Französische Forscher leiten den Namen von den keltischen Worten De und Rhouid ab, das einen von Gott (De, lateinisch Deus) Redenden, also einen Theologen bedeutet. Im Isländischen heißt Truthia Gott, daher der Name Trutmann, Gottesmann. Im Irischen wurde in der christlichen Zeit aus dem Drui, Draoithe der Zauberer. Wie in anderen Ländern machten auch in Irland die Priester der herrschend gewordenen Religion aus den Göttern und Priestern der unterdrückten Religion verächtliche Wesen, Götzen und Zauberer. Im mittelalterlichen Latein erhielt sich aber der Drut, Drutes in der Bedeutung als Freund, Vertrauter, Vormünder. Auch im althochdeutschen Evangelienbuch des Mönches Otfried, der im 9. Jahrhundert im Kloster zu Weißenburg gelebt hat, heißt Druttines, Druth der Vertraute des Herrn Jesus. Karl der Große spricht in einer Verordnung (Capitulare Caroli C tit. 23 § 4) von dem comitatu drudorum et vassorum , dem Gefolge der getreuen Herren und ihrer Vasallen. Von dem Trudert und den Druden, die im späteren deutschen Hexenglauben eine Rolle spielten, wird noch die Rede sein. Ebenso von den Barden, jenen Erben der Druiden, die Gesang und Dichtkunst pflegten.
Die Druiden waren, um es in Einem zu sagen, die Gottesgelehrten, die Lehrer und Sänger, die Inhaber des gesamten Wissens, Astronomen und Astrologen, Propheten und Wahrsager, Gesetzgeber und Richter, Mathematiker und Baumeister wie die Chaldäer bei den Babyloniern, die Brahmanen bei den Indern, die Rabbiner bei den Juden, Pythagoras, Solon und andere Philosophen bei den Griechen. Ihr Gottesdienst war ein reiner Naturdienst. Die Kelten bauten sowenig wie die Deutschen Tempel, ihr Tempel war ein Hain, das ist eine geheiligte, gegen das Betreten von Unberufenen gefeite Waldstätte, wie sie uns bis zum heutigen Tag auf der Mainberger Markung erhalten blieb. Hain ist ein keltisches Wort wie der Main, beide sind eines Stammes und gehören zusammen. Main heißt im Französischen die Hand, im Englischen die starke Hand und wird in unserem Volksmunde heute noch ebenso wie im Französischen als Mähn ausgesprochen. Der Main mit seinen fünf starken Krümmungen ist die symbolische Hand, die ihre fünf Finger segnend über das schöne Frankenland ausstreckt und den Berg mit dem heiligen Hain liebreich umfasst, ein poetischer Gedanke, der zu den Empfindungen sich eignet, die uns an diesem wundersamen Ort umwehen und unsern berühmten Landsmann, den Dichter Friedrich Rückert, zu der Ode begeisterten:
Dir im Scheiden einen Gruß,
Mainberg, dessen Zinne blinket
Golden über'm Silberfluss.
Wenn nicht diese Berge wären,
Wäre nicht der Fluss so schön.
Und nur weil sie sich verklären
In dem Fluss, sind schön die Höh'n.
Weil sich mit dem Main der Weinberg,
Mit dem Weinberg schmückt der Main,
Darum heißt die Stelle Mainberg,
Schönster Berg- und Stromverein!
Die Erinnerung an den Druidenhain ward im Volke durch allerlei Sagen festgehalten, so durch das öftere Erscheinen von drei Gestalten in langen weißen Gewändern, aus denen die Dichtung drei geisterhafte Jungfrauen gemacht hat. Eine andere Sage erzählt uns Johann Heinrich von Falkenstein in seinen Nordgauischen Altertümern und Denkwürdigkeiten (Schwabach 1734). In der Umgebung von Schweinfurt habe in einem Hain nächst dem Main eine Erzfigur gestanden, der die Bewohner den Namen Lollusgegeben hatten. Sie habe einen nackten Jüngling mit gelbem krausem Haar dargestellt. Um den Hals trug er auf die Brust herabhängend einen Kranz von Mohnsamenkapseln. Mit der linken Hand hielt er einen Weinbecher, in dem Kornähren steckten. Mit der rechten Hand griff er nach dem Mund und fasste mit Daumen und Zeigefinger die Zunge. (Loll heißt heute noch im Englischen etwas heraushängen lassen.) Der Hain sei mit einer Umzäunung umgeben gewesen, wo das Volk zu gewissen Zeiten Trauben und Kornähren zu opfern pflegte. Johann Lorenz Bausch zitiert in seiner chronologischen Sammlung über Schweinfurt einen Brief des Priesters Sebastian Franck, Pfarrer zu Geroda, vom Jahre 1651, eine Beschreibung des Lollus, der ein Götze der Franken gewesen sei und die Jugendkraft, die Fruchtbarkeit und Zufriedenheit versinnbildlicht habe. Das Halten der Zunge deute die Schweigsamkeit an, denn viel Reden mache so wenig glücklich wie viel Reichtum. Nützlicher sei, die Zunge im Zaum und in Allem Maß zu halten.
Auch andere Gelehrte bemächtigten sich dieser Überlieferung. Wenn aber die Figur wirklich einmal im Hain gestanden hat, so war sie sicherlich kein Frankengötze, da die fränkischen Eroberer, die im 8. Jahrhundert das mittlere Maingebiet besetzten, bereits Christen waren und christliche Priester mitbrachten. Dass das Haupthaar des Lollus gelb war, ist noch kein Beweis, dass er deutscher Herkunft war. Denn auch die Kelten hatten gelbe oder rote Haare oder färbten sie rot. Das Festhalten der Zunge war zudem eine Eigenart keltischer Bildwerke. So schildert der griechische Schriftsteller Lukian (ums Jahr 170) ein keltisches Götzenbild, das er als einen Herkules bezeichnet, der an einer Kette die Schar seiner Gläubigen an sich gezogen habe und diese Kette sei an seiner Zunge befestigt gewesen. Der französische Gelehrte Salomon Reinach meint in seiner Geschichte der Religionen, durch die an der Zunge befestigte Kette habe der Künstler die Beredsamkeit bezeichnen wollen, die bei den Kelten hochgehalten wurde. Die keltischen Priester und Lehrer aber, die Druiden, hielten ihre Schüler vor allem auch zu strenger Verschwiegenheit an.
Heinrich von Falkenstein berichtet weiter, dass die vom hl. Kilian zum Christentum bekehrten Einwohner den Lollus umgestürzt und im Main versenkt haben. Als sie aber von der Ermordung ihres geliebten Apostels hörten, seien sie zu den alten Göttern zurückgekehrt, hätten sich ein neues Götzenbild des Loll gießen und es auf dem Platze aufstellen lassen, das noch heute im Kataster der Schweinfurter Markung den Namen Löllein trägt. Später sei die Figur vernichtet worden, aber der Name Loll hat sich im fränkischen Volksmund als verächtlicher Ausdruck für einen geistig minderwertigen Menschen — den Lölli — erhalten. In Passau zeigt man einen in der Außenmauer des Domes eingefügten Lölli, der dort den Namen Passauer Tölpel führt. Beide Namen sind gleichbedeutend und ihre Gleichheit ist auf die Verachtung zurückzuführen, die von den christlichen Priestern den heidnischen Götzenbildern gewidmet wurde. Man findet diese Erscheinung in allen Landen, wo das Christentum die herrschende Religion wurde. Der Geistlichkeit musste doch alles daran liegen, die Neigung zum Rückfall ins Heidentum zu unterbinden.
Man braucht nicht an solchen Sagen hängen zu bleiben. Aber die klassischen Örtlichkeiten, an denen sie kleben, bilden für den geistigen Beobachter Etappen, um ihre Umgebung mit Bildern und Gestalten zu beleben, die den gewöhnlichen Augen verborgen sind und dazu anregen, dem Zusammenhang der Religionen und Kulturen nachzugehen. So führt uns der Aufenthalt in dem Eichenhain bei Mainberg den von den Druiden gepflegten Gedanken an die Unsterblichkeit nahe, der sich in anderen Religionen in dem Glauben an die Seelenwanderung oder an die Wiederauferstehung ausdrückt, ein Glaube, der viel älter ist als das griechisch-römische Schrifttum, auf dem unser ganzer humanistischer Bildungsbetrieb seit einem Jahrtausend beruht. Die meisten unserer Religions- und Kulturhistoriker beschränken sich freilich darauf, die Ähnlichkeit christlicher Lehren mit griechisch-römischen Kulten und deren orientalischen Vorfahren nachzuweisen, statt das uns näher liegende Druiden- und Bardentum zum Vergleich heranzuziehen. Einzelne von ihnen versteifen sich noch darauf, das germanische Heidentum mit einem idealen Nimbus zu umgeben. Gewiss war die stärkere Betonung des Deutschtums bei dem Mangel nationalen Bewusstseins eine erzieherische und politische Notwendigkeit. Aber sie erzeugte doch eine gewisse Einseitigkeit und Voreingenommenheit in der Behandlung und Erfassung der höheren Zusammenhänge der Geisteskultur. Vor allem ließ sie uns verkennen, dass die Menschheit vielleicht eine andere schönere und bessere Entwicklung genommen hätte, wenn das Druidentum in Deutschland erhalten geblieben oder wenigstens in Frankreich nicht durch die römischen Gewalthaber vertrieben worden wäre. Die klösterliche Abgeschlossenheit, die der Druidenschule eigen war, hat doch auch in Griechenland die Verallgemeinerung des Wissens und der Moral, die der Schule des Pythagoras eigen waren, nicht zu hindern vermocht.
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