Julius Cäsar hat uns mit einigen Strichen ein Bild von der eigentümlichen Tätigkeit der Druiden als Lehrer und Erzieher hinterlassen. Ammianus Marcellinus spricht von ihren Unterrichts-und Bildungsanstalten, die wohl förmliche Gelehrtenschulen waren, ähnlich den ägyptischen Mysterien, dem pythagoreischen Bund, den Bauhütten und Baubrüderschaften der Steinmetzen oder „Freimaurer“ im Mittelalter. Er verglich die Brüderschaft der Druiden ausdrücklich mit jener der Pythagoräer, setzte also eine Art von Lebensgemeinschaft voraus. Über den Inhalt und die Art ihrer Lehre deckten die Druiden den Schleier des Geheimnisses. Die Schüler mussten gleich den Jüngern des Pythagoras alles durchs Ohr lernen. Die Druiden wollten wahrscheinlich verhindern, dass etwas von ihrer Lehre und ihrem inneren Wesen unter das Volk dringe. Offenbar wollten sie den alten Volksglauben nicht erschüttern noch hierdurch Verwirrung unter die minder gebildeten Geister bringen, die die philosophischen Lehren kaum fassen konnten. Aber sie wirkten trotzdem durch ihr Beispiel auf ihre Umgebung unverkennbar und nachhaltig. Cäsar musste dies erfahren, als die Gallier unter Verzingetorix zum vereinten Aufstand gegen die römischen Legionen sich erhoben, Cäsar spricht auch öfter von einem Divitiakus, doch erfahren wir erst durch seinen Zeitgenossen Cicero, dass dieser ein Druide und berühmter Weissager war. In seiner Beschreibung des Gallischen Krieges weiß indessen Cäsar nichts von den bösen Nachreden über das Druidentum zu berichten, die später auftauchten. Man sagte ihnen nicht bloß einen tollen Aberglauben nach, der ihrem Wissen und Lehren gar nicht gleich sah, sondern beschuldigte sie auch, dass sie Menschenopfer darbringen. Sie sollen ihre Opfer in dichte Weidengeflechte eingebunden und dann verbrannt haben. Richtig ist, dass sie ihre Toten, die sie nicht beerdigten, verbrannt und deren Überreste dann der Erde übergeben haben. Daher stammt der Name des im Weltkrieg vielgenannten Berges „Toter Mann“ bei Verdun. Schon der erste römische Kaiser, Oktavianus Augustus, erließ strenge Weisungen gegen die Druiden. Kaiser Claudius (41-54) hatte einen besonderen Zorn auf sie, da er sie wohl für die Organisatoren des starken Widerstandes halten möchte, den der unfähige Herrscher bei seinem ehrsüchtigen Unternehmen, Britannien zu erobern, fand. Er maßregelte die Druiden und erließ ein Verbot gegen die angeblichen Menschenopfer. Sein Zeitgenosse Lukanus gibt in seinem Gedicht „Pharsalia“ eine phantastische Schilderung eines Druidenhains und der unheimlichen Blutopfer:
Siehe, da stand ein Wald, seit urvordenklichen Zeiten
Nie vom Beile verletzt, mit dicht verschlungenen Ästen
Wehrt er in schattiger Kühle dem Strahle der Sonne und hütet
Heilige Nacht. Nicht Pane, der Bauern Beschützer, beherrschten,
Nicht die mächtigen Sylphen noch gütige Nymphen den Urwald.
Nein, ein barbarischer Kult mit grausam dampfenden Altar.
Jeglicher Baum troff menschliches Blut unheimlichen Göttern.
Ja, wenn Glaube verdient der Wunderglauben der Vorzeit,
Mieden die Vögel sogar auf seinem Gezweige zu sitzen,
Mied es das Wild zu lagern im Hain. Nie wagte der Wind sich
Rüttelnd an ihn, nie zuckte ein Blitz aus schwarzem Gewölke
Nieder zu ihm, nie regt in den Blättern sich säuselnd ein Lufthauch,
Sondern es zittert das Laub in eig'ner Bewegung erschauernd
Während aus schwärzlichen Quellen und trüb das Wasser dahinrinnt.
Traurig starren geformt aus unbehauenen Stämmen
Ohne Kraft und Gewalt die Bilder der finsteren Götter.
Schauder erregt die Verlassenheit, der vermorschenden Stöcke
Bleichere Färbung. Noch größere Furcht verbreitet der Gottheit
Ungewohnte Gestalt, denn fremde Götter erzeugen
Durch das Geheimnis heilige Scheu. Auch meldet die Sage,
Von Erdbeben durchhöhlt aufstöhne die Wölbung des Bodens.
Aber vom Falle erhöben sich neu die Bäume; im Feuer,
Ohne zu brennen, erstehe der Hain, es ringelten Drachen
Sich um die Stämme und flögen umher, die Leute vermieden
Hier in der Nähe den Boden zu bau'n, den Ort des Entsetzens
Überlassend der göttlichen Macht. Ob die Sonne im Laufe
Schreite zur Mittagshöh', ob finster über dem Himmel
Brüte die Nacht, — es scheue sogar der Priester des Ortes
Nähe, aus Sorge, er möge dem Herrn des Waldes begegnen.
Diese gräuliche Schilderung einer Weihestätte der Druiden stimmt freilich nicht mit den Bemerkungen des römischen Feldherrn Julius Cäsar überein, der bloß von heiligen Stätten der Druiden spricht. Cäsar war eben ein nüchterner Soldat, der die Dinge in der Wirklichkeit beobachtete, Lukanus ein Dichter, der sie in der Phantasie sah und an phantastische Sagen glaubte. Lebte er doch zu Zeiten des Kaisers Nero, da bereits auch die Christen beschuldigt wurden, dass sie Menschenopfer darbringen. Übrigens war das Druidentum damals in Gallien bereits im völligen Verfall. Sein Hauptsitz war außer Irland das südliche und westliche Britannien geworden. Dorthin wanderten auch die aus, die sich tiefere Kenntnis von der Lehre der Druiden verschaffen wollten. Cäsar hatte die Druiden als einen trotz ihrer Bescheidenheit und Zurückgezogenheit mächtigen und einflussreichen Stand bezeichnet und dieser Umstand scheint mehr als die ihnen nachgeredete Grausamkeit die Ursache gewesen zu sein, weshalb die Nachfolger Cäsars, die Kaiser Augustus und Claudius, die doch gegen griechische und orientalische Religionen sehr duldsam waren, aus politischen Verdachtsgründen gegen die keltischen Mysterien Maßregeln ergriffen. Das Geheimnis, die Abgeschlossenheit und der Zusammenhalt, der diese in gleicher Weise umgab wie die Liebesmahle der Christen, erregten den Verdacht der römisch-heidnischen Priesterkonkurrenz wie der zahlreichen politischen Spitzel, die die unwahrsten und unsinnigsten Verdächtigungen aufnahmen und den Behörden hinterbrachten.
Der Druidenbund hielt eben den nationalen Geist der Bevölkerung gegenüber der Fremdherrschaft aufrecht und bildete einen Kitt, der die Hoffnung auf Befreiung vom römischen Joche nicht absterben ließ. Da die geheime Arbeit des Bundes zwar nicht fassbar, aber fühlbar ward, so ordneten die Kaiser Maßregeln an, die sich auch auf die Ordnung des Schulwesens in Gallien erstreckten. Vermöge ihrer höheren Kultur und Bildung hatten nämlich die Druiden die Sprache der Eroberer sich zu eigen gemacht und überall in den Städten lateinische Schulen errichtet, in denen sie auch unter der römischen Herrschaft ihren Einfluss und Geist auf die Jugend weiter übertrugen. An den blühenden Druidenschulen wurden die Schüler des Wissens ihrer Lehrer nur dann vollkommen teilhaftig, wenn sie sich nach mehrjähriger Probezeit — Cäsar sprach von einer zwanzigjährigen Dauer des Vertrauens ihrer Vorgesetzten würdig erwiesen hatten und in die Mysterien (Geheimlehren) eingeweiht waren. Mit der Verbreitung des Christentums, entstand aber den Druiden und ihren Schulen in Gallien ein neuer Feind. Und schließlich sahen sich die Kaiser veranlasst, die Druiden über den Kanal nach England zu vertreiben, wo sie Dank ihrer Bildung wieder als Professoren auftreten konnten und ihre Kollegien als Akademien bezeichneten. Gegen Ende des 3. Jahrhunderts verließen die letzten Druiden vor dem vereinten Hass der heidnischen und christlichen Gegner das gallische Land, das sie wohl mehr als tausend Jahre beherrscht hatten. Aber mit ihrem Abzug starb in Gallien ihr Geist nicht aus. (Über das fernere Schicksal des Druidentums wird bei den Barden berichtet.)
Von der Lehre der alten Druiden selbst ist keine einzige schriftliche Mitteilung auf uns gelangt — ein Beweis für die Treue, womit sie das Schweigegebot hielten. Durch die mündliche Art zu lehren sollte die Aufmerksamkeit der Schüler angeregt, ihre Auffassung gestärkt, ihr Verstand geschärft, das Heilige der Lehre dem Geiste tief und unvertilgbar eingeprägt und vor jedem Missbrauch geschützt werden. Der bloß mündliche Unterricht mit Ausschluss schriftlicher Aufzeichnungen erforderte vor allem beim Lehrer die Ausbildung des Vortrages. Der Ton macht die Musik, den Gesang und die Rede. Daher erklärt sich auch die große und erfolgreiche Tätigkeit der irischen Missionäre in Deutschland. Bei uns entscheidet noch heute selbst bei Besetzung der Hochschulkatheder der Nachweis einer schriftlichen Arbeit, weshalb es öfter vorkommt, dass die Schüler mit den ersten Prüfungsnoten sich (um ein Bismarckwort zu gebrauchen) dumm studieren und selten eine fremde lebende Sprache, ja nicht einmal die eigene Muttersprache, schön und richtig sprechen lernen, eben weil sie diese nicht durchs Ohr, sondern durch die Schrift lernen mussten. Indessen lernten auch die Druidenschüler schreiben. Ihre Schriftzeichen glichen den griechischen, weshalb man auf den Gedanken kam, dass die Druiden bei dem griechischen Philosophen Pythagoras, der im 6. Jahrhundert vor Chr. in Unteritalien lebte, in die Schule gegangen sind. In der Tat bestand zwischen den Lehren und Lebensgewohnheiten beider Schulen eine große Ähnlichkeit. Auch erstreckte sich der Unterricht der Druidenschüler nicht etwa bloß auf die Theologie, sondern wie in der griechischen Philosophenschule des Pythagoras auf das Gebiet der Mathematik, Physik, Astronomie und Philosophie, ja sogar auf Arzneikunst und Politik. Die Unterweisungen und Lehrergebnisse wurden in dreifache und dreigegliederte Sätze oder Verse gefasst. Von diesen Triaden sind uns einige überliefert, so das Gesetz:
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