Sie hatte Daria zum Reiten gebracht und unternahm in der Zwischenzeit einen Spaziergang um den Obersee. Als sie so in der Sonne umher spazierte und sich vergegenwärtigte, wie gut sie es doch geschafft hatte, ihre Tochter ganz allein zu einem prachtvollen Teenager zu erziehen, war sie mächtig stolz auf sich und fragte sich, ob es nicht doch gut sei, alle wieder zu treffen. Wer wusste schon, ob sie noch alle in den gleichen heilen Familien steckten wie vor zwölf Jahren? Sie malte sich aus, wie ein Haufen malträtierter, unvorteilhaft gealterter, alleinerziehender Mütter sich über die Fehlentwicklungen ihrer einst so vielversprechenden Sprösslinge beklagten und sie selbst mittendrin, blütenfrisch, hochzufrieden und voller Stolz auf ihr wohlgeratenes Töchterchen. Sie würde da hingehen und es ihnen allen zeigen. Auf einmal kam ihr ein bekanntes Gesicht entgegen. Die Frau trug Sportkleidung und Walking-Stöcke. Sie erkannte sie sofort, sie hatte sich kaum verändert, nur ein paar Falten um Augen und Mund, der Gang begann ein klein wenig wacklig zu werden, denn Annette war eine Spätgebärende gewesen und sie trug die Haare jetzt durchgestuft und offenkundig blondiert, um das sich ausbreitende Grau zu kaschieren und mehr Volumen in die schon immer nicht so beeindruckende Haarpracht zu bringen – da waren Siemke und Daria gegenüber Annette und Lizzi schon immer die Gesegneteren gewesen. Natürlich gab Annette vor, Siemke nicht zu erkennen. Vielleicht hatte sie keine Lust, sich mit ihr zu unterhalten, aber vermutlich war das wieder nur eine ihrer zahlreichen Demütigungsversuche, doch Siemke ging in die Offensive, fest entschlossen, den Spieß umzudrehen.
„Ach, Hallo Annette, wir haben uns ja seit einer Ewigkeit nicht gesehen.“
„Entschuldigung, du musst mir auf die Sprünge helfen. Woher kennen wir uns?“
„Ich bin's, Siemke, die Mutter von Daria, aus der Krabbelgruppe. Ich hoffe, bei Dir geht’s noch nicht im Kopf los.“
„Wohl kaum.“, antwortete Annette kühl. „Weißt Du, in meinem Job begegne ich täglich so vielen neuen Gesichtern, da geht einem die eine oder andere flüchtige Bekanntschaft aus der Vergangenheit schon mal durch die Lappen. Und wie geht es euch?“
Siemke hatte es für einen Moment die Sprache verschlagen. Annette hatte es schon wieder geschafft, ihr den härteren Schlag zu versetzen. So schnell konnte sie nicht wechseln. Darum antwortete sie nur: „Ganz gut soweit. Hast Du auch die Einladung zur Konfirmationsfeier von Lorraine bekommen?“
„Oh ja. Ich werde da aber kaum erscheinen. Ich habe keine Ahnung, was Nadine sich dabei gedacht hat, unsere Kinder sind doch jetzt alle in dem Alter, warum sollen wir uns ausgerechnet zu Lorraines Konfirmation versammeln?“
„Na ja, es ist doch eine nette Idee, dass sich alle mal wieder treffen. Und wenn man eingeladen ist, hat man ja schließlich keine Arbeit mit der Bewirtung. Außerdem sind ja nicht alle konfirmiert worden. Daria jedenfalls nicht und Finn doch bestimmt auch nicht.“
„Nein, natürlich nicht.“, erwiderte Annette. „Isen hält ja nichts von der Kirche.“
„Ich auch nicht:“
„Ach ja?“
„Ich gehe jedenfalls hin.“, sagte Siemke. „Du kannst Dich ja hinterher mit Isen treffen und Dir berichten lassen.“
„Ich glaube kaum, dass Isen einer Einladung von Nadine nachkommt.“
„Dann eben nicht.“
„Ich kann es mir ja noch mal überlegen.“, räumte Annette ein. „Wahrscheinlich hast du Recht und es ist einfach eine nette Idee. Also dann vielleicht bis morgen.“
Als Annette weiterging, spürte Siemke plötzlich einen schweren Kloß im Hals. Sie hatte sich so auf das Treffen gefreut und jetzt würde die versnobte Edelmami wieder alles in Grund und Boden rammen mit ihren mageren, manikürten Klavierspielerinnen-Fingern, die immer wie Spinnenbeine den Kaffeebecher umschlossen hatten, als handele es sich um den Hals einer Rivalin. Diesmal nicht, dachte Siemke. Annette bog gerade um die Kurve ins unüberschaubare Dickicht der Uferbepflanzung. Vom letzten Winter lag noch ein Paar verlorener, vergessener oder entsorgter, rostiger Schlittschuhe unter einem Busch. Sie griff sich einen davon und hastete auf leisen Sohlen hinter Annette her. Mit einer Präzision, als wenn sie es ihr Leben lang trainiert hätte, traf sie Annette mit der Kufe am Schädel, so dass diese sofort zu Boden ging. Sie hätte es dabei belassen können, aber es gab keine Zeugen und sie war so voller uraltem Zorn. Immer und immer wieder drosch sie mit dem rostigen Schlittschuh auf die am Boden Liegende ein, bis sie sich nicht mehr rührte. Erst danach blickte sie sich geistesgegenwärtig um. Niemand war in der Nähe. Sie rubbelte die Fingerabdrücke mit einem Papiertaschentuch ab und schleuderte den Schlittschuh in den See. Dann atmete sie tief durch. Gleich würde sie Daria vom Reiten abholen und morgen hatte sie eine Einladung zum Kaffeetrinken, auf die sie sich jetzt ohne Abstriche freute.
Es war so seltsam still, als ich an diesem Morgen erwachte und das stand in krassem Kontrast zu der unruhigen Nacht, die ich gehabt hatte. Irritierende Geräusche hatten mich aus dem Schlaf gerissen, doch als ich bei vollem Bewusstsein gewesen war, waren die seltsamen Laute verklungen und außer ein paar quakenden Fröschen war nichts zu hören gewesen. Nun war es längst heller Tag und ich entschloss mich zu einem kurzen Frühstück, vielleicht traf ich dort den einen oder anderen aus meiner Familie. Doch schon während ich schlaftrunken zur Müsli-Schale stolperte, spürte ich, dass da irgendetwas anders war. Da war überhaupt keine Bewegung. Meine Brüder lagen reglos verteilt auf der Wiese, ein paar Federn lagen hier und da neben blutigen Grashalmen und von meinen Schwestern fehlte jede Spur. Ich rief verzweifelt nach ihnen, doch sie antworteten nicht. Bis zu diesem furchtbaren Morgen hatte ich fünf Schwestern und vier Brüder gehabt, nun waren all meine Schwestern fort und meine Brüder waren kalte, harte Leichen, deren gebrochene Augen ausdruckslos ins Leere starrten. Nicht einmal die goldenen Strahlen der Morgensonne vermochten den gewohnten Glanz in sie hinein zu zaubern.
Unsere Mama streute mir ein paar Sonnenblumenkerne hin, aber mir war der Appetit vergangen. Wie konnte ich Leckereien in mich hinein picken, wenn neben mir meine grausam gemeuchelten Brüder lagen und wer wusste schon, wohin, der oder die Täter meine Schwestern verschleppt hatten und was man dort, wo sie jetzt waren, mit ihnen anstellte? Unser Papa kam dazu und sagte zur Mama: „Ich tippe auf den Fuchs.“
„Aber gleich alle?“, fragte die Mama. „Agathe ist doch nur übrig geblieben, weil sie unter dem Schuppen brütet. Das muss eine ganze Horde Füchse gewesen sein.“
„Nein, nein.“, entgegnete der Papa fachkundig. „Wenn die in einen Hühnerstall einbrechen, beißen die zuerst alle Vögel tot und transportieren dann einen nach dem anderen ab. Der muss mittendrin gestört worden sein, deswegen liegen die restlichen hier noch. Ich hole gleich mal einen Spaten und beerdige die armen Vögel.“
„Inklusive Vaterunser?“, fragte Mama.
„Wenn du durchaus darauf bestehst.“
„Ach was. Aber wir könnten wenigstens 'Geh aus mein Herz' singen.“
„Als Beerdigungslied?“
„Wieso nicht. Du predigst doch immer, dass Tod und Auferstehung zusammenhängen. Oder hast Du Angst, dass hier dann demnächst nächtens Zombiehühner durch den Garten marodieren und die Petersilie verseuchen?“
Papa schüttelte mit dem Kopf. „Was für krude Vorstellungen du hast. Ich glaube, Du musst noch einmal eineinhalb Jahre meinen Konfirmandenunterricht besuchen.“
„Um Gottes Willen!“, protestierte Mama. „Willst du mich zu Tode langweilen?“
„Mein KU ist nicht langweilig!“
„Hast du mal deine Konfirmanden gefragt?“
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