„Aber Du meinst, es lag nicht an Annette?“, fragte Siemke angriffslustig.
„Ich hatte einfach keine Zeit.“, erklärte Nadine entschieden. „Und jetzt lasst uns nicht über Abwesende lästern, ist doch schön dass sie uns Fünf nicht auseinander gebracht hat.“
„Das hätte sie aber.“, entgegnete Siemke mit frostigem Blick.
Isen erklärte, sie müsse einmal vor die Tür, eine rauchen.
„Ich komme mit.“, erklärte Tanja. Vor der Haustür zündeten beide sich eine Zigarette an. „Ich rufe noch mal bei Annette an.“, meinte Isen.
„Wieso?“, fragte Tanja.
„Bei Siemkes letztem Spruch lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich will nur wissen, dass es ihr gut geht.“
Lizzi war am Telefon. Sie war vollkommen aufgelöst. Man hatte Annette mit eingeschlagenem Schädel am Obersee gefunden. Es gab noch keinen Hinweis auf den Täter oder die Täterin. Aber Isen wusste, was zu tun war. Als Tanja fragte: „Und? Ist sie okay?“, antwortete Isen: „Ja, sie hat nur schreckliche Kopfschmerzen, wohl schon seit Tagen. - Du, Tanja, ich muss noch einmal kurz allein telefonieren, was Privates.“
„Schon gut.“, sagte Tanja. „Ich habe mir sowieso abgewöhnt, die Zigaretten ganz aufzurauchen. Ich gehe wieder ins Haus.“
Isen wählte die 110. Sie würde der Polizei den entscheidenden Hinweis geben.
Tanja ging wieder ins Haus. „Annette hat nur Kopfschmerzen.“, flötete sie.
Siemke erbleichte. Als Gabi ihre flatternden Hände beobachtete, ahnte sie, dass etwas Unvorstellbares vorgefallen war.
Sie war in der Nähe von Hannover aufgewachsen, Einzelkind in einem kleinstädtischen Vorort, die Eltern beide berufstätig, immer da für ihr Kind, aber leider mit einem schrecklichen Hang zum Kontrollzwang. Nach dem Abitur war sie endlich ausgebrochen. Zu ihrem großen Glück hatte sie einen Studienplatz im Ruhrgebiet erhalten und auch wenn sie nach wie vor von den Unterhaltszahlungen ihrer Eltern abhängig gewesen war und sie mit monatlichen Wochenendbesuchen hatte bei Laune halten müssen, hatte sie doch endlich ihr eigenes Leben leben können.
Sie machte ihren Abschluss in Germanistik und Theaterwissenschaften, aber niemand hatte Verwendung für die hochqualifizierte, junge Frau. Um einer weiteren Abhängigkeit von ihren Eltern zu entfliehen, stürzte sie sich ins lukrative Liebesleben. Nein, nicht was Sie jetzt denken, selbstverständlich ging sie nicht anschaffen, aber so signifikant war der Unterschied nun auch wieder nicht, wenn auch gesellschaftlich weniger geächtet. Sie suchte sich einen Partner, der sie versorgte. Aber moderne Männer waren auf Dauer zu solchen Versorgungsleistungen nicht mehr bereit und so flatterte sie wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte und wurde ganz nebenbei ausgerechnet von einem wenig leistungsfähigen Ausrutscher bestäubt. Das Ergebnis war Daria und noch lange, bevor ihr Bauch sich rundete, hielt sie Ausschau nach einem geeigneteren Kindsvater. Das Vorhaben gelang: ein zuverlässiger, sanfter Theaterpädagoge mit geregeltem Einkommen und naiv genug, die Geschichte einer kürzeren Schwangerschaft ungeprüft zu akzeptieren.
Damals wähnte Siemke sich in Sicherheit, doch schon während ihrer Trächtigkeit verlor der Auserwählte wie aus heiterem Himmel seinen Arbeitsplatz und bei seiner speziellen Qualifikation war auch nichts Neues in Sicht. Zu all dem Elend gesellte sich außerdem ein Bandscheibenvorfall, der es ihm für unbestimmte Zeit unmöglich machte, mehr als zwei Kilogramm auf einmal zu heben. Siemke musste also sämtliche Einkäufe erledigen und das Kind ganz allein versorgen, während der Lebenspartner nutzlos und klagend ganztägig das gemeinsame Wohnzimmer belagerte. Diesen Zustand ertrug sie exakt, bis Daria acht Wochen alt war, dann teilte sie ihrem Partner die Trennung mit und suchte sich innerhalb von zwei Wochen eine Sozialwohnung. Es waren die Lebensgefährten ihrer Freundinnen, die die Möbel schleppten und die Freundinnen, die die Wände strichen. Vom vermeintlichen Kindsvater klagte sie außerdem Unterhaltszahlungen ein, er bekam ja genug Arbeitslosengeld.
Als Daria drei Monate alt war, nutzte Siemke das Angebot der örtlichen Kirchengemeinde. Sie hatte zwar mit den Christen nichts im Sinn, aber auch keine übermäßigen Vorbehalte und außerdem gab es keine andere Krabbelgruppe vor Ort.
Die Gruppe war klein und übersichtlich. Da war die elegante Annette mit ihrer Tochter Edda-Elisabeth, die sie aber immer nur Lizzi nannte, die raubeinige Gabi mit ihrer Tochter Luna, die unkonventionelle Isen mit ihrem Sohn Finn, die freundliche Nadine, mit ihrer Tochter Lorraine, und die fröhliche Tanja mit ihrem Sohn Jan-Ole. Sie fühlte sich wohl in der Gruppe und freute sich, dass es auch zu nachmittäglichen Treffen bei der einen oder anderen zu Hause kam. Hier fand sie die Solidarität, die sie als alleinerziehende Mutter brauchte, Lösungsvorschläge für ihre Probleme, aber auch Unterstützung im Alltag. Das hätte gut noch bis zur Kindergartenzeit so weitergehen können, aber dann hatte die elegante Annette immer so ganz nebenbei im lustig-leichten Tonfall Siemke korrigiert, gehänselt, zurechtgewiesen und beleidigt. Sie thronte auf einem hohen Sockel, sie selbst gelernte Industriekauffrau und bis zur Schwangerschaft in Vollzeit beschäftigt im gut laufenden Unternehmen ihres Ehemannes, zeigte immer und überall mit überlegenem Lächeln und dem Gebaren einer Tochter aus gutem Hause, wie man sein Kind zu einem perfekten Menschen erzieht: An die Haut ihrer Tochter ließ sie nur Naturtextilien in Bioqualität, wenn sie den Gemüsebrei nicht selbst kochte, kaufte sie auch nur garantiert Zuckerfreie Babynahrung aus dem Bioladen und da sie schon jetzt eine Waldorf-Karriere für ihr Kind plante, wurde das Mädchen auch konsequent von den schädlichen Einflüssen eines einlullenden Bildschirms ferngehalten und – wie Siemke ihr unterstellte – nicht um das Kind zu schützen, sondern um bei der Bewerbung um den Waldorf-Kindergartenplatz bestehen zu können und so die eitlen und ehrgeizigen Bestrebungen der geltungssüchtigen Mutter zu befriedigen.
Aber Annette reichte es nicht, allen zu zeigen, dass sie die Supermutter einer perfekten Tochter war. Um sich noch mehr Glanz zu verleihen, musste sie zusätzlich andere abwerten. Nicht alle natürlich, sie brauchte ja jene, die sie weiterhin uneingeschränkt bewunderten, also musste sie ein Opfer auswählen für ihre Demütigungen, bei dem sie ein leichtes Spiel hatte, dass alle Anderen mit ihr in ein Horn stießen. Siemke war die einzige Alleinstehende in der Gruppe, bei allen anderen Kindern lebte auch der Vater in der gleichen Wohnung oder war zumindest präsent und übernahm Verantwortung. Und weil sie häufig um Rücksicht oder Unterstützung bitten musste, wurde sie den anderen, privilegierten Müttern bald lästig und niemand nahm sie vor Annettes Angriffen in Schutz, außer vielleicht Nadine, die zeigte sich anfangs noch solidarisch, zog sich aber irgendwann auch in ihr privilegiertes Kleinfamilienleben zurück und erfüllte außerdem nicht Siemkes intellektuellen Ansprüche. Sie suchte sich eine neue Krabbelgruppe, da musste sie zwar mit der Straßenbahn fahren, aber hier fanden sich wenigstens eine Menge Frauen in einer ähnlichen Lebenslage wie sie selbst.
Daria hatte mit drei Jahren einen KiTa-Platz bekommen und Siemke hatte endlich einen Job gefunden, mit dem sie sich und ihre Tochter über Wasser halten konnte, der Plan, einen Mann als Versorger aufzutun, schlug weiterhin fehl. Daria kam problemlos durch die Grundschule, erhielt eine Gymnasialempfehlung und wechselte auf die nahegelegene Gesamtschule, wo sie ebenfalls sehr gut zurechtkam. Eigentlich war sie ziemlich zufrieden, aber dann bekam ihr zerbrechliches Glück einen kleinen Riss, als sie an einem schönen Aprilvormittag einen cremefarbenen Büttenumschlag aus dem Briefkasten zog. Nadine lud zur Nachfeier der Konfirmationen ein. Genaugenommen zu Lorraines Nachfeier. Daria war nicht zum kirchlichen Unterricht gegangen und Isens Sohn sicher auch nicht. Jetzt sollten also mal wieder die Ergebnisse verglichen werden – welcher Sprössling hat sich am besten entwickelt? Sie war so stolz auf Daria, aber sie ahnte schon, wie die elegante Annette ganz nebenbei fallen ließ, dass ihre Lizzi, sich nach zwei übersprungenen Klassen auf ein Auslandsjahr in den USA freute und nebenbei im Schulorchester ganz außerordentlich schön Klarinette spielte, oder Violine, auf jeden Fall die erste Geige. Sie würde wieder alles kaputt machen und hinterher würde Siemke sich ein halbes Jahr lang schlecht fühlen. Sie machte ja schon jetzt alles kaputt, weil Siemke sich präventiv das Ausschlagen der Einladung verordnete. Und dann kam alles ganz anders.
Читать дальше