämtheit?, entschied Stefan. ‚Erst Besuch einladen und dann einfach schlafen.?
Ein paar Minuten später wurde er dann aber doch in das Zimmer gebeten.
Nun musste er allerdings erst einmal tief durchatmen, weil das, was er zu sehen bekam, ihn endgültig verblüffte. Sie standen vor einem Bett, in dem ein knochiger alter Mann lag, den Stefan auf mindestens 90 Jahre schätzte.
Sein weißes Haar war schon sehr dünn und anscheinend bewusst sehr kurz gehalten.
In seinem Gesicht waren ausgeprägte, tiefe Furchen, und man konnte selbst in dem schwachen Licht, das eine einzelne Nachttischlampe spendete, die feinen gerissenen Adern eines Greises erkennen.
Die Jalousien an den Fenstern waren heruntergelassen, um das Tageslicht auszusperren. Wahrscheinlich hätte der Alte sie nicht mehr vertragen. Stefan bemerkte ein paar offensichtlich wertvolle Gemälde an den Wänden, sowie ein von Hand geschnitztes Kruzifix über dem Bett. Der gesamte Raum war spartanisch eingerichtet, ohne dabei jedoch kalt zu wirken. In einer Ecke stand ein Fernsehgerät auf einer fahrbaren Kommode. Auf dem Nachttisch lag neben ein paar Tablettenpackungen eine Bibel, außerdem ein kleiner Schreibblock und ein Füllfederhalter. Stefan hatte seit Jahren keinen richtigen Federhalter mehr gesehen.
Er selbst war damals über die Erfindung des Kugelschreibers nur allzu dankbar, weil er als Linkshänder immer Probleme mit Tintenfüllern hatte. Die Tinte trocknete bei seinen Versuchen, ein solches Schreibgerät zu benutzen, immer langsamer als er sie mit seiner linken Hand wieder verwischte.
Da lag er nun also vor ihm. Der Mann, den er seit Tagen fürchtete, und wegen dem er sogar einen teuren Anwalt konsultiert hatte. Immerhin hatte er als Verlierer am Billardtisch die gesamte Zeche allein beglichen, was man einem anwaltlichen Spitzenhonorar gleichsetzen konnte.
Heider beförderte noch rasch ein Kissen in den Rücken des alten Mannes, damit dieser seinen Gast, halb sitzend, halb liegend, sehen konnte. Der Alte musterte Stefan mit großen wachen Augen, bevor sich sein Gesicht zu einem freundlichen Lächeln verzog.
Dann sprach er so leise, dass man Mühe hatte, ihn zu verstehen, aber mit einem deutlichen Ausdruck der Erleichterung.
„Endlich!!!“
Es war dasselbe einzelne Wort, welches Stefan vor einigen Tagen in der E-Mail gelesen hatte, die er als Antwort auf seine eigene bekam.
„Darf ich vorstellen, Herr Steinberg“, Heider hinter sich sagen. Nur zögernd ging Stefan einen Schritt auf das Bett zu und reichte Herrn Steinberg zur Begrüßung seine Hand. Steinberg hatte Mühe, seinen rechten Arm zu heben, um ihm seine bis auf die Knochen abgemagerte, von dicken Adern durchzogene Hand entgegenzustrecken.
Dann legte er seine zweite Hand auf die nun zur Begrüßung vereinten Hände und flüsterte:
„Auf diesen Augenblick musste ich sehr lange warten – manchmal glaubte ich schon – viel zu lange.“
Herr Heider eilte ans Kopfende des Bettes und sah die beiden an. Er blickte in Steinbergs Augen, und man konnte erkennen, dass er, genauso wie der alte Mann, große Mühe hatte, sich der Gefühle zu erwehren, die beide ganz offensichtlich in diesem Moment empfanden.
Nur Stefan stand da und brachte keinen Ton heraus. Weder kannte er den alten Mann, noch wusste er, warum er überhaupt bei ihm war.
Der Alte hielt seine Hand immer noch fest, als ob er einen guten Bekannten oder ein lang vermisstes Familienmitglied nach vielen Jahren endlich wiedergefunden hätte.
Doch wer war er?
Warum brachte er einem Fremden dieses tiefe Gefühl entgegen. Weder der Name Steinberg noch dieses Gesicht war Stefan je zuvor in seinem Leben begegnet.
Erst jetzt konnte Stefan feststellen, dass Herr Heider, der ihn zunächst an einen Holzfäller oder Gewichtheber erinnerte, in Wahrheit ein sehr warmherziger und gefühlsbetonter Mensch war. Heider richtete erneut seinen Blick auf Steinberg und sagte so leise und fürsorglich er es vermochte:
„Heinz, du solltest jetzt schlafen. Ich bin mir sicher, dass ihr beide euch bestimmt bald wiedersehen werdet. Du weißt, was der Arzt gesagt hat: Nicht alles auf einmal erwarten.“
Er drehte sich zum Nachttisch neben dem Bett um und legte ein paar Tabletten, die er einem Rosenholzkästchen entnahm, zurecht. Dann füllte er ein Glas am Waschbecken hinter Stefan mit Wasser und verabreichte Steinberg, dessen Kopf er behutsam mit einer Hand unterstützte, seine Medizin.
Noch immer fühlte Stefan die alten knochigen Hände, die während der ganzen Zeit die seine festhielten.
„Versprechen Sie mir, dass Sie mich so bald wie möglich wieder besuchen. Wir haben so viel zu bereden“, flüsterte er mit heiserer Stimme. Die Bewegungen seiner Lippen waren kaum wahrnehmbar.
Stefan versprach es, ohne zu wissen warum eigentlich. Erst dann ließ der Alte seine Hand wieder los und schloss die Augen.
Bernd Heider deutete Stefan das Zimmer zu verlassen, was dieser auch sofort dankbar tat. Allerdings verließ er nicht nur das Zimmer, sondern auch das Gebäude, um sich draußen im Freien eine Zigarette anzuzünden. Diesen unerwarteten Anblick galt es erst einmal zu verdauen.
Seine Blicke wanderten draußen durch die warme Spätsommerluft hinüber zu alten Leuten und hastig vorbeieilenden Menschen, die offensichtlich zum Personal gehörten. Einige der Jüngeren waren wahrscheinlich Besucher oder Verwandte der Bewohner. Nur die wenigsten trugen Krankenhauskleidung, weshalb es unmöglich erschien, Besucher und Pflegepersonal voneinander zu trennen.
Während er die Szene beobachtete, kam auch Herr Heider wieder aus dem Gebäude und gesellte sich zu ihm.
„Er schläft jetzt“, sagte er genauso leise, als ob sie sich immer noch am Krankenbett befänden.
„Würden Sie mir bitte erklären, was das Ganze hier zu bedeuten hat?“, bat ihn Stefan, wobei er ebenfalls sehr leise sprach.
„Kommen Sie bitte mit in die Cafeteria. Dort werde ich, soweit wie ich es vermag, versuchen Ihnen zu erklären, warum Sie hier sind.“
Wissbegierig folgte Stefan dem Riesen über die durch Steinplatten gekennzeichneten Wege. Immer noch vorbei an mehr oder weniger glücklich wirkenden alten Menschen, die, wie er vermutete, hier den Rest ihres Lebens verbringen würden.
Nach ungefähr 200 Metern des Weges, der sich durch einen herrlichen Garten schlängelte, erreichten die beiden ein weiteres Gebäude, in dem sich die Cafeteria befand. Sie sah von außen aus wie ein Sommerpavillon. Achteckig, vollständig aus Holz gefertigt, inmitten einer Idylle, die Stefan vergessen ließ, dass er sich immer noch in Berlin befand. Das Dach war mit ihm unbekannten schwarzen Steinplatten bedeckt, die in der Mittagsonne in den verschiedensten Farben schimmerten. Neben den Stufen, die zum Eingang führten, entdeckte er eine flach ansteigende Betonfläche, die auch den vielen Rollstuhlfahrern, die hier lebten, die Benutzung der Einrichtung ermöglichte, und von denen vor jedem Gebäude eine zu finden war.
Er erwartete einen dieser karg eingerichteten Räume, wie sie im Allgemeinen in Krankenhäusern vorzufinden waren. Eine Art Fließbandkantine, in der ein genervtes Personal unwirsch seiner Arbeit nachging. Doch auch diesmal sollte er sich irren. Völlig überrascht betrat er hinter Herrn Heider einen stilvoll eingerichteten Gastraum, den man in Art und Ausstattung viel eher in einer Ferienanlage oder einem dieser vielen Ferienclubs in Südeuropa vermutet hätte. Schlagworte wie „Urlaub unter Freunden“, mit denen diese Orte allgemein warben, kamen ihm in den Sinn. Sein Blick fiel neben dem für eine Cafeteria weit ausladenden Tresenbereich sofort auf die großzügige Terrasse mit ihren vielen Sonnenschirmen. Keiner der Schirme trug einen Werbeaufdruck, sondern alle waren aus buntem bedrucktem Tuch mit südländischem Motiv bespannt. Obwohl der Herbst noch nicht sehr weit vorangeschritten war, zierten bunt schillernde Ahornblätter den mit Mosaiksteinen verzierten Fußboden im Freien. Hier gab es keine einfachen weißen Tische und Kunststoffstühle, wie man sie selbst in teuren Ausflugslokalen heutzutage antraf. Zum Ambiente passende Teakholzstühle mit farbenfrohen Kissen und breiten Armlehnen forderten zum Verweilen auf. Nichts konnte daran erinnern, dass es sich um die moderne Form eines Altenwohnheims handelte.
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