„Ich muss los“, sagte Rena. „Zu meinem Baum.“
„Du kannst nicht alleine gehen – ich komme mit“, sagte Kip entschlossen, und Rena protestierte nicht. Schnell schrieb sie eine Nachricht an Tjeri und schickte sie mit einem Wühler auf den Weg, dann packte sie ihre Sachen.
Im nächsten Ort lieh Rena ein Dhatla, damit ging es schneller. Kip half ihr, auf den Rücken des schnaubenden, zwei Menschenlängen hohen Reptils zu klettern und es sich hinter dem hornigen Nackenschild bequem zu machen. Sie brauchten nur einen halben Tag bis zu der Lichtung. Rena band das Dhatla ein Stückweit entfernt an; zu ihrer Viveca führte kein Pfad, man musste sich durchs Unterholz winden. Beunruhigt sah sie an geknickten Pflanzen und niedergetretenem Gras, dass Menschen hier entlanggegangen waren. Sie wechselte einen Blick mit Kip.
„Etwa vier Leute“, sagte er.
Renas ungutes Gefühl wurde immer stärker. Das letzte Stück bis zur Lichtung rannte sie. Als sie sah, was geschehen war, stockte ihr der Atem und ihr Körper schien taub zu werden. Tränen drängten aus ihren Augen, überschwemmten ihre Wangen.
Jemand hatte ihre Viveca gefällt. Nur noch ein kniehoher Stumpf war zu sehen, auch der Stamm war schon weggebracht worden. Abgerissene Blätter und Blüten lagen herum, in den Boden getrampelt.
Rena krümmte sich vor Kummer. Jetzt wusste sie also, was sie gestern gespürt hatte.
Inzwischen hatte Kip die Reste des Baumes und die Fußspuren untersucht und kam zurück, um ihr Bericht zu erstatten. „Das waren keine Erd-Leute. Erstens, weil keiner von uns so etwas tun würde. Eine lebende Pflanze! Zweitens haben die Kerle die Viveca mit ihren Äxten dermaßen laienhaft umgeschlagen, dass sie sich vermutlich um ein Haar selbst etwas abgehackt hätten.“
Rena wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und putzte sich die Nase mit einem Blatt. „Vielleicht haben sie nicht geahnt, dass es ein Lebensbaum ist. Nicht jeder, der zu einer anderen Gilde gehört, weiß, was das grüne Band um den Stamm bedeutet.“
Den Stamm, den es nicht mehr gab. Sofort strömten ihre Tränen wieder.
Kip legte den Arm um sie. „Ich schätze, es waren Soldaten. Denen sind Bäume so was von egal.“
„Aber warum haben sie es gemacht?“, schluchzte Rena. Doch dann stieg eine Ahnung in ihr hoch, eine Ahnung, die so furchtbar war, dass sie sie selbst kaum glauben konnte. Nur sehr wenige Menschen wussten von diesem Baum, wo er stand und was er ihr bedeutete. Aber vor zwei Tagen hatte sie jemandem davon erzählt – den Kindern des Mond-Orakels. Rena musste an den hasserfüllten Blick denken, den die drei ihr zugeworfen hatten, als sie nach ihren Eltern gefragt hatte.
Wenn das stimmt, dachte Rena, wenn sie es mich auf eine solche Art büßen lassen wollten ... dann gibt es dafür nur ein passendes Wort. Bösartig.
Rena ging hinüber zum Stumpf ihres Baumes, legte die Hände darauf, versuchte einen Lebensfunken darin zu spüren. Seine Aura war sehr schwach. Der Baum, den sie gekannt hatte, war tot und verschwunden. Kip half ihr, die Lichtung nach übriggebliebenen Früchten abzusuchen, nach Samen, aus denen neue Bäume wachsen konnten. Sorgfältig knotete Rena sie in ein Tuch und verstaute sie in ihrer Tunika. Wenigstens würde die Viveca Nachkommen haben. Rena beschloss ihren neuen Lebensbaum an einem sicheren Ort zu pflanzen, neben ihrem und Tjeris Haus in Vanamee.
Sie warf noch einen Blick zurück, bevor sie losritten. Es war fast unerträglich, wie leer der Himmel über der Lichtung jetzt war ohne die ausladende Krone der Viveca.
„Wohin reiten wir?“, fragte Kip, als sie wieder auf dem Rücken des Dhatlas saßen.
„Zum Orakel“, sagte Rena mit zusammengebissenen Zähnen.
Auf halbem Weg holte Tjeri sie ein. Als sie ihm erzählte, was passiert war, nahm er sie ganz fest in die Arme. Wir sind in letzter Zeit nur noch damit beschäftigt, uns gegenseitig zu trösten, dachte Rena erschöpft und fragte ihn: „Hast du wenigstens Erfolg gehabt?“
Er seufzte. „Ich habe es Grawo schon sagen müssen: Seine Tochter ist tot. Anscheinend hat sie sich nachts vom Lager entfernt und dabei haben Blitzranken sie erwischt. Alles, was ich finden konnte, waren ihre Knochen, und die waren völlig überwuchert.“
„O nein“, sagte Rena traurig. Blitzranken waren neben Lanzenbäumen eine der größten Gefahren in der Provinz Alaak. Sie wuchsen im Frühjahr so schnell, dass sie sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit bewegen und unvorsichtige Reisende umschlingen konnten.
Schon bald standen Rena, Tjeri und Kip wieder vor dem schimmernden Tor des Orakels. Doch diesmal schüttelten die Soldaten die Köpfe, als Rena Einlass forderte. „Wir haben Befehl, Euch nicht mehr vorzulassen“, sagte der Offizier Lanjo bedauernd. „Da kann man nichts machen. Die Kinder ändern ihre Meinung selten.“
Rena wusste nicht genau, was sie eigentlich erreichen wollte – eine Bestätigung, dass ihr Verdacht stimmte, Strafe, Rache, zumindest eine Erklärung. Aber sie wusste, dass sie nun den Weg über den Rat gehen musste. Anders kam sie an das Orakel nicht mehr heran.
Schon am frühen Nachmittag erreichten sie die Felsenburg. Tjeri und Kip lagerten ein Stück weiter weg im Wald – nach dem, was Tjeri in der Felsenburg erlebt hatte, bekam man ihn nicht mehr dazu, diesen von zahllosen Tunneln und Räumen durchzogenen Berg zu betreten. Als junger Agent seiner Gilde hatte er sich in der Burg dazu verleiten lassen, die geheimnisvolle Quelle zu berühren. Zehn Monate lang hatte die Regentin ihn im Kerker dafür büßen lassen.
Rena stürmte durch das Haupttor und sofort zu den Räumen von Dorota, einer Delegierten des Hohen Rates, die Rena gut kannte. Sie wirkte gemütlich und nicht besonders helle, doch das täuschte.
„Schön, dich zu sehen, Rena – beim Erdgeist, was ist dir denn passiert?“
„Jemand hat meinen Lebensbaum gefällt“, sagte Rena und unterdrückte mühsam die Tränen. „Eine Viveca auf einer Lichtung westlich von hier.“
Entsetzen breitete sich auf Dorotas Zügen aus. „Wir haben angeordnet, dass eine Viveca gefällt wird. Blattfäule, war das dein Lebensbaum? Die Soldaten haben nichts Auffälliges an ihm bemerkt.“
„ Ihr habt das angeordnet?“
„Wir hatten keine Wahl. Das Orakel hat es gefordert. Es meinte, der Baum würde die Energien des Mondes stören. Wenn wir ihn nicht geopfert hätten, dann hätten wir keine Vorhersagen mehr bekommen.“
Rena war sprachlos. Immerhin hatte Dorota den Anstand, beschämt dreinzublicken. Sie konnte sich wohl denken, dass das mit den Energien des Mondes ein großer Unsinn war.
„Ihr habt euch erpressen lassen“, sagte Rena schließlich mühsam beherrscht. „Das Orakel wollte sich an mir rächen und durch euch konnte es das ohne jede Gefahr machen.“
„Was hätten wir denn tun sollen?“ Dorota ließ sich in einen gepolsterten Stuhl nieder. „Der Rat muss Daresh regieren, seine Zukunft sichern. Wenn man dabei die Möglichkeit hat, in die Zukunft zu sehen, dann macht man viele Fehler erst gar nicht. Natürlich wäre es zu viel von dir verlangt, dass du deinen Lebensbaum als Opfer für Dareshs Zukunft siehst.“
„Ja, das ist zu viel verlangt“, sagte Rena. Als sie sich an den kalten Blick der drei Kinder erinnerte, lief ihr ein Schauer über den Rücken. „Und wenn das Mond-Orakel die Zukunft von Daresh ist, dann habe ich Angst um uns alle.“
***
Die Nachricht, dass der Hohe Rat der Luft-Gilde Jorak empfangen würde, kam schon drei Tage später. Er sollte sich zum Mittsommertag in Eolus einfinden und eine Bestätigung seiner Mutter mitbringen, dass sie zur Luft-Gilde gehörte und er tatsächlich ihr Sohn war.
Staunend drehte Jorak den kleinen Pergamentzettel in den Händen. So weit war er noch nie gekommen, in all den Wintern nicht. Bisher waren seine Anliegen immer von untergeordneten Bediensteten des Rates abgewimmelt worden.
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